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Rußland Geiseldrama im Kaukasus: Schröder bietet Hilfe an

02.09.2004 ·  Das Bangen um die Geiseln in der Schule im südrussischen Beslan hält an. Am Nachmittag ließen die Geiselnehmer mehrere Frauen und Kinder frei, doch viele Schüler, Eltern und Lehrer werden noch vermißt.

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Das Geiseldrama in einer kleinen Schule im Nordkaukasus hielt Russland und die Welt auch am Donnerstag in Atem. In dem Nervenkrieg zeichnete sich bis zum späten Abend noch immer keine Lösung ab. Einen Lichtblick gab es am
Nachmittag, als die mutmaßlich tschetschenischen Geiselnehmer in einer Schule im südrussischen Beslan 31 Frauen und Kinder freiließen. Das meldete die Nachrichtenagentur Itar-Tass. Mehr als 300 Menschen werden aber weiterhin festgehalten.

Kurz zuvor hatten zwei schwere Explosion die Schule in der Stadt Beslan erschüttert. Anschließend stieg eine große Rauchwolke auf.

Bundeswehr hält Spezial-Flugzeug bereit

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zur Versorgung Verletzter in der
Geiselkrise den Einsatz von Ambulanz-Flugzeugen der Bundeswehr angeboten. Ein Regierungssprecher teilte am Donnerstag in Berlin mit, Putin habe gesagt, er wolle bei Bedarf auf das Angebot zurückgreifen. Die Luftwaffe hält nach
Angaben eines Sprechers eine der Spezialmaschinen „MedEvac“ zum Ausfliegen von Verletzten und Schwerverletzten in sogenannter 24-Stunden-Bereitschaft.

Am Morgen hatte Putin die Geiselnahme von mehr als 350 Schülern in Nordossetien als „abscheulich“ verurteilt und versprochen, alles Menschenmögliche für die Rettung der Geiseln zu unternehmen. In seiner ersten öffentlichen Erklärung zu dem Geiseldrama sagte er am Donnerstag bei einem Treffen mit dem jordanischen König Abdullah II. im Kreml, die Hauptaufgabe der Regierung sei es selbstverständlich, Gesundheit und Leben der Geiseln zu retten.

Das Verbrechen richte sich nicht nur gegen einzelne Bürger Rußlands, sondern gegen Rußland als Ganzes, sagte er weiter. Eine zerbrechliche religionsübergreifende Balance und internationale Beziehungen in der Region könnten zerstört werden. „Wir werden unser Äußerstes tun, damit es dazu nicht kommt“, sagte Putin. Wegen des Geiseldramas sagte Putin einen Türkei-Besuch ab.

Vorerst keine gewaltsame Befreiung

Auch die russischen Behörden haben eine gewaltsame Befreiung der Geiseln vorerst ausgeschlossen. „Der Einsatz von Gewalt steht im Moment überhaupt nicht zur Debatte“, sagte der örtliche Chef des Inlands-Geheimdienstes FSB, Waleri Andrejew. Man richte sich vielmehr auf lange Verhandlungen ein, um die Geiselnahme zu beenden.

Eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen scheint abermals der Arzt Leonid Roschal zu spielen, der schon im Oktober 2002 bei der Geiselnahme in einem Moskauer Musicaltheater vermittelt hatte. Die Geiselnahme endete damals blutig - 129 der Geiseln und 41 Geiselnehmer starben.

Die „New York Times“ berichtet, auch die Geiselnehmer in der Stadt Beslan stünden dem tschetschenischen Kriegsherrn Schamil Bassajew nahe, der bereits in der Vergangenheit durch spektakuläre Geiselnahmen bekannt geworden war. Vorgehensweise und Forderungen deuten auf tschetschenische Rebellen hin, die seit Jahren gegen die russische Herrschaft über ihre Republik kämpfen.

Unklar blieben nach wie vor die Forderungen der Geiselnehmer. Laut dem tschetschenischen Kreml-Berater Aslambek Aslachanow verlangen sie den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien, ein Ende aller Militäraktionen sowie die Freilassung aller Rebellen, die im Juni nach Angriffen in Inguschetien mit mehr als 90 Toten verhaftet worden waren.

Unklar war auch weiterhin, die genaue Zahl der Geiseln. Der Krisenstab sprach von 354 Geiseln, darunter 132 Kinder ab fünf Jahren; nach Auffassung von Angehörigen ist diese Zahl weit untertrieben. Sie schätzen, daß sich rund 1.000 Menschen in dem Gebäude aufhielten, um den ersten Schultag zu feiern, als das bewaffnete Kommando die Schule stürmte. Nach offiziellen Angaben wurden bei der Geiselnahme insgesamt zwölf Menschen getötet, darunter einer der Geiselnehmer sowie der Vater eines kleinen Mädchens, der seine Tochter retten wollte.

Die Geiselnahme in der Schule stieß weltweit auf Empörung. Der UN-Sicherheitsrat verlangte auf einer Sondersitzung die „sofortige und bedingungslose Freilassung“ der Geiseln. Der amerikanische Präsident George W. Bush bot Putin „jegliche Unterstützung“ an. Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) sagte, es gebe keine Rechtfertigung dafür, „Schulkinder als Geiseln zu nehmen und diese mit dem Tod zu bedrohen“.

Auch am zweiten Tag durften die Opfer nach offiziellen Angaben nicht mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten versorgt werden. Über den Zustand der Geiseln, unter ihnen viele Erst- und Zweitklässler, gab es am Morgen keine Angaben. Am Vorabend hatte es geheißen, es gehe allen den Umständen entsprechend gut.

Schüsse in der Nacht

Lev Dsugajew, ein Mitarbeiter des nordossetischen Präsidenten, sagte, eine erste Kontaktaufnahme deute darauf hin, daß die Schüler „mehr oder weniger annehmbar“ behandelt würden. Die Kinder seien von den erwachsenen Geiseln getrennt worden. Die Unterhändler versuchten, eine „gemeinsame Ebene“ mit den Geiselnehmern zu finden, sagte ein Beamter des russischen Geheimdienstes. Das Wichtigste sei in der derzeitigen Situation, den Kontakt nicht abbrechen zu lassen. Bisher jedoch blieben alle Bemühungen erfolglos.

Viele Angehörige der Geiseln verbrachten die Nacht trotz heftigen Gewitters und Regens in der Nähe des weiträumig abgesperrten Schulgeländes. Augenzeugen berichteten aus Beslan, daß während der Nacht immer wieder Schüsse aus Maschinenpistolen vom abgesperrten Schulgelände zu hören gewesen seien. Was es damit auf sich habe, sei aber unklar, hieß es. Angehörige der Geiseln beklagten in diesem Zusammenhang auch die mangelnde Information durch die russischen Behörden. Andere Angehörige, die in einem nahen Festsaal der 40.000-Einwohner-Sadt Beslan ausharrten, wurden von Psychologen betreut, einige weinten über den Listen der 132 Schulkinder, die in den Gebäude festgehalten werden. „Was können wir schon tun, als hier zu sein“, fragte eine Mutter, „niemand kann uns helfen.“

Zweifel an Bekenner-Angaben

Zu dem Überfall bekannte sich bereits die islamistische Gruppe Islambuli-Brigaden. Diese hatte auch die Verantwortung für die Entführung zweier russischer Flugzeuge übernommen, die am Dienstag vor einer Woche mit 90 Insassen abgestürzt waren. Beobachter äußerten aber Zweifel an den Angaben der Gruppe. Nach einem Bericht der „New York Times“ bezeichnen sich die Geiselnehmer selbst als Selbstmordkommando, das Kontakte zu Al Qaida haben soll. In einem Telefonat habe einer der Terroristen gesagt, die Gruppe gehöre zum Kommando „Rijadus-Salichin“, wie die Zeitung am Donnerstag in ihrer Internetausgabe berichtet. Die genannte Organisation soll bereits an der Geiselnahme im Moskauer Musicaltheater „Nordost“ vor knapp zwei Jahren beteiligt gewesen sein.

Der russische Einsatzstab läßt bislang nur sehr wenige Informationen über die Identität der Geiselnehmer an die Öffentlichkeit. „Zur Gruppe gehören Osseten, Inguschen, Tschetschenen und Russen“, gab der Innenminister von Nordossetien, Dsantijew, am Donnerstag bekannt.

Die Terroristen verlangten als Verhandlungspartner weiterhin die Präsidenten der Teilrepubliken Nordossetien und Inguschetien, Alexander Dsasochow und Murat Sjasikow, sowie den Tschetschenien-Berater des russischen Präsidenten Putin, Aslanbek Aslachanow. Der von den Geiselnehmern ebenfalls als Gesprächspartner akzeptierte Kinderarzt Leonid Roschal verhandelte in der Nacht über Telefon mit den Terroristen. Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt. Nach Angaben vom Vortag verlangen die Terroristen einen Abzug der russischen Truppen sowie die Freilassung von Gesinnungsgenossen aus der Untersuchungshaft.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa, AP, AFP
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