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Gäste aus dem Westen : Russlands willfährige Freunde

Zwei, die sich verstehen: Sepp Blatter (links) und Wladimir Putin Bild: Reuters

Mit Hilfe ausländischer Gäste will der Kreml zeigen, dass er nicht isoliert ist. Westler, die sich für Zwecke der Propaganda einspannen lassen, gab es schon zu Lenins Zeiten.

          Von dem Besuch der zehn französischen Parlamentarier auf der Krim bleibt vor allem ein Foto in Erinnerung. Es zeigt den Senator Yves Pozzo di Borgo. Er grinst und hält ein T-Shirt in die Kamera, auf dem die Präsidenten der Vereinigten Staaten und Russlands abgebildet sind. Barack Obama verzieht das Gesicht, Wladimir Putin blickt ihn an. „Obama, du bist ein Schmock“, steht auf Russisch darunter. Laut dem kremlnahen Sender Lifenews kaufte der Gast das „ungewöhnliche Souvenir“ bei einem Spaziergang am Ufer des Schwarzen Meeres.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Auch sonst verlief der Besuch in der vergangenen Woche aus Moskauer Sicht überaus erfolgreich. Die, so die Staatsmedien, „Parlamentarierdelegation“ habe eine Menge positiver Eindrücke gesammelt. Die Lage auf der Krim sei ganz anders, als die westlichen Medien darstellten. Die Parlamentarier seien erstaunt gewesen, dass sie außer jungen Männern in Marineuniformen und bei dem Besuch eines französischen Friedhofs keine Soldaten gesehen hätten. Bei einer Pressekonferenz nach der Rückkehr nach Moskau sagte einer der Gäste in die Kameras, die Menschen auf der Krim sähen glücklich aus, die Halbinsel ähnele Südfrankreich. Ein anderer sagte, Amerikaner verlangten Sanktionen gegen Russland, Europa leide darunter. Man dürfe Russland nicht kritisieren, immerhin sei auf der Krim „kein Guantánamo“. Der Duma-Abgeordnete Leonid Sluzkij dankte den Gästen mit den Worten, der „Mythos vom aggressiven Russland“ werde zerstört, Europa erfahre „die Wahrheit“.

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          Die Wahrheit im Sinne des Kremls. Es ist leicht, auf der Krim Leute zu finden, die froh sind, „zurück im Heimathafen“ (ein Putin-Wort) zu sein. Es gibt auch Krimtataren, die von ihrer Zufriedenheit berichten, und solche zeigte das Staatsfernsehen im Gespräch mit den Franzosen. Aber der (Groß-)Teil des auf Geheiß Stalins nach Zentralasien deportierten Volkes, der das anders sieht, schweigt. Der krimtatarische Fernsehsender ATR hat im Frühjahr seine Lizenz verloren. Die Führer der Krimtataren sind mittlerweile in Kiew: Sie dürfen nicht nach Russland einreisen, können faktisch also nicht auf die Krim zurück. Tausende Bewohner haben die Krim in Richtung ukrainisches Festland verlassen.

          Politische Prozesse wie aktuell der im südrussischen Rostow am Don gegen den Regisseur Oleg Senzow aus der Krim-Hauptstadt Simferopol, der gegen die Annexion protestierte, schüchtern diejenigen ein, die noch da sind. Senzow soll Terroranschläge geplant und ausgeführt haben. Belege dafür gibt es ebenso wenig wie für eine von Putin ausgemachte „humanitäre Notlage“ der Russen auf der Krim im Frühjahr 2014. Einer der französischen Gäste bestätigte die Mär indes, als er auf der Moskauer Pressekonferenz fragte, ob Europäer und Amerikaner zufrieden wären, wenn auf der Krim Krieg herrschte wie im Osten der Ukraine. „Und man glaubt uns doch“, ist die Botschaft der Berichte wie der über die französischen Gäste.

          „Gerhard, wir brennen!“ - „Ich trinke erst mein Bier aus“

          Die Zeitung „Wedomosti“ erinnerte im Rückblick auf den Besuch bissig an die sowjetische Tradition, westliche Besucher für innere Zwecke einzuspannen. Lenin wird das Wort von den „nützlichen Idioten“ zugeschrieben, gemünzt auf westliche Intellektuelle, welche die Sowjetmacht Anfang der zwanziger Jahre unterstützten, so begeistert wie ahnungslos. Westliche Schriftsteller rechtfertigten selbst die Schauprozesse Stalins. Die Organisatoren im heutigen Moskau wissen ebenfalls, wie sie die Gäste aus dem Ausland einsetzen können. Nach innen, um den Russen zu vermitteln, sie seien nicht isoliert. Nach außen, um Russland als Alternative zum Westen zu positionieren. Vorgeblich im Kampf um „traditionelle Werte“ und staatliche Souveränität, tatsächlich gegen die europäische Integration mit dem Ziel, die Europäische Union zu schwächen.

          Mode für echte Fans: Mickey Rourke mit Putin-Shirt

          Bei der Wahl der Bundesgenossen ist man flexibel. Nicht immer sind sie so vorzeigbar wie die französischen Parlamentarier. Denn die gehörten in der Mehrzahl den Republikanern von Nicolas Sarkozy an, was ihnen den Charme des politischen Mainstreams verleiht. Den hat auch der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder, der in Russland weiterhin angesehen ist. Im April berichtete Putin in seiner jährlichen Bürgerfragestunde im Staatsfernsehen von einem Besuch mit Schröder in einem russischen Dampfbad.

          Vor Jahren sei man in einer Banja gewesen, die in Brand geraten sei. „Gerhard, wir brennen“, habe er, Putin, gesagt. Schröder habe geantwortet: „Ich trinke erst mein Bier aus, dann gehen wir.“ So sei es gekommen. Putin lobte Schröder als „Mann mit Ausdauer“. Jüngst zeigte das Staatsfernsehen Wilfried Scharnagl, den früheren Chefredakteur der CSU-Zeitung „Bayernkurier“. Anlässlich einer Präsentation seines jüngsten Buches „Am Abgrund“ (auf Russisch heißt es übersetzt „Kurswechsel“) wiederholte er vor der Kamera die These, Putin habe es nicht hinnehmen können, dass die Nato, die Russland „umzingelt“ habe, „auf der russischen Krim“ Truppen stationiere – so lautete einer der Rechtfertigungsstränge für die Annexion.

          Sportveranstaltungen zur Imagepolitur

          Ansonsten setzt Moskau neuerdings aber auch auf rechtsextreme Kräfte wie die griechische Goldene Morgenröte, die ungarische Jobbik, die österreichische FPÖ oder den französischen Front National, dessen Vorsitzende Marine Le Pen häufig Gast in Moskau ist. Derlei Kontakte feiert man vor heimischem Publikum nicht immer. Über ein Forum mit Neonazis aus EU-Staaten einschließlich des NPD-Manns Udo Voigt im März in Sankt Petersburg schwieg das Staatsfernsehen ganz. Und die „Beobachter“ aus rechtsextremen Parteien, die im November 2014 zu „Wahlen“ der Separatisten im Donbass anreisten, wurden im Staatsfernsehen zu „Mitgliedern der ASZE“, einer „Alternative“ zur Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Es ist nicht so, dass sich der Kreml seiner Gäste schämte – er nutzt sie nur besonders effektiv aus.

          Wie den griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras, der in seiner kurzen Amtszeit schon zweimal in Moskau war. Im April hob er gemeinsam mit Putin in Moskau hervor, dass Griechenland ein souveräner Staat sei, und sprach von einem „neuen Frühling“ in den Beziehungen beider Länder. Im Juni zeigte ihn das Staatsfernsehen beim Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg. Er saß im Publikum unweit des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow, während Putin über Washington klagte. Tsipras sprach von den Griechen als Seefahrernation ohne Angst davor, sich „einen neuen sicheren Hafen“ zu suchen. Greifbare Ergebnisse brachte Tsipras nicht mit zurück.

          Russlands Freude am Austausch mit Putin geneigten Persönlichkeiten erstreckt sich auch auf Kultur und Sport. Wie jüngst beim Besuch des scheidenden Präsidenten des Weltfußballverbandes Fifa, Joseph Blatter, in Sankt Petersburg. Er kam zur Auslosung der Qualifikationsgruppen für die Weltmeisterschaft in Russland 2018 und sagte Sätze wie „Wir sagen noch einmal ja zu Russland“ und „Der Fußball trägt zum Frieden bei“. Tatsächlich dient die Vielzahl von großen Sportveranstaltungen in Russland – aktuell, nur eines von vielen Beispielen, die Schwimmweltmeisterschaft in Kasan – dem Imagegewinn der Führung. Nur für die kritische Minderheit der Russen spielt es eine Rolle, dass Blatter andernorts für Korruption steht.

          Schauspieler bringen Glanz nach Russland

          Für das meinungsmachende Fernsehen sind seine warmen Worte ein persönlicher Triumph Putins. Dabei zeigte gerade das Auslosungsfest auch, wie schnell sich in Russland das Verhältnis zu illustren Ausländern ändern kann: Der brasilianische Nationalspieler Hulk war als Losfee vorgesehen, sagte aber kurz vor dem großen Tag über einen Fall von Rassismus in der ersten russischen Liga, das sei „eine Schande“, so etwas gebe es bei fast jedem Spiel. „Wenn das in drei Jahren bei der Weltmeisterschaft auch passiert, wäre das hässlich und widerlich.“ Hulk wurde kurzfristig durch einen russischen Spieler ersetzt.

          Es ist Zeit, den Freund zu loben: Gérard Depardieu

          Derlei Unbotmäßigkeiten erlaubt sich ein anderer Dauergast in Russland nicht: der Schauspieler Gérard Depardieu. Putin gewährte ihm Zuflucht vor den hohen Steuern der französischen Heimat, machte ihn zum russischen Staatsbürger und empfing ihn vor Kameras in Sotschi. Depardieu verglich Putin mit Papst Johannes Paul II. Von angeblichen Plänen Depardieus, eine Restaurantkette in Russland aufzumachen, hat man nichts weiter gehört. Er bleibt aber willkommen.

          Überhaupt sind Schauspieler in Russland gern gesehen, umso mehr, wenn sie die Führung loben. Wie der Amerikaner Mickey Rourke, der Ende vorigen Jahres in Moskau mit einem Putin-T-Shirt auftrat, sagte, der Präsident sei „okay“, und einen Boxkampf durch k. o. gewann. Als der amerikanische Schauspieler David Duchovny, bekannt aus „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“, ein alkoholfreies Bier der Marke „Sibirische Krone“ bewarb und dabei auf Russisch sagte, „Ihr habt etwas, auf dass ihr stolz sein könnt“, machte das Furore. Der Werbefilm schaffte es bis ins Staatsfernsehen.

          Der nützlichste Ausländer im Land

          Das bewarb dieser Tage in einem unüblichen Schritt auch den Film „Citizenfour“ über den früheren amerikanischen Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden. Der junge Mann, dessen Ankunft in Moskau Putin einmal als „Weihnachtsgeschenk“ bezeichnete, ist der wohl nützlichste Ausländer im Land. Dank Snowden kann sich Russland, das die eigenen Menschenrechtsschützer drangsaliert, in Europa als Hort der Freiheit verkaufen. Und zusehen, wie in Europa immer neue Enthüllungen unter Berufung auf Snowden den Unmut über Washington schüren.

          Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele inszenierte seine Reise zu Snowden nach Moskau als Geniestreich eines unerschrockenen Abgeordneten. Tatsächlich war er aus Sicht des Kreml ebenso willkommen wie nun die französischen Kollegen auf der Krim. Andere Parlamentarier, die sich für die Ukraine eingesetzt hatten, erfuhren nach der Ankunft an russischen Flughäfen, dass sie auf einer „schwarzen Liste“ Moskaus mit Einreiseverboten stehen. Dieses Schicksal wird den Parlamentariern der italienischen „Fünf Sterne“-Bewegung erspart bleiben, die laut der Zeitung „Kommersant“ schon einen Besuch auf der Krim angekündigt haben. Einer von ihnen sagte, man werde sich an die russische Botschaft in Rom wenden, um den Besuch zu organisieren.

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