10.09.2004 · Eine Woche nach dem blutigen Ende der Geiselnahme von Beslan haben russische Fahnder den Anführer der Terroristen ermittelt. Der wegen Mordes gesuchte Tschetschene Chutschbarow soll die Geiselnehmer kommandiert haben.
Den russischen Polizeibehörden ist es anscheinend gelungen, die Identität des Anführers der Terroristen zu ermitteln, die mehr als 1200 Menschen im südrussischen Beslan in ihre Gewalt gebracht hatten. Es soll sich um Ruslan Chutschbarow handeln, der seit 1998 von der Polizei wegen Mordes gesucht wurde, berichtet die Zeitung "Wremja nowostjej" am Freitag unter Berufung auf Polizeiangaben.
Bisher war der Anführer der Terroristen nur unter dem Decknamen "Oberst" bekannt gewesen. So hatte ihn auch der überlebende Terrorist Nurpaschi Kulajew bezeichnet. Nach Aussagen befreiter Geiseln soll der Anführer der grausamste aller Terroristen gewesen sein; sie hätten den "Oberst" auch Rustam oder Ruslan genannt.
Brigade von Schamil Bassajew
Der 32 Jahre alte Mann aus dem Dorf Galaschki soll nach Angaben des Geheimdienstes FSB führend an mehreren größeren Terroranschlägen beteiligt gewesen sein. Genannt wird ein Überfall auf einen russischen Militärkonvoi bei Galaschki im Mai 2000, bei dem 18 Soldaten getötet wurden. Zudem soll Chutschbarow den Anschlag eines Selbstmordattentäters auf das Hauptquartier des FSB in Inguschetien am 15. September des vergangenen Jahres organisiert haben. Damals waren drei Menschen getötet und 32 verletzt worden. Unter den getöteten Terroristen in Beslan ist Chutschbarow aber nicht identifiziert worden. Entweder ist er geflohen, oder er gehört zu den Leichen, deren Zustand eine Identifizierung erschwert.
Chutschbarow soll 1998 bei einem Konflikt mit einer Gruppe Armenier einen Mann erschossen haben und dann zusammen mit einem Komplizen in Tschetschenien untergetaucht sein. Nach Angaben des FSB hat er in einem Lager der tschetschenischen Islamisten eine militärische Ausbildung durchlaufen. Später soll er zur Brigade von Schamil Bassajew gestoßen sein, dem bekanntesten tschetschenischen Terroristen, der auch für die Geiselnahme in Beslan verantwortlich gemacht wird.
Zwei Versuche, ihn festzunehmen, seien fehlgeschlagen, heißt es. Zu einem Treffen mit seiner russischen Freundin, von dem die Polizei wußte, sei er nicht gekommen; bei einem Versuch, ihn in seinem Heimatdorf festzunehmen, habe er nach einer Schießerei fliehen können.
Von Entführern "umgedreht"
Bisher hatte man vermutet, ein anderer Terrorist aus Bassajews Umgebung, Magomed Jewlojew, sei der Anführer gewesen. Er gilt als einer der Anführer des Überfalls tschetschenischer und inguschischer Terroristen auf die Stadt Nasran und andere Ortschaften in Inguschetien im Juni dieses Jahres, an dem auch Bassajew teilgenommen haben soll. Nun stellte sich heraus, daß auch Magomed Jewlojew ein falscher Name war, hinter dem sich der ehemalige inguschische Polizist Ali Tasijew verbarg.
Tasijew war im Oktober 1998 in Nasran von einer Bande nach Tschetschenien entführt worden, während er als Leibwächter für die Frau eines inguschischen Politikers arbeitete. Da von ihm danach nichts mehr zu hören war und ein zusammen mit ihm entführter Kollege tot in Tschetschenien aufgefunden wurde, erklärte ihn ein Gericht in Inguschetien im Jahre 2000 für tot.
Wie sich nun herausstellte, wurde Tasijew jedoch von den tschetschenischen Entführern "umgedreht". Er nutzte einen Paß mit dem Namen Jewlojew und verwendete für Funksprüche den Decknamen Magas. Er soll angeblich erst zur Gruppe des Arabers Abu al Walid gehört haben und dann seine eigene Kampfgruppe von dreißig Mann übernommen haben, die Terrorakte in Tschetschenien ausführte und dort moskautreue Ortsvorsteher ermordete. Angeblich soll Tasijew alias Magas bei dem Überfall auf Nasran die Gruppe geleitet haben, die im Zentrum der Stadt Autos anhielt und hohe Justizbeamte und Geheimdienstmitarbeiter erschoß. Ob Tasijew an der Geiselnahme in Beslan teilnahm, ist unklar.
Nationalität der Geiselnehmer verschwiegen
Zu Tasijews Gruppe beim Überfall auf Inguschetien, bei dem nach offiziellen Angaben 88 Menschen getötet wurden, sollen Isnaur Kodsojew und Magomed Auschew gehört haben, wahrscheinlich auch Wladimir Chodow, die alle in der Presse als Terroristen von Beslan genannt werden. Einige der Waffen, die in Beslan gefunden wurden, stammten aus einem Waffenlager, das in Inguschetien von Bassajews Leuten ausgeraubt worden war, berichtet die "Iswestija".
Weiter werden Chanpaschi Kuljajew, der Bruder des festgenommenen Terroristen, Arsen Meschojew und Majbek Schajbekchanow als mutmaßliche Täter genannt. Bei Chodow handelt es sich um einen in Nordossetien aufgewachsenen Russen, bei den anderen wahrscheinlich um Tschetschenen und Inguschen.
Der Kreml hat angeblich Anweisung gegeben, die Nationalität der Geiselnehmer nicht bekanntzugeben, um drohende Pogrome der Osseten an den Inguschen nicht zu befördern. Dennoch hieß es bisher, sechs der zehn identifizierten Täter seien Tschetschenen, vier Inguschen gewesen. Über die neun Araber, die der FSB unmittelbar nach der Tat ausgemacht haben will, ist nichts weiter bekanntgeworden.