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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rußland Orangensaft zum Hering?

 ·  In Rußland wird ein Staatsmonopol für „waffenfähigen" Alkohol gefordert. Es ist zu bezweifeln, ob diese Idee die Russen vom Trinken abhält, denn der Volksmund weiß: Wer keinen Wodka trinkt, ist krank oder ein schlechter Mensch.

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Der russische Landwirtschaftsminister Aleksej Gordejew hatte eine zündende Idee, wie dem Staatshaushalt aufzuhelfen sei. Man müsse nur, so der Minister, den Handel mit „waffenfähigem“ Alkohol, also solchem, der für die Herstellung hochgeistiger Getränke genutzt wird, zum Staatsmonopol erklären.

Gordejew, der mit seiner Idee vier Monate schwanger gegangen war, schlug in einer Vorlage für das Kabinett unlängst vor, eine staatliche Aktiengesellschaft (GAK) zur Verwirklichung dieser Idee zu gründen. Die GAK solle das Recht haben, den Spiritus von welchen Herstellern auch immer, aufzukaufen und dann wiederum an jene Unternehmen - mit einer saftigen Gewinnspanne, versteht sich - weiterzuverkaufen, die Schnaps brennen, Wodka und dergleichen.

In der Tradition von Iwan dem Schrecklichen

Auf diesem Wege wäre der Staat in der Lage, einen lukrativen Markt zu kontrollieren, auf dem letzthin Umsätze im Gesamtwert von sage und schreibe fünf Milliarden Dollar im Jahr erzielt wurden. Gordejews Vorschlag war die schöpferische Weiterentwicklung des Branntweinmonopols, das sich einst Zar Iwan der Schreckliche genommen hatte.

Das staatliche Streben nach Kontrolle der Ressourcen sowie wichtiger und einträglicher Industrien liegt ohnehin im Trend, seit Präsident Putin, von dem es heißt, er könne sich auf vollkommen unrussische Weise einen ganzen Abend lang an einem einzigen Glas Wein festhalten, das Zepter schwingt.

Verkomplizierung der Schnappsproduktion

Die großen Unternehmen der Alkoholbranche konnten dem Vorschlag Gordejews freilich nichts Gutes abgewinnen; denn oft vereinen sie die Herstellung von Alkohol und die Produktion geistiger Getränke, vor allem Wodka, unter einem Firmendach. Sie müßten dann, setzte sich Gordejew durch, den von ihnen hergestellten Alkohol zuerst an den staatlichen Vermittler GAK verkaufen und ihn dann wiederum für die Produktion ihres „Wässerchens“ zurückkaufen.

Das würde unweigerlich die Preise in die Höhe schrauben, klagten sie. Schon jetzt sei buchstäblich jeder Hahn der Alkoholleitungen mit einem Zähler versehen, und daneben stünde ein Beamter, der alles kontrolliere. Was wolle der Staat denn noch mehr, fragte der Marketingdirektor der Vereinigung der Großhersteller „Russkij Alkogol“ (russischer Alkohol), Wadim Kasjanow, aufgebracht. Die Antwort ist einfach: Gordejew will mehr Geld und noch eine neue staatliche Struktur mit einem verzweigten Beamtenapparat, die GAK.

Ein Trostpflaster für Gref

Der einzige Verbündete der privaten Alkoholindustrie war der noch immer als liberal geltende Wirtschaftsminister German Gref, der sich gegen Gordejews Vorschlag aussprach. Aber Gref, inzwischen auch als liberales Feigenblatt der Regierung belächelt, steht unter starkem politischem Beschuß. Seine Wirtschaftspläne werden von Ministerpräsident Michail Fradkow ein ums andere Mal zerpflückt, und als die Umsetzung der Sozialreform sich als ein Stück von Stümpern erwies, forderten immer mehr Abgeordnete nicht nur den Kopf des Gesundheitsministers, sondern auch den von Gref.

Der Staat hält ein Trostpflaster bereit, indem er die Privatisierung der staatlichen Alkoholholding Rosspirtprom anbietet. Aber so wenig selbst ein geschickter Pferdehändler allein durch Dreingabe eines neues Halfters vor dem geübten Käufer verbergen könnte, daß ein Gaul lahmt, so wenig wäre auch die angekündigte Privatisierung dieser Holding reines Zuckerschlecken und ein Ausgleich für das beschwerliche neue Staatsmonopol; denn Rosspirtprom schreibt seit Jahren dicke Verluste. Einige der zur Holding gehörenden Betriebe sind lukrativ, aber diese sind nur zu haben, wenn die „Fußkranken“ mit übernommen werden.

Ein Fortschritt für die Volksgesundheit?

Der Präsident der Staatsduma, Boris Gryslow, war Feuer und Flamme für Gordejews Idee, vielleicht auch der Volksgesundheit wegen; denn je teuerer das „Wässerchen“ (Wodka), mag er gedacht haben, desto weniger trinken die Russen, insbesondere die Männer, davon, jedenfalls die Masse von ihnen, die nicht zu den „neuen Russen“, den Reichen, zählt.

Der russische Normalmann trinkt alle zwei Tage eine Flasche Wodka leer, sagen Untersuchungen, und als Beigaben kommt Bier auf den Tisch, manchmal Wein oder im Wechsel mit dem „Wässerchen“ Whiskey oder Cognac. In „Spitzenzeiten“, bei Familienfeiern oder Treffen unter Freunden, werden die Durchschnittswerte außer Kraft gesetzt.

Ganze Siedlungen vom permanenten Rausch gezeichnet

Selbst wer wollte, entkommt dem Brauch gemeinschaftlichen Wodkatrinkens nicht leicht; denn im Volksmund heißt es, wer keinen Wodka trinke, sei entweder krank oder ein schlechter Mensch. Aber welcher richtige Mann will schon als krank oder gar als schlechter Mensch gelten, mit der Folge, daß übermäßiger Schnapskonsum dazu beigetragen hat, die Lebenserwartung russischer Männer drastisch zu verringern.

Sie beträgt heute 58,6 Jahre; vor fünfzehn Jahren lebten die Männer im Durchschnitt noch 63,4 Jahre. Selbst in Bangladesh, einem sprichwörtlichen Armenhaus, werden die Männer älter als in Rußland, wo auf dem Land ganze Siedlungen vom permanenten Rausch gezeichnet sind.

Unvereinbarkeit zwischen Orangensaft, Hering und Sozialsmus

Eine Verbesserung der Lebenserwartung hatte es nur während der kurzen Phase der spätsozialistischen „Prohibition“ unter Gorbatschow Mitte der achtziger Jahre gegeben. Aber damals mußten nicht nur die vollkommen „unschuldigen“ Weinkulturen auf der Krim daran glauben, die Russen machten sich mit ihrer neuen Rigidität auch bei ihren slawischen Verbündeten in anderen Wodka-Ländern, wie Polen, unbeliebt und sogar lächerlich.

Als Gorbatschow Polen besuchte und auf einem Warschauer Empfang zu seinen Ehren nur Orangensaft zum Hering gereicht wurde, habe selbst ein Mann wie General Jaruzelski, der immer treu zum Sozialismus stand, zum Spott auf den „großen Bruder“, gefunden, berichtete Mieczyslaw Rakowski später: Wenn man damit anfange, so Jaruzelski damals, die Menschen zu zwingen, zum Hering Orangensaft zu trinken, habe der Sozialismus keine Aussicht, zu überleben.

Jeder weiß, wie man selber brennt

Und wer in Rußland heute glaubt, durch das Anheben der Preise für Wodka gegen drastische und ruinöse Trinksitten etwas ausrichten zu können, liegt falsch. Denn wer von der „Zielgruppe“ nicht mehr zahlen kann, wendet sich dem Selbstgebrannten (Samogon) zu. Wie der hergestellt wird, braucht man keinem Russen eigens zu erklären. Letzteres wurde dieser Tage sogar, sozusagen halbamtlich, bestätigt.

Das Fernsehen berichtete über die Kolonie russischer Fachleute, die im iranischen Buschir einen Atommeiler bauen. Das Verhältnis zur iranischen Bevölkerung und den Behörden sei gut, meinte der Sprecher, aber die Landsleute müßten sich natürlich an die Gepflogenheiten des muslimischen Gastlandes halten. Dazu gehöre, daß man keine alkoholischen Getränke kaufen könne. Aber in der kleinen Stadt nebenan sei Zucker und Hefe zu haben, und was man damit anfangen könne, wisse jeder Russe.

Quelle: F.A.Z., 07.03.2005, Nr. 55 / Seite 3
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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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