14.10.2005 · Hatte der tschetschenische Terroristenführer Schamil Bassajew, der auch für die blutige Geiselnahme von Beslan verantwortlich war, beim Angriff in Kabardino-Balkarien seine Hand im Spiel?
Von Michael Ludwig, MoskauVielleicht stimmt die Darstellung auf der Internetseite der tschetschenischen Separatisten am Donnerstag.
Danach haben Angehörige der extremistischen islamistischen Gruppierung „Jarmuk“ am Donnerstag den Angriff auf Naltschik, die Hauptstadt der Republik Kabardino-Balkarien ausgeführt und dabei im Verbund der „Streitkräfte der Kaukasusfront“ des tschetschenischen Untergrundstaates gehandelt.
Beratung mit Untergrundkämpfern
Möglicherweise hatte auch der tschetschenische Terroristenführer Schamil Bassajew tatsächlich seine Hand dabei im Spiel. Achmed Sakajew, der Bevollmächtigte des tschetschenischen Untergrundstaates in London, bestätigte, was weithin vermutet worden war.
Er sagte der russischen Zeitung „Kommersant“, Bassajew habe sich einige Tage vor dem Überfall auf Naltschik nach Kabardino-Balkarien begeben, um sich mit den Führern der dortigen Untergrundkämpfer zu beraten. Ziel der „Operation“ vom Donnerstag sei es gewesen, Stärke zu zeigen. Sakajew gab sich überzeugt, daß ähnliche bewaffnete Aktionen in anderen Regionen wiederholt werden könnten.
Hundertschaften hatten Nasran angegriffen
Der russische Geheimdienstoberst der Reserve, Gennadij Gudkow, vertrat im Gespräch mit der Zeitung „Gaseta“ die gleiche Ansicht. Es sei zwar erfreulich, daß Moskau oder Sankt Petersburg zur Zeit von Überfällen wie jetzt in Naltschik und vor gut einem Jahr in Inguschetien, der Nachbarrepublik Tschetscheniens, verschont blieben.
Im Juni 2004 waren mehrere Hundertschaften tschetschenischer Terroristen unter der Führung Bassajews in Inguschetien eingefallen und hatten in der Hauptstadt Nasran und zwei anderen Orten die Sicherheitskräfte angegriffen.
Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft festgenommen
Dutzende Militärs und Milizionäre wurden getötet. Die Terroristen, so Gudkow weiter, seien leider aber auch dazu in der Lage, in Petersburg oder Moskau zuzuschlagen. Das habe die Geiselnahme im Musicaltheater „Nordost“ in Moskau drei Jahren gezeigt.
In Naltschik und in der gesamten Republik Kabardino-Balkarien wird derweil damit gerechnet, daß sich wiederholt, was sich dort schon mehrmals abgespielt hat, zuletzt nach dem Überfall von Terroristen auf die Rauschgiftkontrollbehörde in Naltschik im Dezember vergangenen Jahres.
Führende Mitglieder der bei den Behörden verhaßten muslimischen Gemeinschaft (Dschamaat) von Kabardino-Balkarien und einfache Gläubige, die ihr angehören, wurden festgenommen und verhört. Daß die Behörden bei den Verhören auch vor der Folter nicht zurückschrecken, ist bekannt.
Nachuschew: Es kommt wieder zu Verfolgungen
Das Oberhaupt dieser Gemeinschaft, Musa Mukoschew, von dem sogar die Behörden sagten, daß er immer wieder mäßigend auf die Gläubigen eingewirkt habe, ging damals in den Untergrund.
Der Direktor des Islamischen Instituts in Naltschik, Ruslan Nachuschew, ist sich nun sicher, daß es wieder zu Verfolgungen kommt und der Amir, das gegenwärtige Oberhaupt der Dschmaat von Kabardino-Balkarien, Andimirkan Gutschajew, ist es ohnehin gewohnt, daß die frommen Muslime seiner Gemeinschaft, die - wie er sagt - nichts weiter wollten, als nach den ursprünglichen Grundsätzen des Islam zu leben, wieder einmal zu Geißeln muslimischer Extremisten werden.
„Wahhabiten“ werden verdächtigt
Als extremistisch gilt die Gruppierung „Jarmuk“, seit sie vor drei Jahren gegründet wurde. Gutschajew sagte in einem Gespräch mit dem Journal „Kommersant-Wlast“ erst dieser Tage, daß sich „Jarmuk“, mit der man „nichts gemein habe“, von Anfang an Bassajew untergeordnet habe.
Immer wieder würden aber die Mitglieder seiner Dschmaat als religöse Extremisten („Wahhabiten“) von den Behörden verteufelt, der Teilnahme an Terrorakten verdächtigt und ihre Moscheen geschlossen. Unternehmen, bei denen Mitglieder seiner Gemeinschaft beschäftigt seien, würden gezwungen, die „Wahhabiten“ zu entlassen.
Korrupte Regime wollen die Opposition ausschalten
Die als regierungsnah geltende offizielle Vereinigung der Muslime von Kabardino-Balkarien ist zwar nicht nach dem Geschmack der Dschmaat. Gutschajew wirft den Imamen dieser Gemeinschaft vor, vom rechten Glauben abzuweichen.
Aber auch von dieser Seite wird zu bedenken gegeben, daß das Vorgehen der Behörden gegen Gutschajews Mitbrüder den Extremisten in die Hand spiele.
Es ist der gleiche Mechanismus, der fast überall im muslimisch geprägten Nordkaukasus auf fatale Weise greift: Korrupte Regime versuchen jegliche politische Opposition auszuschalten, indem sie sie des religiösen Extremismus und der Bereitschaft beschuldigen, mit Gewalt einen Gottesstaat zu errichten zu wollen.
Verrottete Institutionen im Kaukasus
Die moralische Integrität vieler frommer Muslime wird als Herausforderung empfunden, die die verrotteten Institutionen in den Kaukasusrepubliken in Frage stellt.
Junge Muslime, die als „Wahhabiten“ verhaftet und gefoltert werden, sind dann eine besonders leichte Beute für Extremisten vom Schlage Bassajews. Daß „Jarmuk“, wie die Behörden behaupten, der bewaffnete Arm der Dschamaat von Gutschajew sei, ist bislang aber nicht bewiesen.
Den Untergrundkämpfern des „Jarmuk“ wird vorgeworfen, die meisten der Terroranschläge zu haben, so auch den Überfall auf die Drogenbehörde von Natschlik im Dezember vergangenen Jahres; an etwa einem Dutzend anderer Anschläge in der kleinen Kaukasusrepublik sollen sie seit 2002 beteiligt gewesen sein.
Die russische Staatsmacht herausfordern
Es soll sogar Verbindungen von „Jarmuk“-Mitgliedern zu Anschlägen in Moskau gegeben haben. Wer die Organisation gegenwärtig führt, ist nach dem Tod ihres bisherigen Führers Rustam Bekanow im April dieses Jahres unklar, aber die Organisation besteht weiter und ist, wie der Überfall auf Naltschik gezeigt hat, aktiv, und zwar ganz offensichtlich im Verbund mit tschetschenischen Untergrundkämpfern.
Die Rückendeckung der kabardino-balkarischen Extremisten gibt Bassajew, der sich inzwischen häufiger in Kabardino-Balkarien als in Tschetschenien aufhalten soll, die Möglichkeit, den Krieg der tschetschenischen Separatisten gegen Moskau in eine weitere Region des Nordkaukasus zu tragen.
Besonders im Kaukasus gelingt es auch immer wieder, die russische Staatsmacht herauszufordern, die bisher keine überzeugende Antwort darauf gefunden hat, wie dieser Herausforderung zu begegnen sei.
Finanzhilfen verschwinden
Die etwa 50.000 Soldaten, die im Nordkaukasus nach Schätzungen im Einsatz sind, schlagen zu und schlagen zurück, aber befrieden können sie die Region nicht.
Finanzhilfen aus Moskau mit dem Ziel, die soziale und wirtschaftliche Not im Armenhaus der Föderation zu lindern und dem Terrorismus den gesellschaftlichen Nährboden zu entziehen, verschwinden zu einem großen Teil in den Taschen korrupter Politiker der lokalen Elite. Und so dreht sich die Spirale der Gewalt, die in Tschetschenien begann, weiter und immer weiter.
Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter
Sergej Schukov (Resident7)
- 18.10.2005, 11:32 Uhr
Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter
Sergej Schukov (Resident7)
- 18.10.2005, 11:33 Uhr
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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