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Russisches Konzert in Syrien : Propaganda von Panama nach Palmyra

Putin sendet ein Grußwort nach Palmyra Bild: dpa

Russlands Präsident Putin wirbt mit dem Auftritt eines russischen Orchesters in der „befreiten“ Wüstenstadt Palmyra um Freunde im Westen. Assad und er selbst sollen als geringeres Übel im Kampf gegen den IS erscheinen – allen Luftangriffen zum Trotz.

          Das Orchester des Sankt Petersburger Mariinskij-Theaters spielt in den Ruinen der syrischen Wüstenstadt Palmyra. Russische Soldaten, ihre Kameraden im Sold des Assad-Regimes und uniformierte Kinder lauschen Werken etwa von Johann Sebastian Bach und Sergej Prokofjew. Gleich zwei russische Staatssender übertragen das, so der Titel der Aktion, „Gebet für Palmyra“ kurz darauf. Präsident Wladimir Putin erscheint auf einem Bildschirm vor den antiken Säulen, spricht von der Notwendigkeit, „aller Opfer des Terrors“ zu gedenken und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gemeinsam zu bekämpfen. Es gelinge nur, die „moderne Zivilisation“ zu verteidigen, wenn man jedes Opfer des Terrors wie einen persönlichen Verlust und einen persönlichen Schmerz empfinde, sagt der russische Präsident. Warum?

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Putins eigentliche Botschaft geht nicht an die rund 400 Konzertbesucher im Amphitheater von Palmyra sondern gen Westen. Dass auch dort das Einrücken in die Ruinen durch Assads Truppen im März als „Befreiung“ des Unesco-Weltkulturerbes gerühmt wurde, war schon ein großer Propagandaerfolg Russlands. Die Säulen und die Gräuel, die zu ihren Füßen geschehen sind, überragen alles. Auch wenn der britische Sender Sky News nun berichtete, Assads Regime habe mit der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) einen Abzug vereinbart. Auch wenn russische Medien berichtet hatten, russische Söldner, die auf einem Truppenübungsplatz in Südrussland trainierten, hätten in Kämpfen vor Palmyra eine tragende Rolle gespielt. Offiziell ist dort nur ein russischer Soldat den Heldentod gestorben.

          Propaganda-Konzert in Palmyra
          Propaganda-Konzert in Palmyra : Bild: Reuters

          Aus Putins Sicht ist entscheidend, dass der Westen glauben soll, er wäre im Kampf gegen den IS ein Partner – wie auch sein Vasall in Damaskus, ein geringeres Übel als die Zivilisationsverächter des IS. Das war von Anfang an auch Assads Absicht, der laut vielen westlichen Berichten den IS wachsen und gedeihen ließ. Russlands Präsident benutzt die „Befreiung“ Palmyras und nun das Gefiedel des prestigeträchtigen Orchesters, um im Westen vergessen zu machen, dass der syrische Diktator und/oder dessen Moskauer Schutzherren gerade in Aleppo wieder einmal viele Zivilisten getötet haben.

          Belastet durch die Panama-Papers: Putin-Freund Sergej Roldugin
          Belastet durch die Panama-Papers: Putin-Freund Sergej Roldugin : Bild: Reuters

          Am Donnerstag schien in der Stadt endlich eine neue Waffenruhe zu halten, eigentlich passend, um die Jubelberichte über das Konzert nicht zu konterkarieren. Aber ebenfalls am Donnerstag wurden bei einem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager in der Stadt Sarmada mindestens 28 Menschen getötet. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kamen dabei auch mindestens sieben Kinder ums Leben. „Wer dafür verantwortlich ist, war zunächst unklar“, heißt es in der Agenturmeldung. Aber es heißt darin auch, das betreffende Gebiet in der Provinz Idlib werde von Aufständischen kontrolliert, das Flüchtlingslager liege nahe eines Grenzübergangs, „der für die Rebellen in Aleppo die letzte Verbindung in die Türkei ist“. Der oder die Urheber des Angriffs dürfte hier ebenso „unklar“ sein wie bei den Luftangriffen auf die letzten Krankenhäuser von Aleppo. Putin und Assad setzen in ihrem Kampf gegen „Terroristen“ selbst auf terroristische Mittel. Zu Bach und Prokofjew sollen die Maßstäbe im Westen so sehr ins Rutschen kommen, dass das in Vergessenheit gerät.

          Es gibt noch eine weitere Botschaft des Konzerts vom Donnerstag: Ganz vorne im Orchester saß Sergej Roldugin, jener Cellist und Jugendfreund Putins, dem die „Panama-Papiere“ Briefkastenfirmen und Offshore-Konten zuschreiben, über die binnen kurzer Zeit zwei Milliarden Dollar geflossen seien. Nach anfänglichem Schweigen haben Putin und Russlands Staatsfernsehen Roldugin als Mäzen dargestellt, der all sein Geld (wie viel, wurde offen gelassen) in Instrumente für junge russische Talente stecke.

          Augen zu bei Korruption

          Von Ermittlungen gegen Roldugin wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung ist nichts bekannt. Auch nicht von Ermittlungen etwa wegen Verdachts auf Untreue gegen die russische Bank VTB, deren zyprische Tochter einer der Briefkastenfirmen Roldugins ganz ohne Sicherheiten eine Kreditlinie von 650 Millionen Dollar gewährt haben soll. Allein für diese Summe könnte Roldugin 13 Jahre lang die komplette Einfuhr aller Musikinstrumente nach Russland bezahlen (jedenfalls nach Maßgabe der Werte für 2015 laut der Zeitung „Wedomosti“). Der Zoom der Fernsehkameras auf ein schönes Solo des Cellisten vor antiken Säulen ist so nicht nur eine neuerliche Aufwertung für Roldugin vor dem heimischen Publikum, ein Symbol dafür, dass Putin zu seinen Freunden steht: Die Bilder legitimieren korrupte Seilschaften gleich mit. Von Panamas Offshores direkt ins „befreite“ Palmyra, das soll heißen: Augen zu bei Korruption, dann wird auch der IS besiegt. Dabei ist Russlands Macht- und Umverteilungssystem zugunsten der Elite untrennbar mit dem Militäreinsatz an Assads Seite und damit mit eben jenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verbunden, die Putin nun zu bekämpfen vorgab.

          Weil Russlands Elite selbst jeden Widerstand gegen Korruption und Günstlingswirtschaft, ja schon wirkliche Wahlen fürchtet, dient im eigenen Land das Label der angeblich von westlichen Mächten angezettelten „Farbenrevolutionen“ dazu, Opposition auszugrenzen und teils direkt zu unterdrücken. Auch der Aufstand gegen Assad war aus Sicht des Kreml der Versuch einer „Farbenrevolution“, wie zuvor die Umstürze in Tunesien, Ägypten und Libyen. Einen Sturz Assads wollte Moskau nicht zulassen. Putin, der das Konzert in seiner Videobotschaft als „erstaunlichen humanitären Akt“ lobte, nutzt nun Palmyra, die Perle seiner Eroberungen auf dem syrischen Schlachtfeld, für eine neuerliche Charmeoffensive – vordergründig zugunsten des Massenmörders Assad und letztlich zugunsten des autoritären Herrschers als solchen, dessen Legitimität nach Moskauer Lesart weder Fassbomben noch Giftgaseinsätze trüben können.

          Quelle: F.A.Z.

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