Home
http://www.faz.net/-gq5-15yb2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Russland Kaukasischer Themenwechsel in Russland

01.04.2010 ·  Nach den Anschlägen von Moskau, für die Doku Umarow, selbsternannter „Emir des Kaukasus“, die Verantwortung übernimmt, rückt das Armenhaus Dagestan am Kaspischen Meer in den Fokus der russischen Innenpolitik.

Von Michael Ludwig, Moskau
Artikel Bilder (2) Video (1) Lesermeinungen (1)

Anschläge gehören in Dagestan zum Alltag. Im übrigen Russland werden sie deshalb kaum noch registriert und allenfalls als eine Nachricht unter vielen wahrgenommen. Unter dem Eindruck der Attentate auf die Moskauer Metro war das am Mittwoch anders, als in der dagestanischen Stadt Kisljar bei zwei kurz aufeinander folgenden Explosionen elf Menschen getötet wurden - zehn Polizisten, darunter der örtliche Polizeichef, und ein Passant. Ministerpräsident Putin und Präsident Medwedjew stellten sofort eine Verbindung zwischen den Anschlägen vom Montag und denen vom Mittwoch her: Es war die Rede von einer koordinierten Aktion des Untergrunds im Nordkaukasus mit dem Ziel, Russland zu destabilisieren.

Ebenso wie die meisten Meldungen über Anschläge und Kämpfe im Nordkaukasus waren im großen Nachrichtenstrom auch Berichte darüber untergegangen, dass bei einer „Spezialoperation“ der russischen Sicherheitskräfte in Inguschetien Mitte Februar nahe dem Ort Arschty zwischen vier und 14 Zivilisten getötet worden sind, die im Wald Knoblauch und Bärlauch sammelten.

Laut manchen Medienberichten sind die Leichname der angeblich bei einem Luftangriff von Hubschraubern aus getöteten Menschen mit Messern geschändet worden. In offiziellen Mitteilungen war damals zunächst nur davon die Rede, dass die Sicherheitskräfte mehr als 20 Rebellen getötet hätten, später hieß es, Inguschetiens Präsident Jewkurow habe den Familien der Getöteten sein Beileid ausgesprochen und sie um Verzeihung gebeten.

In dem am Mittwochabend veröffentlichten Video, in dem sich der „Emir des Kaukasus“ Doku Umarow bezichtigte, die Anschläge in der Moskauer Metro befohlen zu haben, stand dieser Vorfall im Mittelpunkt: Die Anschläge in Moskau seien die Rache dafür, dass die „Banditen“ vom Inlandsgeheimdienst FSB im Kaukasus „friedliche Menschen aus der ärmsten Bevölkerungsgruppe“ töteten. Den Vorwurf des Terrorismus könne er „mit einem Lächeln“ zurückweisen, sagte Umarow: Schließlich täten die Russen nichts gegen die Verbrechen ihrer Führer. Es werde weitere Anschläge geben: Es werde den Russen nicht mehr möglich sein, „den Krieg im Kaukasus ruhig an ihren Fernsehern zu beobachten“.

Die Reform der Miliz scheint in weite Ferne zu rücken

Präsident Medwedjew hat die Lage im Kaukasus immer wieder als eines der wichtigsten Probleme Russlands bezeichnet. In dieser Woche wollte er sich aber eigentlich einem anderen Thema zuwenden: Er hatte Innenminister Raschid Nurgalijew bis Mittwoch Zeit gegeben, ein Konzept zur Reform der Miliz vorzulegen, der Ineffizienz, Korruption, Brutalität und sogar Beteiligung an kriminellen Aktivitäten vorgeworfen wird. Doch vor dem Hintergrund der Anschläge der vergangenen Tage scheint diese von Präsident Medwedjew geforderte und in der Bevölkerung populäre Reform in weite Ferne zu rücken.

Innenminister Nurgalijew, der zuvor im Zentrum der immer schärfer werdenden Kritik an der Miliz stand, steht nun als Macher im Mittelpunkt, der die Antwort der Staatsmacht auf den Terror zu koordinieren hat. Ministerpräsident Putin wies ihn am Mittwoch an, die Miliz im gesamten Nordkaukasus zu verstärken, insbesondere in Dagestan, das an Tschetschenien grenzt und seit fast zehn Jahren ein Brennpunkte der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen in der Region ist.

Medwedew versucht, sein Kaukasus-Konzept zu retten

Präsident Medwedjew äußerte in den vergangenen Tagen zwar ähnlich harte Worte über die Terroristen wie sein Vorgänger Putin, sprach in dessen Rhetorik von „Bestien“, die „vernichtet“ werden müssten. Andererseits versucht er aber offenbar, sein Konzept für eine neue Kaukasus-Politik zu retten, die nicht nur auf Gewalt gegen den Untergrund, sondern auch auf die wirtschaftliche Entwicklung der Region setzt. Er musste aber eingestehen, dass der Versuch, durch Bekämpfung der grenzenlosen Korruption und die Schaffung von Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Entwicklung den Menschen in dieser Region ein normales Leben zu ermöglichen, noch schwieriger sei, als der Kampf gegen Banditen und Terroristen.

Aufgrund der wunderbaren Vielfalt seiner Landschaft hätte das zwischen Kaukasus und Kaspischem Meer gelegene Dagestan das Zeug zu einem Paradies, und einige unverbesserliche Optimisten dort träumen trotz der Gewalt und der schlechten Wirtschaftslage von einer „kleinen Schweiz“. Dagestan ist darüber hinaus aber auch strategisch wichtig als Umschlagplatz auf der kürzesten Route im Warenverkehr zwischen Europa und Russlands Norden sowie Zentralasien und dem Südkaukasus.

Armenhaus Dagestan

Vom Hafen in der Hauptstadt Machatschkala aus, dem einzigen eisfreien russischen Hafen am Kaspischen Meer, wird der Schiffsverkehr mit Aserbaidschan, Kasachstan und Iran abgewickelt. Das erklärt die starke Präsenz der russischen Streitkräfte. Zugleich ist Dagestan ein Armenhaus. Das regionale Bruttoinlandsprodukt je Einwohner ist deutlich geringer als der russische Durchschnitt, die Erwerbslosenrate in der Bevölkerung wird auf fast 23 Prozent geschätzt, während die Geburtenrate weit höher ist als in Kernrussland.

Zu den geschichtlich bedingten „Konstruktionsfehlern“ Dagestans gehört, dass es keine „Dagestani“ gibt. Die Region wird vielmehr von einem bunten Völkergemisch aus rund 100 Ethnien bewohnt, die unterschiedliche Sprachen sprechen, sich deshalb untereinander meist nur auf dem Umweg über das Russische verständigen können und unterschiedliche Interessen haben. Von diesen Völkerschaften teilen sich die vier größten - Awarzen, Darginer, Kumyken und Lesginer - die politische Herrschaft.

Magomedows schier unmögliche Aufgabe

Dieser eingeschränkte ethnische Proporz zwischen den konkurrierenden „Großvölkern“ wird freilich von einem Geflecht aus Klans sowie aus regionalen und lokalen Interessengruppen überlagert, die sich meist feindlich gegenüberstehen. Um die Gemengelage konkurrierender Interessen nicht explodieren zu lassen, bedarf es eines ausgeklügelten Mechanismus bei der Besetzung wichtiger und - aufgrund der damit verbundenen Einflussmöglichkeiten - einträglicher Ämter.

Der Versuch Moskaus, die Kremlpartei „Einiges Russland“ in Dagestan als Instrument zu nutzen, um die politischen Zerklüftungen der Republik zu überwinden, ist bislang fehlgeschlagen. Deshalb steht auch der neue Präsident Magomedsalam Magomedow, ein Darginer, dessen Vater Magomedali Dagestan zwölf Jahre lang regierte, vor einer Aufgabe, die kaum zu bewältigen ist.

Möglicherweise steht eine neue Welle der Gewalt bevor

Hinzu kommt als weitere Herausforderung, dass Islamisten im gebirgigen Süden des Landes längst dazu übergegangen sind, die Behörden und russisches Recht durch die Scharia zu ersetzen. Muslimische Untergrundkämpfer sind in den blutigen Rivalitäten zwischen Völkerschaften und Klans ebenso präsent wie Angehörige der Sicherheitskräfte.

In den Monaten bevor sich der Kreml im Februar für Magomedsalam Magomedow als neuen dagestanischen Präsidenten entschied, löste ein Anschlag den anderen ab. An einem davon, dem im Sommer der Innenminister Adilgerej Magomedtagirow zum Opfer fiel, sollen auch Soldaten und Offiziere russischer Sondertruppen beteiligt gewesen sein. Der Anschlag vom Mittwoch könnte darauf hindeuten, dass eine neue Welle der Gewalt bevorsteht. Und Dagestan ist nur ein Teil des unruhigen Nordkaukasus an der Südflanke Russlands

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr