10.07.2006 · Der tschetschenische Terrorist Bassajew ist von einer Spezialeinheit des russischen Geheimdienstes getötet worden. Bassajew hatte sich als Drahtzieher der tödlichen Geiseldramen in Moskau und Beslan bekannt. „Das ist die verdiente Vergeltung“, reagierte Präsident Putin.
Der tschetschenische Terroristenführer Schamil Bassajew ist am Montag in Inguschetien getötet worden. Bassajew hatte sich unter anderem der Geiselnahmen in der Schule von Beslan im September 2004 und im Moskauer Musical-Theater Nordost im Oktober 2002 bezichtigt. In Beslan waren mehr als 300 Menschen - in der Mehrzahl Schulkinder - und in dem Moskauer Theater etwa 130 Menschen getötet worden.
Tschetschenische Separatisten haben inzwischen den Tod ihres Anführers Bassajew bestätigt, sprachen aber entgegen offizieller russischer Darstellung von einem Unfall. Ein Sprecher der Separatisten wird auf der Internetseite der Rebellen www.kavkazcenter.com mit den Worten zitiert: „Schamil ... ist zum Märtyrer geworden.“ Und weiter: „Der tschetschenische Kommandeur starb, weil ein Lastwagen mit Sprengstoff versehentlich explodierte.“ Der Rebellensprecher dementierte zugleich die offiziellen russischen Berichte über eine Sonderoperation der Sicherheitskräfte, bei der Bassajew getötet worden sein soll.
Der Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, Nikolaj Patruschew, erstattete Präsident Putin am Montag Bericht, daß Bassajew im Zuge einer Aktion von Spezialeinheiten in der Nacht zum Montag zusammen mit einer Gruppe von Gesinnungsgenossen in Inguschetien gestellt und getötet worden sei. Nach letzten Meldungen aus Inguschetien sollen mindestens zehn Untergrundkämpfer umgekommen sein. Die Terroristen, sagte Patruschew, hätten einen Terroranschlag in Inguschetien vorbereitet, um Druck auf die russische Führung im Vorfeld des Gipfeltreffens der G 8 auszuüben, der am Ende der Woche in Sankt Petersburg beginnt. Die nordkaukasische Republik Inguschetien gehört wie Tschetschenien als Teilrepublik zur Rußländischen Föderation.
Putin: „Verdiente Vergeltung“
Präsident Putin sagte, Bassajew und die anderen Banditen hätten die verdiente Vergeltung für die Tötung der Kinder in Beslan, in Budjonnowsk (wo Bassajew 1995 ein Krankenhaus mit 1200 Patienten in seine Gewalt gebracht hatte) und für alle Terroranschläge, die sie in Moskau und anderen Regionen Rußlands erhalten. Er wies Patruschew an, die Namen derer zu melden, die sich eine Belohnung für die Tötung Bassajews verdient hätten.
Die terroristische Gefahr sei indes auch nach dem Tod Bassajews noch sehr groß, weshalb man in den Anstrengungen, den Terror auszumerzen, nicht nachlassen dürfe, sie vielmehr noch verstärken müsse. Die Ausschaltung Bassajews sei durch operative Vorbereitungen in den Ländern möglich gewesen, in denen Waffen gesammelt wurden, die dann an die Untergrundkämpfer in Rußland weitergegeben wurden.
Ende des Kampfes?
Der Präsident der Moskau freundlich gesinnten tschetschenischen Regierung Alu Alchanow sagte, die Vernichtung Bassajews habe den Schlußpunkt unter die Anti-Terroroparationen in Tschetschenien gesetzt und bedeute das Ende des Kampfes gegen illegale bewaffnete Formationen. Ministerpräsident Ramsan Kadyrow bedauerte öffentlich, daß er nicht selbst Bassajew getötet habe. Bassajew hatte vor einigen Wochen eingestanden, den Anschlag auf Ramsans Vater Achmad Kadyrow organisiert zu haben, bei dem der damalige Präsident der Moskau freundlichen gesinnten Regierung vor zwei Jahren ermordet wurde.
Russische Nachrichtenagenturen hatten am Montagvormittag unter Berufung auf den FSB in Inguschetien noch gemeldet, daß in Inguschetien ein Lastwagen mit Waffen, Munition und Sprengstoff explodiert sei und dabei vier Terroristen getötet worden seien. Die Terroristen umgekommen seien, weil sie unsachgemäß mit Munition und Sprengladungen umgegangen seien.
Möglicherweise, schrieb die Internetzeitung „Newsru.com“ am Montag nachmittag, habe sich in der Waffenladung, mit der die Terroristen unterwegs gewesen seien, eine Bombe befunden, die von den Spezialeinheiten ferngezündet worden sei. Der stellvertretende inguschetische Ministerpräsident Baschir Auschew sagte am Montag nachmittag, die Explosion habe mehrere Körper zerfetzt, es sei aber zweifelsfrei gelungen, einige „Körperfragmente“ Bassajew zuzuordnen.
In den vergangenen Jahren ist der Bewegungsspielraum für den bewaffneten Untergrund in Tschetschenien durch das Vorgehen vor allem durch die Privatarmee des Ministerpräsidenten Ramsan Kadyrow, aber auch durch die Spezialeinheit „Wostok“, in der vor allem Tschetschenen dienen, zusammen mit russischen Spezialeinheiten des Geheimdienstes FSB des russischen Innenministeriums immer weiter eingeschränkt worden. Reguläre Truppen der Armee sind seit dem im Jahr 2000 offiziell verkündeten Ende des Zweiten Tschetschenienkrieges, der 1999 begonnen hatte, nach amtlichen Angaben nicht mehr in Tschetschenien stationiert. Die Tschetschenisierung des nach wie vor grausam geführten Kampfes brachte größeren Erfolg als der Einsatz einer Wehrpflichtigenarmee.
„Dschihadisierung“ des Krieges
Der tschetschenische Untergrund hatte den Kampf gegen die Russen im zweiten Tschetschenienkrieg immer stärker als Auseinandersetzung zwischen Islam und Russen ausgegeben. Man sprach von einer „Dschihadisierung“ des Krieges, bei dem es ursprünglich vor allem um nationale Unabhängigkeit Tschetscheniens gegangen war. Auf russischer Seite wurde dieser Krieg als Kampf gegen den islamistischen Terrorismus dargestellt. Verbindungen des tschetschenischen Untergrunds zu Al Qaida wurden als Belege dafür angeführt, daß Rußland durch seinen Kampf gegen den tschetschenischen Untergrund Teil der Koalition gegen den internationalen Terrorismus sei. Man erhoffte sich davon in Moskau, daß die Menschenrechtsverletzungen seitens der Sicherheitskräfte weniger hart als in vergangenen Jahre von der internationalen Staatengemeinschaft kritisiert würden.
Gegenwärtig läuft in Tschetschenien jedoch eine Art Islamisierungskampagne, die von Moskau gebilligt wird. Damit soll dem Untergrund politisch die Unterstützung entzogen werden. Zu militärischen Großaktionen sind die Kämpfer seit längerem nicht mehr in der Lage; sie sind daher in die nordkaukasischen Nachbarrepubliken ausgewichen.
Politisch geschwächt wurden die Separatisten durch die Tötung des letzten tschetschenischen Untergrundpräsidenten Aslan Maschadow, der vor neun Jahren in einer allgemeinen und fairen Wahl zum Präsidenten gewählt worden war, dann aber gegen die Fundamentalisten, unter anderem Bassajew, politisch den Kürzeren zog, von den Russen abgesetzt wurde und in den Untergrund ging.
Maschadow, der im Frühjahr vergangenen Jahres von Sicherheitskräften getötet worden war, besaß, anders als seine im Untergrund eingesetzten Nachfolger Abdul Chalim Sajdullajew und Doku Umarow eine demokratische Legitimation. Sajdullajew war im Juni getötet worden. Sein Nachfolger Umarow hatte Bassajew zum Vizepräsidenten ernannt. Daraus hatte man geschlossen, daß sich die terroristisch geprägte Linie im Kampf gegen die Russen gegen jene Richtung durchgesetzt habe, die wie Maschadow einen Ausgleich mit Rußland anstrebte. Putin lehnte jedoch Verhandlungen strikt ab und bestand auf der Vernichtung des Untergrunds.
Man muß offensichtlich warten können ...
Klaus Hennicke (klaus1208)
- 11.07.2006, 10:57 Uhr