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Russland Das Messer in der Hosentasche

29.12.2010 ·  In Russland wächst der Fremdenhass. Vor allem der auf „Schwarze“ aus dem Kaukasus oder aus Zentralasien. Hassparolen werden auf Moskaus Straßen zu blutigem Ernst. Im Kreml steht die Führung ratlos vor der zunehmenden Gewalt.

Von Michael Ludwig, Moskau
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Fuck the Caucasiens!“ – „Russen vorwärts!“ – „White Power!“ Das brüllen die Fans in Russlands Fußballstadien. Oder, auf der anderen Seite: „Allahu akbar!“ – „Kaukasus hat Kraft, Moskau wird platt gemacht!“ Nach einer Massendemonstration in der Nähe des Kremls, deren Anlass ein tödlicher „Zwischenfall“ zwischen einem Kaukasier und einem russischen Fußballfan war, wurde dieser Tage aus den Hassparolen in den Stadien auf Moskauer Straßen blutiger Ernst. Messer und Luftdruckpistolen kamen bei der russischen Jagd auf „Schwarze“ – Zentralasiaten und Kaukasier – zum Einsatz. Man blieb am besten zu Hause, wenn man „Schwarzer“ war. Im Internet riefen Unbekannte und Unidentifizierbare ihrerseits die Kaukasier zu Gegenaktionen unter der Parole „Nieder mit den Russen!“ auf.

Mitten drin die Polizei, die kaum noch wusste, wie ihr geschah, als plötzlich eine aggressive Menge sogenannter russischer Fans vor den Kremlmauern stand, „Russland den Russen!“ brüllte und Hände sich zum Hitlergruß hoben. In den Tagen danach wurden Tausende von Jugendlichen vorbeugend festgenommen, um neue Randale zu verhindern, dann die Eltern zur Hilfe geholt. Denn die Kundschaft auf der Wache waren zum Teil noch Kinder, was der Härte, mit der die Polizisten zu Werke gingen Grenzen setzte. Und irgendjemand musste ja versuchen, die Jung-Rowdies mit den nationalistischen Sprüchen auf den Lippen und den Messern in der Hosentasche, unter Kontrolle zu bringen. Der Junge, der in Moskau dieser Tage den Mord an einem „Schwarzen“ aus Kirgistan organisierte, war gerade einmal 14 Jahre alt.

Draufhauen im Vielvölkerstaat

Mitten drin und ziemlich ratlos war auch das Führungstandem Präsident Medwedjew und Ministerpräsident Putin. Medwedjew, der eigentlich smarter Reformer sein will, forderte am Montag im Staatsrat: „Draufhauen, wenn sich Fremdenhass auf der Straße entlädt!“ Der Theorie nach ist Russland ein Vielvölkerstaat – insgesamt gibt es weit mehr als 100 Völkerschaften im Riesenreich –, in dem Russen, Tataren, Baschkiren oder Nordkaukasier eine „russländische Staatsnation“ bilden. Putin trauerte gar der Sowjetunion nach, weil diese bei allem Schlechten auch etwas Gutes gehabt habe: nämlich übergeordnete Werte, die die Beziehungen zwischen den Völkern und Konfessionen befriedet und das Gebäude zusammengehalten hätten. Putin schien aber vergessen zu haben, dass die Sowjetunion vor allem ein imperialer Zwangsstaat war, weshalb die angebliche Sowjetnation sofort zerbrach, die Völker der Sowjetunion auseinanderliefen und mit ihrem eigenen „Nationbuilding“ begannen, als sich vor zwei Jahrzehnten die Gelegenheit dazu bot.

Der neue Star Moskaus, Bürgermeister Sergej Sobjanin, glaubte, die rettende Idee präsentieren zu können, und schlug vor, die Armee solle die Rolle des Zuchtmeisters übernehmen, überschüssige Muskelkraft, die zu Gewaltausbrüchen tendiere, in die richtige Bahn lenken und die Unordnung in den Köpfen der Jugend zurechtrücken. Wer auf der Straße Krawall schlage, solle sofort zu den Streitkräften eingezogen werden. Das Problem ist nur, dass viele Moskauer Fans mit ultrarechten Versatzstücken im Hirn – die Szene wird auf etwa 20.000 Jugendliche geschätzt – oft noch minderjährig sind und deshalb nicht in die Kasernen weggeschlossen werden können.

„Multikulti“ in Gefahr

Bürgerrechtler und Oppositionelle sehen derweil „Multikulti“ in Moskau und den Vielvölkerstaat Russland in Gefahr – wegen der Ultrarechten, aber auch wegen der Ankündigung Putins, die Meldepflicht für Kaukasier in größeren Städten zu verschärfen. Diese hatte der Regierungschef ausgerechnet während eines Treffens mit den Fan-Oberen der Fußballszene geäußert, von denen einer als einer von denen identifiziert worden war, die den Arm zum Hitlergruß erhoben hatten. Am Wochenende brachte die Opposition einige tausend Moskauer auf die Beine, die für den Erhalt der Vielfalt demonstrierten. Zugleich gab es aber auch in diesem Lager Stimmen, die das Verhalten von Kaukasiern in der Hauptstadt heftig kritisierten und damit ins Horn der russischen Nationalisten stießen.

Auch der Präsident des Verfassungsgerichts, Walerij Sorkin, wähnte sich gefordert und schaltete sich in die Debatte ein. Er kam zu der Feststellung, die niemanden mehr verblüffte. Fremdenhass sei eine Folge der Geisteshaltung – und die sei besorgniserregend. Das können, abseits der Gewaltausbrüche, auch Umfragen belegen. Vor zwei Jahren gestanden zehn Prozent der Befragten im Vielvölkerstaat Russland ein, Hassgefühle gegen Angehörige anderer Nationalitäten zu hegen. Vor einem Jahr waren es ein Prozent mehr und in diesem Jahr fast 20 Prozent. Noch größer ist die Quote derer, die die früheren sowjetischen Mitbürger der selbständig gewordenen Staaten der GUS nicht sonderlich gern bei sich sieht, insbesondere die illegalen Gastarbeiter. Von den Befragten fordern 52 Prozent die Deportation dieser „Schwarzen“ aus Russland.

Ansturm der Habenichtse

Auf diesen Gefühlen der Landsleute lasse sich aufbauen, meinen die ultrarechten russischen „Ethnonationalisten“, etwa die von der Bewegung gegen illegale Immigration (DPNI). Einer der führenden Köpfe der Bewegung, Aleksandr Below, macht aus seinen politischen Vorstellungen im Gespräch in einer verrauchten Moskauer Kneipe nicht den geringsten Hehl. Die Arbeitsmigranten aus der GUS seien eine furchtbare Belastung. Den Russen würden sie die Arbeit wegnehmen und seien zudem oft noch kriminell. Alle Illegalen müssten abgeschoben und Helfer, die den Aufenthalt ermöglichten, müssten bestraft werden. Andernfalls werde Russland unter dem Ansturm der zur Kriminalität neigenden Habenichtse aus Zentralasien oder dem Transkaukasus begraben.

Below weiß, dass dann auch viele Russen zur Verantwortung gezogen werden müssten – kriminelle russische Polizisten oder korrupte Vertreter der Melde- und Ausländerbehörde. Aber was sein muss, muss sein. Etwa die Einführung der Visumpflicht mit Blick auf die ehemaligen Sowjetrepubliken und eng begrenzte Quoten für legale Gastarbeiter. Zugleich fordert die DPNI mehr Geld für sozial schwache russische Familien, damit sehr viel mehr kleine Russen geboren werden. „Um unser Volk zu erhalten“, sagt Below. Er fordert unerbittliches Vorgehen gegen die Nordkaukasier, russische Staatsbürger mithin, „die unsere Städte unsicher machen und Russen töten und unterdrücken“. Die vielen Toten unter den „Schwarzen“, die russische Rechtsradikale auf dem Gewissen haben, kommen in seiner Rechnung nicht vor.

Tacheles reden

Am Ende des Gesprächs legt Below die Axt ganz offen an die Wurzeln des gegenwärtigen Staates und fordert, eine russische Republik innerhalb Russlands zu gründen. Denn die ethnischen Russen seien das einzige Volk ohne ein eigenes „nationales Territorium“. Ausgerechnet den Russen, die diesen Staat gebildet hätten und tragen würden, werde verwehrt, was den Völkern im Nordkaukasus oder den Tataren an der mittleren Wolga zugestanden worden sei. „Entweder nationale Territorien für alle oder Abschaffung derselben“, fordert er. Und wenn sie abgeschafft würden, dann werde Tacheles geredet und die Rechte der Russen – sprich: deren Herrschaftsanspruch überall im Lande – durchgesetzt. Es könne doch nicht sein, dass die sogenannten „Titularnationen“ in Tschetschenien, Dagestan oder Tatarstan keine ethnischen Russen auf führenden Posten zuließen, die Wirtschaft unter sich aufteilten und dass in einigen Gebieten die Scharia mehr gelte als russische Gesetze.

Die DNPI und Gesinnungsgenossen aus anderen nationalistischen Organisationen haben ihre Aktivitäten nach langer Zeit der politischen Bedeutungslosigkeit in den vergangenen Monaten verstärkt und versucht, sich auch in soziale Proteste einzuklinken. Mit den jüngsten Unruhen in Moskau, die sich gegen die Kaukasier richteten, hätten er und seine Organisation nichts zu schaffen gehabt, sagte Below. Bald würden weitere folgen, denn das russische Volk denke wie jene, die vor dem Kreml randalierten.

Im Kreml wird derweil noch nach einer übergeordneten Idee gesucht, einem Leitmotiv für Russland als Ganzes. Das hatte schon Präsident Jelzin versucht. Gefunden wurde die Idee noch nicht.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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