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Viel mehr Militärmanöver: Russland übt den Krieg drei Mal so oft wie die Nato

Russland übt den Krieg drei Mal so oft wie die Nato

Von LORENZ HEMICKER

23.08.2017 · Nach Recherchen von FAZ.NET hat Russland seit 2015 deutlich mehr Militärübungen abgehalten als die Nato und ihre Mitgliedsstaaten in Europa. Die Ergebnisse sind für den Westen alarmierend.

Militärübungen Russlands und der Nato 2015-2017. Für weitere Informationen tippen Sie auf die Kreise. Quellen: Russisches Verteidiungsministerium, Nato, US Army, Royal Navy, Bundeswehr

Die russische Seite trainiert deutlich häufiger. Großmanöver sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Russlands Übungen mit mehr als 1500 Soldaten übersteigen die des Westens um ein Vielfaches. Und die Dunkelziffer könnte noch höher liegen. Zudem führt Russland zahlreiche Kampfbereitschaftsinspektionen durch. Der Westen keine einzige.

M itte September ist es wieder so weit. Russlands Streitkräfte blasen zum jährlichen Herbstmanöver. Und wieder einmal soll es alles in den Schatten stellen, was die westliche Welt daheim zu sehen bekommt. 100.000 Soldaten, vermuten westliche Experten, bereiten sich augenblicklich darauf vor, bei „Zapad“ (zu Deutsch: „Westen“) an der Nato-Ostflanke den Ernstfall zu üben, auch wenn von russischer Seite bislang nur von 13.000 Soldaten die Rede ist. Die Zahl ist kein Zufall. Würde Moskau nur einen Soldaten mehr angeben, so müsste der Kreml gemäß seiner Selbstverpflichtung als OSZE-Mitglied Beobachter zulassen.

  • Ein Kampfpanzer des Typs T-72B überquert am 21. Juli 2017 eine Ponton-Brücke auf dem Truppenübungsplatz Sergeyevsky im östlichen Militärdistrikt. Picture-Alliance
  • Scharfschützen durchstreifen während des Herbstmanövers „Kaukasus“ am 7. September 2016 das Gelände auf dem Truppenübungsplatz Sernovodsky. Picture Alliance
  • Russische Artillerie am 29. August 2016 während einer Übung von Truppen des südlichen Militärbezirks in der Region Wolgograd Picture Alliance
  • Luftlandetruppen aus der Region Ivanovo, aufgenommen am 17. März 2015 auf einem Flugplatz während einer Kampfbereitschaftsinspektion von Einheiten der nördlichen Flotte und des westlichen Militärbezirks Picture Alliance
  • Russische Kampfhubschrauber des Typs Kamow Ka-52 „Alligator“ überfliegen am 27. Juni 2017 während einer Übung im südlichen Militärdistrikt den Truppenübungsplatz Andreyevsky. Picture Alliance
  • Taktische Bomber des Typs Su-24 „Fencer“ fliegen am 11. Februar 2015 während eines Manövers im Süden Russlands über den Wolken. AFP

Das Manöver, das seit Monaten akribisch vorbereitet wird, weckt böse Erinnerungen an die Zeit des Kalten Krieges, nicht nur des Namens wegen. Auch das Programm gibt Anlass zur Sorge. Die Übungen werden rund um den empfindlichsten Teil des Nato-Bündnisgebietes abgehalten: das Baltikum. Denn stattfinden soll die Übung in Weißrussland, der baltischen See und der russischen Exklave Kaliningrad, die nur die gut hundert Kilometer breite polnisch-litauische Grenze von Weißrussland trennt. Ist das Baltikum der empfindlichste Teil des Nato-Gebietes, ist diese Grenze seine Achillesverse, kaum zu halten gegen einen Vorstoß der haushoch überlegenen russischen Streitkräfte, die mit einem militärischen Sichelschnitt vermutlich binnen Stunden die Nato-Truppen im Baltikum einkesseln könnten.

Mit der Teilnahme der 1. Gardepanzerarmee gewinnt „Zapad“ noch einmal an zusätzlicher, symbolischer Brisanz. Der neu aufgestellte Großverband war im Zweiten Weltkrieg eine der Speerspitzen der Roten Armee beim Vormarsch nach Berlin und vereint gut ausgebildete Soldaten mit modernen, gut gepanzerten Fahrzeugen. Zwar versichern ranghohe Militärs wie der Kommandeur der amerikanischen Heereskräfte in Europa, dass kein Anlass zur Sorge bestehe. „Wir werden vorbereitet sein“, sagte Generalleutnant Ben Hodges jüngst der „New York Times“ anlässlich der Entsendung von 600 amerikanischen Fallschirmjägern in die baltischen Staaten. Doch wie gut ist der Westen tatsächlich auf einen militärischen Konflikt mit Russland vorbereitet?

So präsentiert der Kreml seine Streitkräfte: Einheiten des Heeres und der Luftwaffe üben im Sommer in der Region Pskov, nahe der Grenze zur Nato, das Zusammenwirken. Video: Russisches Verteidigungsministerium

Offenbar weniger als bislang angenommen. Als sicher gilt, dass die Nato mit ihren multinationalen Bataillonen in Estland, Lettland, Litauen und Polen inklusive den heimischen Streitkräften gegen eine konventionell vorgetragene russischen Offensive allein schon zahlenmäßig chancenlos wäre. Maximal 60 Stunden, schätzt die amerikanische Denkfabrik „Rand“, bräuchte es, bis die Russen in Riga, Tallinn oder beiden Hauptstädten zugleich stünden. Und auch wenn die Nato-Staaten auf dem Papier mit Russland keinen Vergleich zu scheuen braucht: Ob sie bereit wären, Estland, Lettland und Litauen wieder freizukämpfen, ist trotz der Selbstverpflichtung aller Nato-Mitglieder auf die Verteidigung des Bündnisgebietes eine Glaubensfrage.

Die Präsenz im Baltikum gilt – ähnlich wie in West-Berlin zur Zeit des Kalten Krieges – mehr als politisches denn als militärisches Abschreckungsinstrument, da in einem solchen Fall automatisch zahlreiche Bündnisstaaten betroffen wären. Mit der gesamten Nato, so das Kalkül, werde sich der Kreml schon nicht anlegen. Doch müht sich die Allianz inzwischen nichtsdestotrotz, mit Blick auf die Kampfkraft der eigenen Truppen durch zusätzliche Übungen und Manöver gegenüber Russland aufzuschließen. Ein leichtes Unterfangen ist das nicht.

Fingerzeig Richtung Russland: Die Nato präsentiert in diesem Video das von Deutschland geführte, multinationale Nato-Bataillon in Litauen als militärischen Rückhalt der Nato-Ostflanke. Seine politische Botschaft: Wer das kleine Land angreift, greift das gesamte Bündnis an. Video: Nato

Bekannt war bereits, dass die Großmanöver der Nato den Umfang der Russen bislang nicht erreichen. Nun aber ist klar, dass das Bündnis von seinem selbst gesetzten Ziel in noch deutlich größeren Umfang entfernt ist als bislang bekannt war. Nach Recherchen dieser Zeitung übertreffen die Übungsaktivitäten Russlands die der Nato auch drei Jahre nach der Annexion der Krim und des Kriegs in der Ostukraine um das Vielfache. Das ergibt sich aus der Analyse Tausender englischsprachiger Pressemitteilungen der russischen Streitkräfte sowie Informationen der Nato und ihrer Bündnisstaaten. Für den Zeitraum von Neujahr 2015 bis Mitte August wurden sämtliche Übungsaktivitäten erfasst, bei denen offenkundig 1500 Soldaten und mehr eingesetzt wurden. Ein Maß, das sich am Mindestumfang einer Brigade orientiert, also eines selbständigen Verbands des Heeres. Die Ergebnisse sind alarmierend, zumal es Hinweise darauf gibt, dass, die Übungsintensität der Russen tatsächlich noch größer sein könnte. Nato-Generalsekretär Stoltenberg fordert von Russland mehr Transparenz.

  • Sie sind Teil der amerikanische Streitkräfte in Europa: Fallschirmjäger der 173. Luftlandebrigade aus dem italienischen Vicenza haben am 14. Mai 2014 während der Übung „Black Arrow“ nahe der litauischen Stadt Rukla Stellung bezogen. Reuters
  • Treffen auf See: U33 (Deutsche Marine), die HMCS Fredericton (Kanada) und ein niederländischer Hubschrauber am 4. Mai 2015 vor Norwegen während des Nato-Manövers „Dynamic Mongoose“ Picture Alliance
  • Sie sollen die Ängste der Balten vor Russlands Übermacht verringern: Deutsche Soldaten des Nato-Bataillons in Litauen stehen auf ihren gepanzerten Fahrzeugen, aufgenommen am 17. Mai 2017 auf dem Truppenübungsplatz Pabrade. Reuters
  • Ein rumänischer Soldat läuft am 8. März 2017 auf der Luftwaffenbasis Kogalniceanu im Rahmen der Nato-Übung „Atlantic Resolve“ auf einen „Blackhawk“-Transporthubschrauber des amerikanischen Heeres zu. EPA
  • Ein amerikanischer Soldat besteigt am 23. Januar 2015 während der Übung „Allied Spirit I“ einen Stryker-Radpanzer auf dem bayerischen Truppenübungsplatz Hohenfels. Picture Alliance

Während sich auf Nato-Seite im Beobachtungszeitraum 38 Übungen mit mehr als 1500 Soldaten zählen ließen, kommt Russland im selben Zeitraum auf 124 und damit mehr als dreimal so viele. Das lässt erahnen, wie viel besser die russischen Einheiten darauf vorbereitet sind, in größeren Truppenumfängen zusammenzuwirken. Die Unterschiede werden umso größer, je kleiner die Übungen sind. Beträgt die Quote bei Übungen mit mehr als 10.000 Soldaten zwei zu eins, liegt sie bei Übungen von 5.001 bis 10.000 Soldaten bei drei zu eins und bei Übungen mit 1500 bis 5000 Soldaten bei vier zu eins.

Zudem führen die Russen hunderte Kampfbereitschaftsinspektionen pro Jahr durch, die militärische Organisationseinheiten mit wenigen hundert Soldaten bis hin zu Zehntausenden von jetzt auf gleich in Kriegsbereitschaft versetzen. Diese Zeitung zählte im Untersuchungszeitraum 22 Kampfbereitschaftsinspektionen mit einer Größe von über 1500 Soldaten. Die Nato führt bis heute keine einzige durch.

Bei den Mühen, die Übungslücke zu schließen, kommt die Nato nur zögerlich voran. Und das auch nur, weil die russische Seite ihre Aktivitäten, vermutlich aufgrund anderweitiger Verpflichtungen wie in Syrien, leicht gesenkt hat. Die Zahl der russischen Übungen mit mehr als 1500 Soldaten sank von 54 Stück im Jahr 2015 auf 44 Stück 2016. Für das aktuelle Jahr lässt sich ein ähnlicher Wert annehmen, angesichts von bislang 26 Übungen im Referenzrahmen. Die Nato und ihre Bündnisstaaten steigerten ihre Übungsaktivität im untersuchten Bereich von 2015 bis 2016 nur leicht von 13 auf 14 Übungen. Für das laufende Jahr ließen sich bisher elf Übungen erfassen. So haben wir gezählt.

Betrug das Verhältnis sämtlicher beobachteter Aktivitäten im Jahr 2015 noch über vier zu eins, lag es 2017 bislang bei knapp zweieinhalb zu eins. Dabei sind die erfassten Manöver auf russischer Seite eine vorsichtige Schätzung. Andere Untersuchungen, die Berichte über zusätzliche Übungen auf russischer Sprache zitieren, erhärten diese Ansicht ebenso wie die Gerassimow-Doktrin des russischen Generalstabs. Neben der viel zitierten Bedeutung hybrider Kriegführung lässt sich aus ihr herauslesen, dass an vollständiger Information über die eigenen militärischen Aktivitäten seitens Moskaus kein zwingendes Interesse besteht.

Dabei ist die Stoßrichtung der russischen Aktivitäten offenkundig: Die Übungshäufigkeit ist im westlichen und südlichen Militärdistrikt, die an das Nato-Bündnisgebiet beziehungsweise die Ukraine angrenzen, sehr hoch. Weitere Häufungen finden sich weiter im Osten, etwa in Regionen mit wichtigen Truppenübungsplätzen sowie an der Grenze zur Mongolei, zu China und zu Nordkorea. Die Nato hingegen übt im Baltikum deutlich weniger als die Russen in der angrenzenden Region. Die meisten Übungen des Bündnisses finden nach wie vor in Deutschland statt, wo auch das Gros der amerikanischen Truppen in Europa stationiert ist.

Westliche Forscher beobachten, dass die russischen Streitkräfte sich seit Jahren in immer umfangreicherem Maßstab auf groß angelegte Kampfoperationen vorbereiten, häufig auch mit der impliziten Möglichkeit einer Eskalation, die den Einsatz von Nuklearwaffen vorsieht. „2011 wäre eine Kampfbereitschaftsinspektion oder ein strategisches Manöver mit 100.000 Teilnehmern eine Sensation gewesen“, sagt der schwedische FOI-Experte Johan Norberg FAZ.NET. „Nun ist das die neue Normalität.“ Russland verfüge damit über einen asymmetrischen Vorteil.

Dieser Vorteil verrät wenig darüber, ob der Kreml seinen Vorteil militärisch eines Tages auch tatsächlich zu nutzen gedenkt. Zumal sich aus einer konventionellen Auseinandersetzung mit der Nato schnell ein nuklearer Schlagabtausch entwickeln könnte, aus dem, sollten sie es überhaupt noch erleben, keine Seite als Sieger hervorgehen würde. Doch die operative Überlegenheit an der Nato-Ostflanke erfüllt auch so schon einen Zweck. Die Angst, jederzeit angegriffen zu werden, sorgt für Instabilität und Kriegsangst im Westen. Das ist zweifellos im Sinne der jüngsten russischen Militärdoktrin.

Autor und Datenanalyse: Lorenz Hemicker
Datenanalyse: Sönke Sievers, Anna Grösch
Art Director: Robert Wenkemann
Datenvisualisierung: Fidel Thomet, Jochen Rößler, Jens Giesel

Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 23.08.2017 08:23 Uhr