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Rußland Tage des Terrors

02.09.2004 ·  Tschetschenische Rebellen haben ihre Drohung wahr gemacht und ihren blutigen Kampf nach Moskau und in die Provinz getragen. Auch knapp 24 Stunden nach Beginn des Geiseldramas in einer Schule im russischen Nordkaukasus zeichnet sich keine Lösung ab.

Von Markus Wehner, Moskau
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Es war der "Tag des Wissens", der erste Schultag in Rußland. Am ersten Tag des Septembers beginnt nach drei Monaten Sommerpause überall im Land das neue Schuljahr. Lehrer, Eltern und Schüler kommen zusammen, es werden Gedichte vorgetragen und kleine Szenen gespielt, eine Feierstunde in der Schule oder auf dem Pausenhof abgehalten.

Auch in der Schule Nummer 1 in der Stadt Beslan in der russischen Teilrepublik Nordossetien standen Jungen und Mädchen im Schulhof und sangen ein Lied, als maskierte Männer in Tarnanzügen mit Maschinengewehren auftauchten. "Ich dachte erst, es sei ein Scherz", sagt ein etwa zwölf Jahre alter Schüler. Er stand nicht weit vom Schultor, konnte wie einige andere Kinder fliehen. Doch die meisten Schüler, Lehrer und Eltern, zwischen 300 und 400 Menschen, sind in der Hand des Kommandos tschetschenischer Geiselnehmer. Unter ihnen sollen auch mehrere Frauen sein.2. Tag: Geiseldrama im Kaukasus - Schröder bietet Hilfe an

Beim Überfall auf die Schule gab es mindestens drei Tote, zwei Verletzte starben später im Krankenhaus. Die Geiselnehmer haben das Schulgebäude vermint. Sie verlangen die Freilassung verhafteter "Brüder", den Abzug der Russen aus Tschetschenien. Sie drohen damit, für jeden von ihnen, den die Polizei erschießt, fünfzig Geiseln umzubringen. Sie haben Kinder an die Fenster gestellt, damit Polizei und Armee die Schule nicht stürmen. Wartende Mütter ringen die Hände, wischen sich die Tränen aus dem Gesicht. Rußland erlebt einen weiteren Tag des Terrors.

Erwarteter Anschlag

Die Nachricht aus Beslan, einem 30 000 Einwohner zählenden Ort nahe der Stadt Wladikawkas im Nordkaukasus, erreichte Moskau, als man dort gerade die Spuren des Terroranschlags vom Vorabend beseitigt hatte. Die Angehörigen und Freunde der Opfer haben Blumen gebracht und Kerzen aufgestellt - ein in den vergangenen Jahren allzu gewohntes Bild. Eine Selbstmordattentäterin hatte sich am Dienstag abend vor einer Metrostation in die Luft gesprengt. In ihrer Tasche befanden sich zwei Kilogramm Sprengstoff, die Bombe war mit Schrauben und Metallteilen gefüllt, sollte möglichst großen Schaden anrichten. Die Frau hatte sich mit ihr dem Eingang der Metro-Station "Ryschskaja" genähert, drehte jedoch um, als sie dort Polizisten sah, die Passanten und ihre Taschen durchsuchten. Sie kehrte zurück in die Menschenmenge, zündete ihren Sprengsatz. Am Mittwoch starb das elfte Todesopfer im Krankenhaus.

Anders als bei dem Anschlag auf die beiden Flugzeuge in der vergangenen Woche sprach die Polizei diesmal ohne Verzögerung von einer Selbstmordattentäterin. Man hatte den Anschlag erwartet. Denn die beiden Frauen, Amant Nagajewa und Sazita Dscherbichanowa, die sich in den Flugzeugen in die Luft sprengten, waren mit zwei Freundinnen, mit denen sie in Grosnyj in einer Wohnung gelebt hatten, am 22. August in die russische Hauptstadt aufgebrochen. Die Zeitung "Iswestija" hatte vor einem weiteren Anschlag durch diese beiden Frauen gewarnt.

"Schwarze Witwen"

Doch erst am Mittwoch gab die Polizei die Fahndungsfotos von Marjam Taburowa und Rosa Nagajewa heraus, einer Schwester der Attentäterin aus einem der Flugzeuge. Wenn sich eine der beiden am Dienstag vor der Metro-Station in die Luft gesprengt hat, dann müßte noch eine weitere Kamikaze-Frau in Moskau unterwegs sein. Doch wie viele "lebende Bomben" es tatsächlich sind, weiß man nicht. Der Führer der radikalen tschetschenischen Islamisten, Schamil Bassajew, hat verkündet, daß in seiner Brigade 36 Selbstmordkandidatinnen für ihren tödlichen Einsatz bereitstehen.

Hunderte Menschen sind in den vergangenen Jahren in Rußland durch die Attentate von Tschetscheninnen gestorben, die sich in Zügen, an Bushaltestellen, in Metro-Stationen und in mit Sprengstoff beladenen Lastwagen in die Luft gesprengt haben - nun auch in Flugzeugen. Bekannt wurden diese Frauen, als 19 von ihnen an der Geiselnahme von mehr als 900 Theaterzuschauern im Moskauer Musical "Nord-Ost" im Oktober 2002 beteiligt waren. Damals taufte man sie "Schwarze Witwen", nach ihrer Kleidung und danach, daß sie Männer, Söhne und Brüder rächen wollten, die von den Russen in Tschetschenien getötet worden waren.

Fruchtbarer Boden für den neuen Islam

Warum tun dies meist junge Frauen? Der Bruder von Amanta Nagajewa wurde vor drei Jahren von russischen Soldaten von zu Hause abgeführt und kam nicht wieder. Ein russischer Geheimdienstoffizier berichtete der Familie später, er sei gefoltert worden und habe nicht begangene Straftaten zugegeben. Man habe ihn erschossen und seine Leiche in die Luft gesprengt, um das Opfer unkenntlich zu machen. So hat die Menschenrechtsgruppe "Memorial" das Schicksal des Mannes rekonstruiert, dessen 30 Jahre alte Schwester ein Flugzeug explodieren ließ. Andere Kamikaze-Frauen haben ein ähnliches Schicksal: Ajsa Gasujewa, die im November 2001 im tschetschenischen Urus-Martan einen russischen Kommandeur mit in den Tod riß, rächte ihren Mann. Er war vier Monate zuvor bei einer "Säuberung" mißhandelt und getötet worden - vor den Augen seiner Frau. Man hatte ihn verdächtigt, ein Rebell zu sein - fälschlich, wie sich später dann herausstellte.

Zehn Jahre Krieg in Tschetschenien haben die traditionellen Geschlechterbeziehungen und die Traditionen zerstört. Der tschetschenische, sufitisch geprägte Islam sieht keine Selbstopferung vor, ebensowenig das tschetschenische Gewohnheitsrecht Adat. Doch diese Regeln gelten nicht mehr. Denn die Männer können ihre Familien nicht mehr ernähren und beschützen, die Frauen sich nicht mehr auf ihre traditionell dienende Rolle zu Hause beschränken. In einer Welt, in der Haus und Hof, aber auch die traditionelle Weltanschauung zerstört sind, findet der neue Islam, wie ihn die islamistischen Prediger und Kämpfer aus dem arabischen Raum nach Tschetschenien brachten, einen fruchtbaren Boden.

„Gürtel der Märtyrer“

Jedoch nur in einzelnen Fällen entscheiden sich die Frauen selbst dazu, ihr Leben durch einen Terrorakt zu beenden. Nach einer Studie der russischen Journalistin Julia Jusik suchen die Islamisten gezielt Frauen aus, die dann als "lebende Bomben" dienen. Es sind, wie im Fall der jüngsten Attentäterinnen, Frauen zwischen Ende zwanzig und vierzig Jahren, geschieden oder unverheiratet, oft solche, die ohne Vater aufgewachsen sind. Solche Frauen werden von ihrer früheren Umgebung getrennt und ideologisch indoktriniert. Auch Psychopharmaka sollen eine Rolle spielen, um sie für ihre Tat bereitzumachen. Die Lebenskrise, in der sich diese Frauen befinden, ist jedoch das Ergebnis eines Jahrzehnts von Krieg, Gewalt und Zerstörung, für die Tschetschenen und Russen Verantwortung tragen.

Manche der Attentäterinnen sind keine zwanzig Jahre alt, wenn sie den mit Sprengstoff gefüllten "Gürtel der Märtyrer" anlegen. Die erste tschetschenische Selbstmordattentäterin, die sich und die russische Militärkommandantur in Alchan-Jurt am 6. Juni 2000 in die Luft sprengte, ging in die zehnte Klasse. In Tschetschenien hat sich eine "Palästinisierung" des Konflikts vollzogen, in dem bald auch Minderjährige kämpfen, Menschen töten und sich opfern könnten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2004
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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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