11.02.2004 · Rybkin ist wieder da - die Fragen bleiben
Von Markus Wehner, MoskauIwan Rybkin ist wieder in Moskau. Der russische Präsidentschaftskandidat und Putin-Kritiker, der von dem ins Londoner Exil vertriebenen Oligarchen Boris Beresowskij unterstützt wird, tauchte fünf Tage nach seinem Verschwinden überraschend in der ukrainischen Hauptstadt Kiew auf.
Noch überraschender waren seine Mitteilungen am Telefon. Er habe beschlossen, ein paar Tage auszuspannen, habe seiner Frau Geld und Obst hinterlassen, sich in einen Zug gesetzt und eine angenehme Zeit mit Freunden in Kiew verbracht, wo gutes Wetter sei. Er habe sein Mobiltelefon ausgeschaltet und tagelang auf Fernsehnachrichten und Zeitungslektüre verzichtet. Erst als er nach eigenen Aussagen zufällig doch eine Zeitung in die Hand nahm, habe er sein Bild erblickt und erfahren, daß man ihn suche. Deshalb habe er sein Handy eingeschaltet und die Leiterin seines Wahlkampfstabes angerufen. "Ich habe das Recht auf zwei oder drei Tage Privatleben", zitierte die Agentur Interfax Rybkin nach einem Telefonat mit ihm.
Bedrückt und erschöpft
Was ein hochpolitischer Kriminalfall zu werden schien, endete offenbar als Posse. Rybkins Gegner, die Freunde des russischen Präsidenten, beschuldigten den Kandidaten denn auch sogleich, er habe seinen aussichtlosen Wahlkampf mit einer mißglückten Werbeaktion in eigener Sache in Fahrt bringen wollen. Manche wollten glauben machen, der Kandidat habe einfach kräftig einen gebechert oder einen mehrtägigen Ausflug mit einigen "Mädchen" unternommen. Doch wie man die Sache auch wendet: Die Version, nach der Rybkin aus eigener Entscheidung für fünf Tage abgetaucht sein soll, ergibt keinen rechten Sinn.
Hinweise darauf gab Rybkin selbst, als er am späten Dienstag abend auf dem Moskauer Flughafen landete. Er wirkte bedrückt und erschöpft, keineswegs erholt. „Eine solche Willkür wie jetzt habe ich in 15 Jahren noch nicht gesehen und erlebt", sagt er. Er fühle sich "wie nach schweren Verhandlungsrunden in Tschetschenien", fuhr Rybkin fort. Warum war der ehemalige Sekretär des Sicherheitsrates, der in den neunziger Jahren oft in Tschetschenien war, so angeschlagen, wenn er sich doch in Kiew entspannt hatte? Auf die Frage, ob man ihn festgehalten habe, sagte Rybkin: "Mich festzuhalten ist sehr schwierig. Aber ich denke, in Kiew gibt es sehr gute Menschen, denen ich sehr dankbar bin." Auch diese Äußerung paßt nicht zu der Version, daß der Kandidat in Kiew mit Freunden angenehme Tage gehabt habe.
Mysteriöse Indizien
Warum hätte er zu Erholungszwecken ausgerechnet nach Kiew fahren sollen? Und wenn doch, warum hätte er dies seiner Familie und seinem Wahlkampfstab verheimlichen sollen? Warum tat er es ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem die Zentrale Wahlkommission über seine Registrierung als Präsidentschaftskandidat entschied? Eine ganze Reihe von Indizien sprechen dafür, daß Rybkin seine Reise nach Kiew nicht freiwillig angetreten hat. Ein Grenzübertritt Rybkins wurde nach Angaben der Polizei, die nach ihm fahndete, nicht registriert. Rybkin behauptete jedoch, er sei an der Grenze überprüft worden. Er soll, laut einer "Quelle", in Kiew mehrere Politiker getroffen haben, die in Opposition zum ukrainischen Präsidenten Kutschma stehen. Doch alle bekannten Oppositionspolitiker bestritten am Dienstag, Rybkin getroffen zu haben. Zudem soll Rybkin im Hotel „Ukraina" gewohnt haben. Doch dort bestreitet man, daß er dort gewesen sei.
Nach eigenem Bekunden und nach Aussagen anderer wurde Rybkin als Oppositionspolitiker mit engen Beziehungen zu Beresowskij ständig beschattet. Die Polizei teilte nach seinem Verschwinden mit: „Er lebt, das ist eine Tatsache." Im Sicherheitsrat des Präsidenten sagte man Rybkins Ehefrau, wie Beresowskij berichtete, sie solle sich nicht beunruhigen, ihr Mann werde bald wieder auftauchen. Das erste und zweite russische Fernsehen, vom Kreml gesteuert, berichteten zunächst kaum über den Fall. Nur die Moskauer Staatsanwaltschaft war wahrscheinlich nicht eingeweiht und eröffnete ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes, bevor sie kurze Zeit später von der Generalstaatsanwaltschaft zurückgepfiffen wurde. Rybkin unterschrieb am Mittwoch eine Erklärung, nach der sein Verschwinden nicht mit einem Verbrechen in Zusammenhang steht.
Wie genau die Umstände des Verschwindens Rybkins auch waren: Die Reputation des Putin-Kritikers hat Schaden genommen. Er werde eine Auszeit von einer Woche nehmen und dann entscheiden, ob er an der Präsidentenwahl teilnehme, sagte Rybkin am Mittwoch. Zwei Tage vor seinem Verschwinden hatte Rybkin Präsident Putin in einer ganzseitigen Anzeige in der Zeitung "Kommersant", die Beresowskij gehört, scharf angegriffen und den Krieg in Tschetschenien als „Staatsverbrechen" bezeichnet. Getroffen wurde auch der, als dessen Stimme Rybkin gilt. Boris Beresowskij, der Intimfeind Putins und geschickte politische Spieler, hat wieder eine Partie verloren.
Markus Wehner Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge