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Türkische Offensive : Letzte Hoffnung Baschar al Assad?

Türkische Soldaten auf dem Vormarsch Bild: AFP

Russland unterstützt den türkischen Angriff auf Afrin – denn davon könnte sein Hauptverbündeter Assad profitieren. Und vor allem ärgert es Amerika.

          Ohne Russlands Billigung, da sind sich fast alle Beobachter einig, hätte die Türkei ihren militärischen Vorstoß gegen die derzeit noch kurdisch beherrschte Region Afrin im Nordwesten Syriens nicht wagen können. Zumindest wäre der Beschuss des Kampfgebietes durch türkische Artillerie und die Bombardierung von Stellungen syrischer Kurden aus der Luft mit der Gefahr verbunden gewesen, auch russisches Militär zu treffen – wenn Russland seine Kräfte zuvor nicht abgezogen hätte. Mit dem Abzug seiner Militärbeobachter aus dem Gebiet Afrin gab Moskau der Türkei das Schussfeld frei. Für Russland hat der türkische Angriff einen wünschenswerten Nebeneffekt: Er verschärft einen seit Jahren schwelenden Streit zwischen Ankara und Washington über die Rolle der syrischen Kurden, da die nun von der Türkei angegriffenen kurdischen „Volksschutzeinheiten“ zugleich die wichtigsten Hilfstruppen der Amerikaner im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) waren.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Doch es gibt womöglich noch einen weiteren Grund dafür, dass Moskau die Türken gewähren lässt – zumindest behaupten das kurdische Quellen aus Afrin. Demnach unterstützt Russland den türkischen Einmarsch auch deshalb, weil es die bedrängten Kurden dazu bringen will, sich in ihrer Not dem russischen Hauptverbündeten in Syrien anzunähern, dem Diktator Baschar al Assad. Das Moskauer Leitmotiv laute demnach: Schutz vor den Türken gibt es nur bei Assad. Der hat seit mehr als fünf Jahren nichts mehr zu sagen in Afrin. Im Sommer 2012 hatten die „Volksschutzeinheiten“, die personell und ideologisch eng mit der in der Türkei aktiven kurdischen Terrorbande PKK verbunden sind, in Afrin die Macht übernommen. Assads Truppen mussten sich zurückziehen, da der Diktator sie anderswo in seinem zerfallenden Staat dringender brauchte. Nun könnte das Regime wieder die Oberhand gewinnen – dank türkischer und russischer Hilfe.

          Das ist zwar einstweilen nicht beweisbar und basiert allein auf Darstellungen kurdischer Politiker in Afrin, die behaupten, dass Russland offen Druck auf die lokalen kurdischen Machthaber ausübe, ein Arrangement mit Assad zum Schutz gegen die Türkei einzugehen. Nachweisbar ist allerdings, dass die Türkei als ihren Hauptfeind in Syrien nicht mehr wie einst Assad sieht, sondern die „Volksschutzeinheiten“. Noch bis zum Mai 2016, als Ahmet Davutoglu türkischer Regierungschef war, galt in Ankara die Devise, Assad sei der einzige Terrorist in Syrien, alles andere nur eine Folge seiner Politik. Doch das gilt nicht mehr. Ankara nähme eine Machtübernahme des Assad-Regimes in Afrin im Zweifelsfall wohl als das geringere Übel hin.

          Eine andere Frage ist, wie rasch die türkische Invasion des Gebietes überhaupt abgeschlossen werden kann. Erdogan verspricht seinen Anhängern eine rasche Niederwerfung des kurdischen Widerstands in Afrin und kündigt in seinen Reden bereits das nächste Eroberungsziel an: die syrische Stadt Manbidsch, etwa hundert Kilometer östlich von Afrin. Auch sie wird von syrischen Kurden kontrolliert, was die Türkei ändern will. Sie beruft sich darauf, dass die Amerikaner versprochen hätten, nach dem Sieg über den IS die Kooperation mit ihren syrisch-kurdischen Hilfstruppen einzustellen. Erst als klar geworden sei, dass Washington keineswegs die Absicht habe, die Kurden fallenzulassen, sondern im Gegenteil eine kurdisch dominierte Grenzschutztruppe in Nordsyrien aufbauen wolle, sei in der Türkei der endgültige Entschluss zum raschen Beginn des zweiten syrischen Feldzugs seit 2016 gereift, berichten gut informierte Gesprächspartner in Ankara.

          Doch während die türkischen Streitkräfte den „Volkschutzeinheiten“ haushoch überlegen sind, entspricht die in Ankara verbreitete Propaganda, laut der die Bevölkerung Afrins nur darauf warte, vom „kurdischem Terror“ befreit zu werden, nicht der tatsächlichen Stimmung. Bei den meisten Kurden ohnehin nicht, doch auch nicht bei den nichtkurdischen Minderheiten Afrins. So befindet sich im Gebiet Afrin das – mehr als zwei Dutzend Dörfer und Siedlungen umfassende – größte zusammenhängende Siedlungsgebiet der Jesiden in Syrien. Sie sehen vielleicht nicht in den Türken, wohl aber in deren zum Teil islamistischen arabischen Hilfstruppen eine akute Bedrohung. Zudem gibt es in Afrin eine alevitische Minderheit, der auch Hevi Mustefa angehört, die Regierungschefin der Region. Die Aleviten, die in der Türkei systematisch ausgegrenzt werden, dürften eine Machtübernahme durch von Ankara eingesetzte Statthalter ebenso wenig als Befreiung empfinden wie die Jesiden. Wenn der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim also sagt: „Wir sind keine Invasoren, wie die schwarze Propaganda der Terroristen behauptet“, dann wird seine Lesart vermutlich nur von Wenigen in Afrin geteilt.

          In der Türkei hat der zweite Einmarsch der Armee in Syrien derweil alle „türkischen“ Parteien geeint. Während die halb zerschlagene, von Kurden und einem Teil der türkischen Linken gewählte Partei HDP Kritik an der Invasion übt, gibt es ansonsten keine Opposition dazu. Die chauvinistische „Partei der nationalistischen Bewegung“ ist seit dem türkischen Verfassungsreferendum von 2017 ohnehin keine Oppositionskraft mehr und unterstützt Erdogan vorbehaltlos. Doch auch Kemal Kilicdaroglu und seine „Republikanische Volkspartei“, die CHP, stellen sich ganz hinter den Feldzug der „ruhmreichen Streitkräfte“: Man habe vollstes Vertrauen in die „mutige türkische Armee“ und unterstütze den Einmarsch. „Kein Land würde eine Terrororganisation an seiner Grenze dulden“, sagt Kilicdaroglu. Die neu gegründete, in Umfragen schon bemerkenswert starke „Gute Partei“ der Nationalistin Meral Aksener steht ohnehin hinter den Streitkräften. Die Kurden, die Russen und vor allem Amerikanern noch gestern als Kämpfer gegen den IS willkommen waren, sind dagegen wieder einmal das Kleingeld im Tauschhandel der Großmächte.

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