12.10.2008 · Wer hat Schuld an der russischen Finanzkrise? Nach Meinung russischer Analysten nicht nur die heimischen Banken, sondern auch amerikanische Anleger. Der Staat versucht, den Markt zu stabilisieren - auch mit einer restriktiven Medienpolitik.
Von Michael Ludwig, MoskauAm besten totschweigen oder wenigstens schönreden. Das ist die Handlungsanweisung, an die sich die vom Staat kontrollierten russischen Fernsehsender seit Wochen halten, wenn es um die Berichterstattung über die Folgen der Finanzkrise für Russland und die Turbulenzen auf dem russischen Kapitalmarkt geht.
Das jedenfalls haben Beobachtungen ergeben, von denen die „Moscow Times“ dieser Tage berichtete. „Kollaps“ oder „Krise“ seien auf Anweisung des Kremls zu Unworten geworden. Wenn sich wieder ein „Blutbad“ auf dem Moskauer Börsenparkett ereignet habe, werde am Abend im Fernsehen lieber von „Abschwung“ gesprochen. Eine Rede des Finanzministers Aleksej Kudrin, in der er vor Finanzfachleuten vergangene Woche eine schonungslose Lagebeurteilung abgegeben hatte, wurde dem breiten Publikum nicht zugemutet. Sprecher der staatlich kontrollierten Fernsehsender bestritten, dass der Kreml Anweisungen gegeben habe, die Lage weichzuzeichnen.
Journalisten sollen positives Bild verbreiten
Das Bestreben, Reportern Zügel anzulegen, beschränkt sich aber nicht auf die Staatsmacht. In einer bekannten russischen Wirtschaftszeitung soll, abermals laut „Moscow Times“, Anweisung von oben ergangen sein, jene Analysten nicht zu zitieren, deren Meinung geeignet sein könnte, den Kapitalmarkt weiter zu destabilisieren. Ein russischer Großunternehmer der Baubranche ging sogar mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit. Er wollte Journalisten bewegen, ein positives Bild von der ins Schleudern geratenen Branche zu verbreiten: Das Wohlergehen der Bevölkerung hänge davon ab.
Wenigstens in der Presse kann Russlands oberster Kassenwart Kudrin seine Landsleute darauf einstimmen, was sie erwartet: Die Krise in Russland und in der Welt habe längst aufgehört, eine Börsen- oder Finanzkrise zu sein. Die gesamte Wirtschaft sei erkrankt, wurde er in russischen Zeitungen zitiert.
Der unternehmerische Mittelstand spürt die Krise
Die Symptome dieser Krankheit sind ohnehin schon für alle Russen sichtbar. Zuvor hatten manche Politiker gesagt, dass das mit Rohstoffen und Energieträgern gesegnete Land von der Finanzkrise nichts oder nur wenig Unbill zu befürchten habe. Leicht hämisch hatten sie mit dem Finger auf Amerika gezeigt, den großen Konkurrenten im politischen Machtspiel. Jetzt machen Verkäufe von Großunternehmen zu Schleuderpreisen Schlagzeilen und Rettungsaktionen des Staates für einige Großbanken.
Dass Geldinstitute keine längerfristigen Kredite mehr vergeben, bekommt der gesamte unternehmerische Mittelstand in Russland zu spüren. Große Bauvorhaben werden abgebrochen, Belegschaften in Betrieben verkleinert, Löhne gekürzt. Kredite für den Erwerb von Wohnungen oder Autos sind immer schwerer und nur noch zu hohen Zinsen zu bekommen.
Preisverfall bei Öl und Gas macht Sorgen
Kudrin rechnet für das nächste Jahr mit einem Rückgang der Wachstumsdynamik der russischen Wirtschaft um gut ein Prozent als Folge der Krise. Der Wirtschaftsberater von Präsident Medwedjew, Arkadij Dworkowitsch, sagte, wenn auch noch China in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerate, würde sich das Wachstum in Russland, das in großem Umfang Rohstoffe an China liefert, noch mehr verlangsamen. In den vergangenen Jahren war Russlands Wirtschaft, vor allem von den hohen Preisen für exportiertes Öl und Gas getrieben, durchschnittlich um sieben Prozent gewachsen. Einer der Großabnehmer war China.
Aber es geht beileibe nicht nur um China, sondern generell darum, dass das Rohstoffland Russland den Schaden davon hat, wenn wegen der Finanzkrise der befürchtete weltweite Abschwung der Wirtschaft kommt. Dann werden die Nachfrage für jene Güter, die Russlands exportiert, zurückgehen und die Preise für Öl und Gas weiter verfallen. Die großen Entwicklungspläne im Rahmen der „Agenda 2020“ dürften dann weitgehend Makulatur bleiben.
Ein weiterer Grund für Befürchtungen ist die hohe Verschuldung der beiden Flaggschiffe unter staatlicher Kontrolle, des Ölkonzerns Rosneft und des Gasmonopolisten Gasprom, deren Börsenwert dramatisch gefallen ist.
Aktienpakete als Sicherheiten
Das fatale Drehbuch für die russische Finanzkrise wurde an der Börse und in den Banken geschrieben, und obschon nur etwa eine Million Russen an der Börse handeln und viele Russen keine Sparguthaben besitzen, deren Wert von der Finanzkrise bedroht werden könnte, ist die Allgemeinheit von den Folgen der Krise dennoch betroffen.
Wie immer deutlicher wird, waren russische Banken, aber auch Unternehmen immer häufiger dazu übergegangen, angesichts einer ohnehin zunehmenden Liquiditätskrise im Bankensystem als Sicherheit für dringend notwendige Kredite oder wegen Fälligkeit bestehender Kredite den Kreditgebern Aktienpakete aus ihren Portfolios anzubieten.
Kommt das Drehbuch zur Krise aus Amerika?
Das seit Mai zu beobachtende Abgleiten der Aktienkurse an der Moskauer Börse brachte Banken und Unternehmen immer stärker in eine finanzielle Schieflage, weil der reale Wert ihrer Aktienvermögen dahinschmolz.
Dass es so kam, hat nach Auffassung der meisten russischen Analysten seinen Grund jedoch in Amerika, genauer: im Verhalten amerikanischer Anleger auf dem russischen Kapitalmarkt. Diese gehörten demnach ebenfalls zu den Drehbuchschreibern der russischen Krise. Denn amerikanische Anlagefonds spielen seit Jahren eine überragende Rolle auf dem russischen Parkett. Manche sagen sogar, sie bestimmten das Geschehen.
Als die Schwierigkeiten auf dem amerikanischen Kapitalmarkt immer größer wurden, hätten die Fondsmanager, zum Teil durchaus in Panik, Kapital aus Russland abgezogen und die Aktienkurse durch ihre Verkäufe ins Rutschen gebracht.
Russische Stabilisierungsfonds in amerikanischen Wertpapieren
Die Turbulenzen auf den Finanzmärkten haben zu einem Rückgang der Devisenreserven Russlands geführt. Allein im dritten Quartal betrug der Rückgang 16,7 Milliarden Dollar. Aber trotz dieser Einbußen und trotz vieler Milliarden Dollar, die für die Rettung des Finanzsektors ausgegeben wurden, hat der russische Staat seinen finanziellen Handlungsspielraum keineswegs eingebüßt. Die Devisenreserven gehören mit 556 Milliarden Dollar noch immer weltweit zu den größten, die einzelne Länder aufzuweisen haben.
Doch wurde zumindest ein Teil des aus Ölerlösen geschaffenen russischen Stabilisierungsfonds für schlechte Zeiten ausgerechnet in amerikanischen Wertpapieren angelegt. Den Ort, den russische Politiker nun als Quelle allen finanziellen Übels auf der Welt bezeichnen, hatten sie zuvor selbst als sicheren Hafen für eingesammelte Petrodollarmilliarden angesehen.
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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