06.02.2004 · Mit Hilfe von Selbstmordattentäterinnen wird der Terror nach Moskau getragen. Der Anschlag auf die Metro, bei dem mindestens 39 Menschen starben, hat die Lebensader der russsischen Haupstadt getroffen.
Von Markus Wehner, MoskauEs geschah um viertel vor neun, der Zeit, wenn die Moskauer zur Arbeit fahren. Dann sind die U-Bahn-Züge zum Bersten voll, man steht dicht gedrängt, muß sich vor dem Aussteigen den Weg zur Tür bahnen. Der Zug mit etwa 700 Fahrgästen hatte die Metrostation Awtosawodskaja auf der grünen Linie verlassen und fuhr von Süden in Richtung Zentrum.
Die nächste Station wäre Pawelezkaja gewesen, eine Station auf der Ringlinie, auf der viele Moskauer umsteigen, zugleich an einem Bahnhof für Fernzüge in den Süden des Landes gelegen. Als der Zug 500 Meter weit in den Tunnel eingefahren war, explodierte die Bombe im zweiten Waggon. Die Druckwelle war so groß, daß der Wagen regelrecht verbogen wurde und sofort entgleiste. Er fing Feuer, alle Fenster des Zuges splitterten. Dichter Rauch machte sich im Tunnel breit.
Große Stauungen
"Wir konnten die Türen nicht öffnen, es gab Panik", berichtete eine Überlebende. "Schließlich konnte der Fahrer sie aufmachen, wir stürzten hinaus, liefen alle durch den Tunnel, zwei Kilometer lang." Bis in die Mittagsstunden brachten Rettungskräfte auf Bahren und in Plastikplanen Schwerverletzte und Tote aus dem Tunnel. Die Zahl der Opfer wurde im Viertelstundentakt nach oben korrigiert. Zunächst zwanzig, dreißig, dann vierzig oder gar fünfzig Tote, hieß es. Die genaue Zahl lasse sich noch nicht bestimmen, immer noch würden Leichenteile gefunden, sagte ein Sprecher des Einsatzstabes.
Die Zahl der Verletzten stieg bald über hundert. Dutzende Schwerverletzte wurden mit Rettungswagen in Krankenhäuser gebracht. Die ersten kamen dort anderthalb Stunden nach dem Anschlag an. An den beiden U-Bahnhöfen entstanden große Stauungen, dort überhaupt noch durchzukommen wurde immer schwieriger, später brachte man einen Rettungshubschrauber zum Einsatz.
Moskaus Lebensader
Die Sicherheitskräfte suchten nach einem Komplizen der Attentäterin, einem 30 bis 35 Jahre alten Mann. Die Polizei, die ohnehin in der Metro täglich junge Männer, insbesondere mit südländischem Äußeren, anhält, ihre Pässe und Taschen überprüft, verstärkte die Kontrollen vor und in den Metrostationen. Rußland hat in den vergangenen Jahren gelernt, mit Terroranschlägen zu leben. Kleinere Anschläge, wie in dieser Woche im südrussischen Wladikawkas unweit von Tschetschenien, sind nur noch eine kleine Meldung wert, solange die Opferzahl nicht hoch ist. Auch in Moskau kennt man den Terror - seit Mitte der neunziger Jahre sind fast 400 Menschen durch Bombenanschläge ums Leben gekommen, vor allem durch die Sprengung zweier Wohnhäuser im Spätsommer 1999.
Wenig später begann der Kreml seinen zweiten Krieg in Tschetschenien, der bis heute andauert. Seit dem vergangenen Jahr versuchen die tschetschenischen radikalen Islamistenführer nun, den Terror mit der Hilfe von Selbstmordattentäterinnen in die russische Hauptstadt zu tragen. Der Terrorakt vom Freitag hat dennoch eine neue Qualität. Denn die Metro ist die Lebensader der riesigen Stadtmaschine Moskau, in der nach offiziellen Angaben zehneinhalb Millionen Menschen leben, und Hunderttausende strömen täglich hinein und hinaus. Die meisten benutzen die Metro. Morgens und abends drängen sich dichte Menschentrauben vor den langen Rolltreppen auf der Ringlinie.
8,5 Millionen Passagier täglich
Auf ihren elf Linien transportiert die Metro täglich 8,5 Millionen Passagiere, zu den Stoßzeiten verkehren die Züge im Ein-Minuten-Takt und sind dennoch überfüllt. Allein die grüne Linie, auf der der Anschlag geschah, transportiert mehr als 1,2 Millionen Menschen am Tag. Ein Attentat in der Metro bedeutet, daß es jeden jederzeit treffen kann. Mehr noch: Wenn die Metro ausfällt, kollabiert die Stadt. Denn deren ober- und unterirdische Transportmittel können die wachsende Zahl von Einwohnern und Reisenden ohnehin kaum noch aufnehmen. Zehntausende suchten am Freitag verzweifelt nach Bussen, Taxis oder Marschrutkas, den kleinen Taxi-Bussen, um irgendwie weiterzukommen.
Wladimir Schirinowskij, der populistische Nationalist, forderte nach dem Terrorakt ein "Sonderregime" für Moskau, denn vor der Präsidentenwahl am 14. März sei mit weiteren Anschlägen zu rechnen. Auch andere Politiker sprachen davon, daß es das Ziel des Anschlags sei, vor der Wahl Angst unter den Moskauern zu verbreiten. Nur wenige, wie etwa der Präsidentschaftskandidat Iwan Rybkin, sprechen davon, daß die Terroranschläge ein Folge des unerklärten Krieges in Tschetschenien seien, den Rußland trotz aller anders lautenden Behauptungen nicht zu einem siegreichen Ende bringen kann.
Zustimmung von 80 Prozent
Die russischen Medien berichten so gut wie nicht mehr über diesen Krieg oder zeichnen nur das Bild eines Tschetscheniens, in dem eine Handvoll internationaler Terroristen der friedlichen Bevölkerung den Aufbau verwehrt.
Einen Zusammenhang zwischen dem Terror der "Tschetschenen" in Moskau und dem Krieg in deren Heimat stellen auch die meisten Russen nicht mehr her. Putin genießt derzeit eine Zustimmung von 80 Prozent. Daß der Anschlag vom Freitag keine Auswirkungen auf seinen haushohen Sieg bei der Präsidentenwahl haben wird, gilt in Moskau als sicher.
Markus Wehner Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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