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Russland vor der Wahl : Rudeltanz im Gruppenwaschraum

Schülern des Instituts für Zivilluftfahrt in Uljanowsk tanzen in diesem Videoclip zu Benny Benassis Lied „Satisfaction“. Bild: Youtube/ULNFOX info

Der Kreml reagiert betont gelassen auf einen provokanten Videoclip – obwohl Spiel und Spaß mit homoerotischen Posen in Russland unschöne Folgen haben können. Doch die Angst ist groß, die Jugend könnte zu Putins größtem Widersacher überlaufen.

          Seit voriger Woche sieht man im russischen Staatsfernsehen viele spärlich bekleidete, tanzende junge Männer. Sie bewegen sich zu den Klängen von „Satisfaction“, eines Hits des italienischen DJ Benny Benassi. Die Sender lassen kaum einen Tag vergehen, ohne über mal mehr, mal weniger frivole Parodien zu dem Originalvideo aus dem Jahr 2002 zu berichten, in dem sich Frauen im Bikini zum hämmernden Takt und Synthesizer-Jaulen an Werkzeugen abarbeiten.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Videowelle ist nicht nur witzig, sondern auch aufschlussreich mit Blick auf Russlands Realitäten und die Absichten der Mächtigen vor den Präsidentenwahlen am 18. März. Es gilt, speziell die Jugend des Landes bei Laune zu halten. Sie soll lieber mit Dauerpräsident Wladimir Putin Spaß haben, als zu dessen größtem Widersacher überzulaufen, zu Aleksej Nawalnyj, der für Sonntag zu neuen Protesten aufgerufen hat.

          Am Dienstag voriger Woche gelangte eine Parodie zu Benassis Clip ins Internet, die offenbar zunächst nicht für die Allgemeinheit bestimmt war. Das Video stammt von Schülern des Instituts für Zivilluftfahrt in Uljanowsk, einer Stadt mit gut 624.000 Einwohnern rund 700 Kilometer östlich von Moskau.

          In der Parodie wackeln die angehenden Piloten, Bordingenieure und Fluglotsen in ihrer kargen Gemeinschaftsunterkunft in Unterwäsche mit dem Gesäß (man hat den Stil als „Twerken“ bezeichnet), schwingen Bügeleisen und Besen, lecken an Bananen. Dabei tragen sie Dienst-Schirmmützen, die die meisten Gesichter verdecken. Am Ende steht Rudeltanz im Gruppenwaschraum.

          Feldzug gegen Homosexualität

          Die Schüler konnten sich an einer „Satisfaction“-Youtube-Parodie britischer Soldaten von 2015 orientieren. In Russland aber können Spiel und Spaß mit homoerotischen Posen unschöne Folgen haben. „Propaganda von Homosexualität“ respektive „nichttraditioneller sexueller Beziehungen vor Minderjährigen“ ist strafbar, es werden Bußgelder verhängt.

          Aktivisten, die sich mit der Regenbogenflagge auf die Straße trauen, werden verhaftet, die Reaktion der Mächtigen auf eine Folter- und Mordkampagne gegen Schwule in der Nordkaukasus-Teilrepublik Tschetschenien ist lau. Der Feldzug gegen Homosexualität gehört zu der von der Russischen Orthodoxen Kirche flankierten Inszenierung des Landes als Hort „traditioneller Werte“, die in Putins dritter Amtszeit als Präsident seit 2012 zu einer zentralen Botschaft geworden ist.

          In dieses Bild passte jüngst ein Film des Staatssenders Rossija 1 über die Klosterinsel Walaam im Ladogasee nahe der Grenze zu Finnland. Er stellt mit Glockengeläut, Ikonen und Kerzenschein auf mehr als 50 Minuten Putin als mythischen Retter seines Landes dar: Putin sorgt dafür, dass sich Russland „von den Knien erhebt“, vereint das Land, führt sogar Kommunismus und Christentum zusammen: Im Gespräch mit dem Macher des Films, Staatsfernsehmann Andrej Kondraschow – der zugleich als Sprecher von Putins Wiederwahlkampagne fungiert –, fragt der Präsident, worin sich denn Revolutionsführer Lenin im Mausoleum an der Kremlmauer von den Heiligenreliquien der Christen unterscheide. Der Abt des Klosters beschreibt Putin als gläubigen und starken Präsidenten. Im Lichte der üblichen Linie wäre es konsequent gewesen, die Uljanowsker Besenstilparade zum Text „Push me / And then just touch me / Till I can get my satisfaction“ als „unrussisch“ zu werten und nach Bestrafung zu rufen.

          Vergleich mit Pussy Riot

          Entsprechend waren auch die ersten Reaktionen, nachdem der Clip am Dienstag voriger Woche öffentlich wurde. Ein Ausbilder des Zivilluftfahrtinstituts beschrieb das Verhalten der Schüler als abstoßend: „So eine Beleidigung. In diese Leute wird so viel investiert, und sie benehmen sich so.“ Die Luftfahrtaufsichtsbehörde beklagte „empörende Bilder“, drohte „allen Teilnehmern an dieser unsittlichen Episode“, der Institutsleitung und den Schülern, „strengste Disziplinarmaßnahmen bis hin zu Entlassung“ an.

          „Für diese Leute gibt es keinen Platz in der zivilen Luftfahrt“, sagte der Institutsleiter, Sergej Krasnow, in eine Kamera des Staatsfernsehens. Er sprach von „Verhöhnung“ und verglich den Fall mit dem „Punk-Gebet“ der Gruppe Pussy Riot kurz vor den Präsidentenwahlen 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale: Sein Institut, sagte Krasnow, sei „eine Kirche der Wissenschaft“.

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