23.12.2010 · Tagelang hatten Massenschlägereien zwischen russischen Nationalisten und Kaukasiern Moskau verunsichert, es gab tausende Festnahmen. Anlass war der Mord an einem Fußballfan. Nun hat sich Ministerpräsident Putin mit Fanclubvertretern getroffen.
Von Michael Ludwig, MoskauRusslands Ministerpräsident Putin schließt nicht aus, dass die Regelungen für die polizeiliche Anmeldung und Registrierung von Zugereisten in den großen Städten des Landes verschärft werden. Das sagte Putin am Dienstagabend bei einer Begegnung mit Vertretern von Fußballfanclubs aus dem ganzen Land. Da die großen urbanen Zentren fast alle in jenem Teil der Russländischen Föderation liegen, der mehrheitlich von ethnischen Russen bewohnt wird, würden derartige Restriktionen vermutlich vor allem Menschen betreffen, die aus den mehrheitlich „nichtrussischen“ Gebieten – etwa aus dem muslimisch geprägten Nordkaukasus – in die großen Städte drängen.
Anlass für das Treffen Putins mit den Vertretern der Fanclubs waren die Krawalle in Moskau und anderen Städten in der vergangenen Woche. Dabei hatten sich Tausende junger Männer aus der vielfach von Rechtsextremisten unterwanderten Fan-Szene Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert und Menschen mit „nichtslawischem Äußeren“ angegriffen und zum Teil schwer misshandelt, in einem Fall sogar ermordet. Tagelang waren die Sicherheitskräfte im Moskauer Stadtgebiet damit beschäftigt, Massenschlägereien zwischen russischen Nationalisten und Kaukasiern zu verhindern, es gab tausende Festnahmen. Die Unruhen hatten sich daran entzündet, dass ein Moskauer Fußballfan vermutlich von einem Nordkaukasier ermordet wurde, der Tatverdächtige aber bald – wahrscheinlich nach Zahlung eines Bestechungsgeldes – wieder freigelassen wurde.
Notfalls müsse eben der Staat eingreifen
Putin begründete die Drohung mit einer verschärften Meldepflicht mit der Horrorvision, der Zusammenhalt des Vielvölkerstaats Russland könne durch Unduldsamkeit und Nationalismus der Ethnien im Verhältnis zu einander in Gefahr geraten. „Das große Russland“ sei dann in Gefahr, „unter unseren Augen auseinanderzubrechen“ und durch innere Zerrissenheit so geschwächt zu werden, dass jeder es auf die Knie zwingen könne. Putin sagte, Russland sei von Anfang seines Bestehens an ein Vielvölkerstaat gewesen.
Putin sagte vor den Fans, er gebe keine zehn Kopeken für die Unversehrtheit von russischen Bürgern aus Zentralrussland, die in den muslimisch geprägten nordkaukasischen Teilrepubliken keine Ehrfurcht vor dem Koran zeigten. Aber auch Nordkaukasier, die aus ihrer Heimat in andere Gebiete der Russländischen Föderation kämen, müssten endlich die dort üblichen Gebräuche, Traditionen und Gesetze respektieren. Landsmannschaftliche Vereine der Nordkaukasier in Zentralrussland hätten deshalb die Aufgabe, den zugereisten Landsleuten diesen Respekt beizubringen. Notfalls müsse eben der Staat eingreifen und die Meldepflicht verschärfen.
Befürworter der interethnischen Toleranz im Vielvölkerstaat
An eine Rückkehr zu sowjetischen Verhältnissen, als es für Menschen aus der Provinz äußerst schwierig war, das Aufenthaltsrecht in den Metropolen Moskau oder Leningrad (Sankt Petersburg) zu erhalten, ist vorläufig jedoch nicht gedacht, offenbar auch nicht daran, das in der Verfassung garantierte Recht aller Staatsbürger auf Bewegungsfreiheit innerhalb des Landes einzuschränken. In der Sowjetunion war es den Kolchosbauern Jahrzehnte lang verwehrt, sich frei zu bewegen; sie erhielten keine „Inlandspässe“.
In russischen Kommentaren hieß es zum Auftritt Putins vor den Fans, der Regierungschef habe damit mehrere Ziele zugleich verfolgt: Zum einen habe er sich als Befürworter der interethnischen Toleranz im Vielvölkerstaat darstellen wollen, die Russland zum Vorteil gereiche. Andererseits habe er sich als knallharter Politiker präsentieren wollen, der bereit und in der Lage sei, die Gefahren wegen interethnischer Auseinandersetzungen im Griff zu behalten, notfalls durch Anziehen der administrativen Daumenschrauben. Und drittens sei womöglich geplant, das leidige Problem des Zuzugs der Bergvölker in die großen Städte unter Kontrolle zu bringen.
Teil der Inszenierung des Treffens war, dass Putin anschließend mit den Fans das Grab des ermordeten jungen Russen besuchte und dort einen großen Rosenstrauß niederlegte. Möglicherweise, so wurde spekuliert, werde damit das Thema für die Wahlkämpfe gesetzt, die Putin demnächst zu bestehen hat: Im Dezember 2011 wird das Parlament gewählt, im Frühjahr 2012 der Präsident – ob dazu er oder Präsident Medwedjew dazu antritt, ist noch offen.
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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