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Russland Eine alleingültige Geschichtssicht

20.05.2009 ·  Vor dem 70. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts wollen führende Kräfte der Kremlpartei „Einiges Russland“ die Behauptung unter Strafe stellen, die Sowjetarmee habe Verbrechen begangen. So wollen sie das Geschichtsbild der Sowjetunion als Sieger und Befreier retten.

Von Michael Ludwig, Moskau
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Der russische Präsident Medwedjew hat am Dienstag die Bildung einer Kommission angeordnet, die „Bestrebungen zur Verfälschung der Geschichte zum Nachteil der Interessen der Russländischen Föderation“ entgegenwirken soll. Den General an der Spitze des russischen Katastrophenschutzministeriums, Sergej Schojgu, treibt die gleiche Sorge um wie Medwedjew.

Am Vorabend des 64. Jahrestages des Sieges der Sowjetunion im „Großen Vaterländischen Krieg“, wie der Zweite Weltkrieg in Russland heißt, sagte Schojgu Anfang Mai im russischen Staatsfernsehen: „Russland ist ein mächtiges, ein reiches und großes Land. Um der eigenen Selbstachtung willen ist es notwendig, unsere eigene Erinnerung der Geschichte zu verteidigen.“

Wenn nichts unternommen werde, sei zu befürchten, dass jene, die die Rolle der Sowjetunion neu auslegten, „das großartige Monument unseres großen Sieges Stein für Stein abtragen“. Offenbar wird befürchtet, dass der anstehende 70. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts, mit dem NS-Deutschland und die Sowjetunion kurz vor Kriegsbeginn 1939 Ostmitteleuropa unter sich aufteilten, Gelegenheit sein wird, zumindest weiter an diesem Monument zu kratzen.

„Den Heldenmut unserer Väter und Großväter vor den Revisionisten schützen“

Schon im Februar hatte Schojgu auf einem Treffen mit Kriegsveteranen in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, erläutert, was seiner Ansicht nach unternommen werden müsse. Er schlug vor, einen neuen Straftatbestand zu schaffen: die Leugnung des Siegs der Sowjetunion im „Großen Vaterländischen Krieg“.

Im postsowjetischen Raum gebe es Kräfte, die dessen Ergebnisse sowie die Verdienste und Heldentaten des gesamten Sowjetvolkes in Frage stellten. Mit einem neuen Gesetz könne erreicht werden, „unsere Geschichte und den Heldenmut unserer Väter und Großväter“ vor den Geschichtsrevisionisten zu schützen. Wenn der russische Gesetzgeber mitziehe, würden künftig die Präsidenten einiger Länder, die die russische Sicht der Geschichte frech bestreiten - gemeint waren die baltischen Staaten und die Ukraine - , nicht mehr nach Russland einreisen, ohne Bestrafung befürchten zu müssen.

Hohe Strafen?

Wenn Schojgu, ein führender Politiker der Kremlpartei „Einiges Russland“, mit seinem Ansinnen in der Duma durchkommt und das von ihm vorgeschlagene „Gesetz gegen das Infragestellen der entscheidenden Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg“ beschlossen wird, müssten Amtsträger, Präsidenten etwa, aus Ländern, in denen das Vorgehen der Roten Armee und der sowjetischen Sicherheitsorgane als verbrecherisch bezeichnet wird, mit Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren und Geldstrafen bis zu einer halben Million Rubel rechnen.

Ehemalige Sowjetrepubliken, die nach russischer Auffassung staatlichen Geschichtsrevisionismus betreiben, würden mit der Ausweisung ihrer Botschafter aus Russland oder mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen bestraft. Drei Jahre im Gefängnis würden auf jene warten, die nur für sich selbst sprechen, kein Staatsamt innehaben und Handlungen der Anti-Hitler-Koalition im Zweiten Weltkrieg Verbrechen vorwerfen.

Alles das sind bislang nur Erwägungen dessen, was aus offizieller russischer Sicht dazu taugen könnte, die eigene, aus sowjetischer Zeit übernommene Version von der Rolle der Sowjetunion ausschließlich als Sieger und Befreier zu retten. Dass die Sowjetunion nach dem Überfall der Wehrmacht 1941 mit einem ungeheuren Blutzoll einen entscheidenden Beitrag zur Niederringung Hitlerdeutschlands geleistet hat, steht außer Frage.

Alles andere, sagt der unabhängige russische Politiker Wladimir Ryschkow zu den Plänen, ein bestimmtes Geschichtsbild mit der Androhung von Strafen zu verteidigen, solle den Historikern überlassen bleiben.

Imperialer Anspruch

In der Bestrebung, die historische Bewertung der Sowjetarmee per Gesetz festzuschreiben, steckt ein imperialer Anspruch, den der damalige sowjetische Parteichef Leonid Breschnjew 1968 den nach Freiheit strebenden Tschechen gegenüber so formulierte: „Euer Land liegt in dem Bereich, in den im Zweiten Weltkrieg sowjetische Soldaten ihren Fuß gesetzt haben; wir haben das mit großen Opfern bezahlt, und von dort gehen wir nicht mehr fort. Eure Grenzen sind unsere Grenzen.

Im Namen unserer Toten, die ihr Leben für eure Freiheit geopfert haben, sind wir berechtigt, unsere Soldaten zu euch zu schicken. Und so wird es ,für ewige Zeit' sein.“ Das lässt sich zwar so nicht mehr durchsetzen, aber der Zwist über die schwierige Wahrheit ist geblieben. „Runde Tische“ fehlen, an denen beispielsweise Balten und Russen ihre unterschiedlichen Auffassungen über die jüngste Geschichte vortragen könnten, ohne dass politische Erdbeben ausgelöst würden. Es wird sie auch nicht geben, wenn sich Schojgu durchsetzt.

Mythos Stalin

In Russland befürchten manche, dass es mit dem neuen Gesetz tatsächlich strafbar werden könnte, über diese Fragen öffentlich nachzudenken und die Rolle der Sowjetunion zu kritisieren. Wenn wahr wird, was angedroht ist, müsste wohl auch kritische Nachfrage nach den angeblich überragenden strategischen Fähigkeiten des inzwischen wieder gepriesenen „Generalissimus und Staatsmanns Stalin“ in den ersten Kriegsjahren unterbleiben, als die Rote Armee riesige Verluste hinnehmen musste und die Soldaten vom eigenen Volk geschmäht wurden.

Wer könnte dann noch versuchen, zu beschreiben (wie Solschenizyn in seinem Hauptwerk „Archipel Gulag“), dass viele sowjetische Soldaten nach dem Stalinschen Terror der dreißiger Jahre erst unter dem Eindruck deutscher Kriegsverbrechen zu heroisch kämpfenden Vaterlandsverteidigern wurden? Wäre es künftig verboten, zu erwähnen, dass die sowjetischen Straflager nach dem Krieg noch größer wurden und mit heimkehrenden Kriegsgefangenen aufgefüllt wurden?

In der russischen Öffentlichkeit hat der Mythos, Stalin habe Russland zu Macht und Größe geführt, seit einiger Zeit Konjunktur - im Fernsehen, in Buchläden, besonders in den Regalen mit Trivialliteratur, und in Zeitungskiosken, vor allem in der Boulevardpresse und Tageszeitungen wie der kremlnahen „Iswestija“. In einer Anleitung für russische Geschichtslehrer aus dem vergangenen Jahr werden die Millionen von Opfern des Stalin-Terrors als unabdingbarer Preis für die Modernisierung Russlands unter Stalin „vom Hakenpflug zur Atombombe“ und für den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ gegen Hitlerdeutschland ausgegeben. In den Jahren der Perestrojka hatte es in Russland eine breite Debatte über die dunklen Seiten der sowjetischen Geschichte gegeben. Das ist nun möglicherweise bald nicht mehr möglich.

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