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Ostukraine : Im Schattenreich der Hybridkrieger

Symbole der neuen Herrscher: An einem Marktstand werden Fahnen von Russland der Separatisten-Republiken verkauft. Bild: Yulia Serdyukova

In der „Volksrepublik Luhansk“ hat Russland seine Macht konsolidiert und einen Getreuen als „Staatsoberhaupt“ installiert. Dessen Konkurrenten wurden auf mysteriöse Weise beseitigt.

          Einen Tag durch die Donbass-Steppe nach Osten – Stunde um Stunde über gewesene Straßen, die unter Panzerketten und Granateinschlägen längst zu staubig diffusen Erdpisten geworden sind, morgens die Abraumhalden der Kohlegruben, nachmittags die verwilderten Gärten der Geisterdörfer im Niemandsland, abends zu Fuß auf zusammengenagelten Brettern über die Reste einer gesprengten Brücke – die Grenze zwischen ukrainischem Regierungsterritorium und dem Separatistengebiet.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es führt kein anderer Weg nach Luhansk. Die östlichere, die kleinere der beiden separatistischen „Volksrepubliken“, die Russland hier am äußersten Ende der Ukraine unterhält, seit die Revolution des „Majdan“ den Rest des Landes nach Westen gewendet hat, liegt, von Kiew aus gesehen, nicht auf dieser Welt. Außer den Planken zwischen den Brückenpfeilern bei Stanizja Luhanska gibt es keinen Zugang in diesen gespenstischen Staat.

          Auf der anderen Seite der erste Rebellenposten: erst die Trikolore Russlands, dann ein Verhau aus Betonklötzen und Sandsäcken quer über die Straße. Gulaschkanone, Bohnensuppe, ein Maschinengewehr und über allem drei weitere Fahnen: in der Mitte das Haupt des Erlösers im Strahlenkranz, rechts das Blau-Gelb-Rot der „Allgewaltigen Armee des Don“, einer russisch-nationalistischen Kosakenmiliz, die eine Zeitlang den Kohleschmuggel beherrschte, links eine schwarze Totenkopffahne.

          Die „Grenze“ zum von den Separatisten kontrollierten Gebiet in der Ostukraine Bilderstrecke

          Schon während des Bürgerkriegs nach der Oktoberrevolution von 1917 haben einige Verbände dieses Symbol genutzt, und nach Moskaus Hybridintervention von 2014 hat die „Schnelle Eingreiftruppe Batman“, die bis zu ihrem blutigen Ende in dieser Gegend operiert hat, es übernommen. Einige ihre Kämpfer, Hitleranhänger aus St. Petersburg, sind durch Selfies bekannt geworden, auf denen sie sich mit ihren toten Opfern präsentierten. Unter den Fahnen lässig dösend eine Handvoll Kämpfer: Zahnstocher zwischen den Zähnen, Kalaschnikow am Riemen. Ein Winken. Die Kontrolle ist lax, so kurz vor dem Abendessen.

          Luhansk: Breite Magistralen, Stalin-Barock um das Lenindenkmal im Zentrum, weiter außen dann die Schuhkarton-Ästhetik der spätsowjetischen Blockviertel – die Lokomotivfabrik Luhansk galt einmal als die größte Europas, die Munitionsfabrik war die wichtigste der Ukraine, und so sieht es hier also aus, wie überall, wo die Sowjetmacht Industrie in die Steppe stellte. Was aber nicht ist wie überall, das ist diese Leere.

          Nur jeder fünfte oder sechste habe Arbeit

          Niemand kennt die Zahlen genau, aber die besetzten Gebiete des ostukrainischen Gruben- und Hüttenreviers Donbass haben seit dem Beginn der russischen Intervention vermutlich mehr als zwei Millionen Einwohner verloren. Der Krieg ist zwar hier, weit jenseits der Front, meist kaum noch spürbar. Die „heißen“ Zonen, wo immer noch Menschen sterben, liegen weiter westlich, rings um die Regionalmetropole Donezk, aber in Luhansk hat man schon lange keinen Schuss mehr gehört.

          Dass es hier trotzdem so leer ist, dass auf der „Sowjetskaja“, dem vierspurigen Hauptboulevard, die Amseln nach Krumen picken, weil minutenlang kein Auto vorbeikommt, liegt daran, dass alle Räder stillstehen, seit die Front dieses Land zerteilt. Die Industrie liegt brach. Ein Bewohner, nennen wir ihn Witja (der wirkliche Name ist anders), sagt, nach seiner Schätzung habe hier nur jeder Fünfte oder Sechste noch Arbeit – man lebt also von dem, was die Gurkenbeete der Datschen hergeben, und von den Renten der Alten, die allerdings den mühseligen Weg über den Plankensteg ins Regierungsgebiet nehmen müssen, um sich dort ihre Pension in bar zu holen.

          Jeder zweite Laden ist geschlossen

          Überweisungen gibt es nicht mehr, auf den Tastaturen der Geldautomaten klebt dicker Staub und Lindenpollen. So sind also nach Angaben der ukrainischen Regierung 1,8 Millionen Menschen aus dem besetzten in den unbesetzten Teil des Landes gezogen, eine weitere Million ging nach Russland oder Weißrussland. Übrig sind in den „Volksrepubliken“ von Donezk und Luhansk nach Angaben der Vereinten Nationen noch 2,7 Millionen Menschen.

          Die Stadt Luhansk hatte einmal 440.000 Einwohner, doch überall sieht man, wie viele fehlen. Im Zentrum ist jeder zweite Laden geschlossen, und aus den übrigen ist mangels Devisen fast alles verschwunden, was früher aus dem Westen kam: Die ballonseidenen Adidas-Trainingshosen, Statussymbol des Kleinganoven wie des rechtschaffenen Stahlarbeiters, sind ebenso fort wie westliche Kosmetika, und was an Boutiquen noch offen hat, bietet Kunststoffblusen weißrussischer Produktion.

          Am Markt rufen gewaltige Großmütter selbsteingelegte Waldpilze aus, und dünne Großväter bieten Pfingstrosen aus Blecheimern. Das „Luhansker Akademische Russische Dramatische Theater“ am Regierungsgebäude steht leer, der Springbrunnen am Lenindenkmal ist eingetrocknet, und nur die Aufschrift „Baden verboten“ erinnert noch an das Wasser von früher. Die breiten Reklametafeln, die in jeder anderen ukrainischen Stadt die Vorzüge von Daewoo oder Vodafone verkünden, zerfallen zu zerfetzten Papierwüsten, oder die neue Macht hat sie übernommen, um in vertrauter sowjetischer Bildersprache (roter Stern, Orden, Veteranen) den „Tag des Sieges“ oder das „Land der Helden“ zu feiern.

          Die Flüchtlinge kommen wieder

          Eine Zeitlang war Luhansk umkämpft. Die prorussischen Einheiten schossen aus Wohngebieten auf die Ukrainer, die ukrainische Artillerie schoss zurück, aber das ist Monate her, und außerhalb der stärker betroffenen Viertel im Norden sieht die Stadt nicht zerstört aus. Manche Fenster sind zwar zerbrochen, manche Tore von Schrapnells durchsiebt, aber das sind Ausnahmen, und in den wenigen Mörserkratern im Zentrum wächst Gras. Die Straßen sind friedlich. Die früher allgegenwärtigen Milizen der prorussischen „Landwehr“ (Sporthose, Sonnenbrille, Panzerfaust) sind verschwunden, und nur ab und zu kreuzt ein Trupp akkurat uniformierter Männer ohne Hoheitszeichen das Pflaster. Um elf, zur Polizeistunde, werden die meisten Straßenlaternen abgeschaltet.

          Manche sagen, mittlerweile sei es hier so ruhig, dass die ersten Flüchtlinge wieder zurückkehrten. Witja zum Beispiel, Mitte dreißig, ein großer Mann, tiefer Bass, Freund bunter Boxershorts und Patriot des russischen Mutterlands. Auch er hat seine Stelle verloren, auch er muss sehen, wie er durchkommt – mal ein Gelegenheitsjob in Donezk, mal einer in Luhansk. Fragt man ihn aber, wie es so geht, scheint einiges mittlerweile erträglicher als noch vor kurzem. Und: Die Flüchtlinge kommen wieder – nicht alle zwar, aber doch eben die, die auch drüben in der unbesetzten Ukraine keine Arbeit gefunden haben und die hier wenigstens noch ihr Haus oder ihr Kartoffelbeet haben.

          Im vergangenen Sommer jedenfalls war es noch viel öder. Da habe man sich mittags auf der Sowjetskaja noch mitten am Fahrstreifen gefahrlos schlafen legen können, und abends seien in seinem Block höchstens noch zwei Fenster hell gewesen. Jetzt sehe man manchmal wieder einen Nachbarn im Treppenhaus, und auf den Straßen fahre ab und an ein Lada vorbei. Nur diese glitzernden Luxuswagen, die Lexus und BMW der alten Donbass-Oligarchen, die sind nicht wiedergekehrt: „Wer reich war, ist drüben geblieben“, sagt Witja.

          Todesfälle haben zur Ruhe beigetragen

          Die anderen aber tröpfelten zurück – vor allem, seit die neue Macht begonnen hat, den Alten Renten zu zahlen. Die sind dann zwar auf Regierungsgebiet weiter als Vertriebene registriert, aber in Wahrheit leben sie längst wieder daheim. Einmal im Monat pendeln sie über die Grenze und holen sich die ukrainische Rente in bar. Wenn dann noch die Pension der Separatisten hier in Luhansk dazukomme, könne davon eine ganze Familie leben – auch wenn alles stillsteht und die Preise „denen von Moskau ähneln“. Auch die Vereinten Nationen stellen in ihrem Quartalsbericht vom vergangenen Februar übrigens eine Tendenz zur Rückkehr fest. Vielleicht, so heißt es dort, lebten von den 1,8 Millionen registrierten Binnenvertriebenen der Ukraine überhaupt nur noch 800.000 auf Regierungsgebiet.

          Zu der Ruhe von Luhansk haben ein paar Todesfälle beigetragen. Anders als das straffer geführte Donezk war dieser Teil des Separatistengebiets immer schon von einem anarchistischen Pluralismus halbkrimineller „Autoritäten“ geprägt. Nach der russischen Intervention hat sich das zunächst fortgesetzt.

          Während sich in der Hauptstadt das „Staatsoberhaupt“ Igor Plotnitzkij zu halten versuchte, nisteten sich im flachen Land sogenannte „Kosaken“ ein – bewaffnete Gruppen unter skrupellosen „Hetmanen“, die mit der Kohle der erbeuteten Bergwerke Schmuggel trieben und ihre Herrschaft nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen durch Mord und Folter festigten. Plotnitzkij, ursprünglich ein mittlerer Kommunalangestellter und später dann der Führer der wenig bedeutenden Separatistenmiliz „Sarja“

          Erst eine Serie von Todesfällen seit dem Beginn des vergangenen Jahres hat seine Herrschaft gefestigt. Der „Hetman“ der „Allgewaltigen Armee des Don“, Nikolaj Kosizyn, roch zwar noch rechtzeitig Lunte und floh Ende 2014 aus seiner Hochburg, der Grubenstadt Antrazyt, aber andere hatten weniger Glück. Zuerst starb Alexander Bednow, Kommandeur der „Schnellen Einsatzgruppe Batman“, die ihren Gefangenen nach Angaben von Opfern mit medizinischem Operationsbesteck die Zunge löste, als sein Konvoi am Neujahrstag 2015 mit Sturmgewehren, Flammenwerfern und Granatwerfern überfallen wurde.

          Im selben Monat verlor auch der „Volksbürgermeister“ von Pjerwomajsk, Jewgenij Ischtschenko, gewaltsam das Leben sowie im Mai Alexej Mosgowoj, der „Hetman“ der Hüttenstadt Altschewsk, ein „Anhänger sozialistischer Ideen“, dessen Auto in eine Sprengfalle fuhr und dann zusammengeschossen wurde. Das jüngste Opfer dieser Flurbereinigung war der Führer der „Kosakenrepublik“ von Stachanow, Pawel Dremow, nach ukrainischen Angaben ein krimineller Steinmetz aus St. Petersburg und Novize eines orthodoxen Klosters, der schon in Tschetschenien gekämpft hatte. Sein Fahrzeug explodierte im Dezember 2015, einen Tag nach seiner Hochzeit.

          Plotnitzkij, der anders als die Toten immer als klarer Gefolgsmann der russischen Generallinie galt, hat seither keine Herausforderer mehr. Streift man in seinem „Regierungspalast“ durch die Flure mit ihren aufgebrochenen Panzerschränken, erblickt man sein Porträt in jeder Amtsstube direkt unter dem des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Sekretärinnen kochen Tee und tragen Kleider, die anders als bei ihren Kolleginnen in Kiew gar nicht erst versuchen, an Gucci, Prada oder die Nachtclubs von Monte Carlo zu erinnern. Stattdessen stehen sie, knielang und maschinengestrickt, offen zu ihrer Herkunft von den weißrussischen Wühltischen am Budenmarkt.

          Die Uhren zeigen Moskauer Zeit

          Westliche Quellen bestätigen, dass seit den Todesfällen des vergangenen Jahres die „Strukturen in der Volksrepublik Luhansk sich konsolidiert“ hätten. Wie groß der Anteil der russischen Geheimdienste an dieser „Konsolidierung“ war, steht dahin, doch dass Russland mit den ständigen Disziplinlosigkeiten der „Kosaken“ unzufrieden war, liegt nahe, und dass es in der Ostukraine heute eine beträchtliche bewaffnete Macht unterhält, ist unbestritten.

          Putin hat Ende 2015 auf einer Pressekonferenz zwar wieder geleugnet, „reguläre“ Soldaten in den Donbass geschickt zu haben, doch fügte er hinzu, er habe „nie gesagt, dass es nicht Leute gab, die bestimmte Aufgaben erfüllt haben, einschließlich auf militärischem Gebiet“. Wie viele es gewesen sein mögen, hat der gewesene „Ministerpräsident“ der „Volksrepublik Donezk“, Alexander Borodaj einmal verraten: bis zu 60.000.

          Wie tief Russlands „Kuratoren“ Verwaltung und Geschäftsleben durchdringen, ist nicht leicht zu durchschauen, aber Kenner berichten, dass in der Luhansker „Republik“ selbst „Minister“ vor Entscheidungen oft sagen, sie müssten erst einmal „fragen“. Wen genau, bleibt dann offen, aber man muss nur zwei Tage in Luhansk verbringen, um zu spüren, woher der Wind weht: Der russische Rubel hat die ukrainische Griwna verdrängt, die Uhren zeigen Moskauer Zeit, und auf den Straßen begegnet man immer wieder jenen kleinen Trupps in Uniform ohne Hoheitszeichen, die seit 2014 das Markenzeichen von Russlands Hybridkriegen sind.

          In Luhansk scheint keine akute Not zu herrschen

          Zugleich blüht der Schwarzmarkt, und glaubt man Plotnitzkijs Gegnern, rollen längst alle Rubel bei ihm und dem russischen Geheimdienst zusammen. Dremow zum Beispiel, der Kosakenführer, der am Tag nach seiner Hochzeit starb, hatte zuvor den Vorwurf erhoben, der Geheimdienst FSB kontrolliere den Kohleschmuggel, und der frühere „Geheimdienstchef“ der Luhansker „Volksrepublik“, Wladimir Gromow, schrieb, Plotnitzkij habe schon als Milizenführer systematisch Gelder unterschlagen, die eigentlich für die Kämpfer „seines“ Bataillons „Sarja“ bestimmt gewesen seien. Das Benzin für die Truppe hätten seine Leute einfach auf der Straße verkauft.

          Gromow berichtet außerdem, Kämpfer von „Sarja“ seien immer wieder an der gewaltsamen Übernahme einträglicher Unternehmen beteiligt gewesen und betrieben eine „aggressive Politik der Monopolisierung“. Plotnitzkij ist auf eine Interviewanfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht eingegangen, aber die Vorwürfe scheinen auch in Russland nicht ohne Echo geblieben zu sein. Die regierungsnahe Zeitschrift „Militärisch-Industrieller Kurier“ schrieb jedenfalls, die Transporte von Waffen und anderem Schmuggelgut aus dem Donbass seien längst zum „ständigen Strom“ geworden.

          Für die Bevölkerung ergibt sich daraus ein uneinheitliches Bild. Einige von Plotnitzkijs toten Konkurrenten, voran der berüchtigte „Batman“ Alexander Bednow, sind schwerster Verbrechen beschuldigt worden. Dass sie jetzt fort sind, erleichtert das Leben. Weil außerdem die „Republiken“ von Donezk und Luhansk nach dieser Stabilisierung mit Moskauer Hilfe begonnen haben, eigene (wenn auch sehr niedrige) Renten zu zahlen, scheint in Luhansk keine akute Not zu herrschen.

          Wer sich nicht unterordnet, wird bedroht

          Auf der anderen Seite aber liegen die Lebensmittelpreise nach Schätzung von Einwohnern weit über dem üblichen ukrainischen Niveau, und Fachleute sagen, in den Krankenhäusern fehle alles, was über den einfachsten Bedarf hinausgehe – Insulin, Ausrüstung zur Krebsbekämpfung, Psychopharmaka. „Bei uns sollte man also lieber nicht verrückt werden“, sagt einer. Vor allem aber haben die separatistischen Führer und ihre russischen Kuratoren einen Unterdrückungsapparat aufgebaut, der jeden akut bedroht, der sich nicht völlig unterordnet.

          Die Vereinten Nationen schreiben in ihrem jüngsten Quartalsbericht, die Bewohner der besetzten Gebiete würden weiter „fundamentaler Menschenrechte beraubt“; Gefangene würden gefoltert und misshandelt, es gebe willkürliche Freiheitsberaubungen auf „beispiellosem Niveau“. Immer wieder erfahre man von Tötungen und Entführungen.

          Wie die Menschen von Luhansk zu alldem stehen, ist nicht leicht auszumachen, aber Passantengespräche ergeben das Bild einer diffusen Apathie bei gleichzeitiger Abneigung gegen beide Konfliktparteien – gegen die ukrainische zuerst, aber dann auch gegen die russische. Weil fast alle, welche hier „westlich“ fühlten, längst geflohen sind, hat sich während eines Nachmittags der Straßeninterviews nur eine einzige Stimme „für die Ukraine“ ausgesprochen.

          Unversöhnter Hass ist oft die Folge

          Die meisten anderen wichen Stellungnahmen aus, machten aber klar, dass sie der Regierung in Kiew vor allem das „Bombardement“ von Wohnvierteln im Kampf gegen dort verschanzte prorussische Einheiten nicht verzeihen könnten. In der Nähe der Demarkationslinie haben diese Artillerieduelle ganze Dörfer und Stadtviertel auf beiden Seiten veröden lassen. Unversöhnter Hass ist oft die Folge, und Witja, der Mann mit dem sonoren Bass und den Boxershorts, hat daraus den Schluss gezogen, dass er mit „denen in Kiew“, nie wieder in demselben Staat zusammenleben wolle. Zeitweise habe er sogar überlegt, der „Oplotschenje“ beizutreten – der (für örtliche Verhältnisse fürstlich besoldeten) „Landwehr“ der Separatisten.

          Abneigung gegen Kiew heißt dabei nicht automatisch Unterstützung für die neuen Herren von Luhansk, und in zwei Fällen hat diese Zeitung erleben können, wie die Linie des Für und Wider quer durch Familien und Freundeskreise ging. Eine Frau mittleren Alters, Larissa, geriet auf offener Straße in Streit mit Wlada, ihrer Tochter, weil sie müde und etwas kleinlaut gesagt hatte, sie stehe der neuen Macht mit „gemischten Gefühlen“ gegenüber – worauf die Tochter, kämpferisch, jung, stark geschminkt, in sichtlicher Missbilligung der mütterlichen Lauheit gar nicht aufhören konnte, zu schwören, wie sehr die „Brüderschaft“ mit Russland ihr „über alles“ gehe – über Heim und Haus, Familie und Leben.

          Auch Witja kennt solche Zerwürfnisse. Wenn er von der russischen Heimat redet, macht einer seiner guten Freunde – nennen wir ihn Dmitrij – sich nur noch lustig über ihn. Dmitrij hat zwar allen Grund zum Zorn auf die „Ukrops“, wie man die Ukrainer hier abschätzig nennt. Seine Wohnung hat eine ukrainische Granate abbekommen, beinahe wären Frau und Tochter draufgegangen, und so kann er über dieses ganze Kiewer Menschenrechtspathos nur lachen.

          Zugleich aber ist er auch voll Spott über die ganzen „Dummköpfe“, die sich vom russisch-patriotischen „Blabla“ der Separatisten, von ihren Paraden und Kampfliedern in Ekstase setzen ließen. „Das ist was für dumme Schuljungs“, sagt er, „oder für diese Omas, die immer noch nicht kapiert haben, dass Stalin tot ist.“ Er endet mit einem Seitenblick zu seinem Freund, dem Patrioten Witja: „Und dem da, dem hab ich schon gesagt, dass er ein Depp ist.“

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