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Russische Pioniere Der kindliche Dienst an der Heimat

02.01.2010 ·  Fast 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion haben die russischen Pioniere wieder guten Zulauf. Und das aus durchaus nostalgischen Gründen: Die meisten Eltern wünschen sich die Rundumbetreuung der Kommunisten zurück.

Von Ann-Dorit Boy
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Sechsundzwanzig Füße bilden eine krumme Reihe. „Stab, ausrichten!“, befiehlt die 14 Jahre alte Vera. Dreizehn Jugendliche mit roten Halstüchern rücken sich zurecht, bis man an ihren Schuhspitzen ein Lineal anlegen könnte. „Durchzählen!“ Blitzschnell rattert die Mannschaft die Zahlen herunter, jeder nickt mit dem Kopf nach links zum Nebenmann. Vera, die diensthabende Kommandeurin mit dem strengen, dunklen Pferdeschwanz, ist zufrieden. Sie hebt die rechte Hand zum Gruß und macht Lehrerin Swetlana Meldung. „Kamerad Stabsinstruktor, der Stab ist mit 14 Personen vollzählig angetreten. Rührt euch!“ Unisono rufen alle die Parole: „Durch das Unmögliche vorwärts!“ Dann trotten sie zu ihren Tischen und packen die Federmäppchen aus.

Es klingt wie eine Szene aus einem sowjetischen Jugendfilm, ist aber das normale Begrüßungsritual an jedem Dienstag- und Samstagnachmittag im Hauptquartier des Organisatorenkomitees der Moskauer Pionierorganisation. Ein Raum in einem Jugendzentrum am Nordrand der russischen Hauptstadt: braunes Linoleum, ein paar Schultische, die Wände voller bunter Collagen mit Fotos von Pionieren, die in Uniformhemden vor den Mauern des Kreml posieren: Jungs mit kleinen Käppis, Mädchen in kurzen Faltenröcken. Zu diesem Routinetreffen sind die Oberpioniere aber in Zivil erschienen. Das rote Halstuch kann man auch zu engen Blusen und weiten Kapuzenpullovern tragen.

Mascha, die Jüngste, ist elf Jahre alt, Maxim, der Älteste, ist 19. Keiner von ihnen hat die Sowjetunion erlebt, aber ihre Eltern und Großeltern haben fast alle die kommunistische „Pionierorganisation Wladimir Iljitsch Lenin“ durchlaufen. Sie war fester Bestandteil des sowjetischen Bildungssystems, Basis der ideologischen Erziehung und die erste von mehreren, nur formal freiwilligen Organisationen, die den sozialistischen Staatsbürger mit fester Hand durchs Leben führten. In den siebziger Jahren hatte die sowjetische Pionierorganisation fast 25 Millionen Mitglieder. 1990 wurde sie offiziell aufgelöst, aber eigentlich haben die Pioniere nie aufgehört zu existieren.

Vier Millionen Pioniere

Neben den Jugendorganisationen der Parteien, den Pfadfindern und den patriotischen Gruppen, die auf den Schlachtfeldern nach den Überresten von Stalins Armeen suchen, sind sie heute wieder einer der größten Kinder- und Jugendverbände im Land. Die Nachfolgeorganisation der Lenin-Pioniere trägt den sperrigen Namen „Gemeinschaft der Pionierorganisationen und Föderation der Kinderorganisationen“, und sie sitzt noch immer da, wo die Pioniere 1946 einzogen, in einem roten Backsteinbau am Nowaja Ploschad im Zentrum von Moskau. Achtzig lokale und regionale Mitgliederorganisationen mit vier Millionen Pionieren zählt der Verband, davon zwei Millionen in der Russischen Föderation, der Rest in ehemaligen Sowjetrepubliken.

Sekretär Viktor Kotschergin zeigt stolz die vielen bunten Reißzwecken auf der Russlandkarte über seinem Schreibtisch, die die Standorte der Pioniere markieren. Der 52 Jahre alte Kotschergin hat zu Sowjetzeiten das pädagogische Institut der Komsomolzen absolviert und macht, wie die meisten seiner Kollegen, bis heute im Prinzip dieselbe Arbeit. Nur die finanzielle Unterstützung der Regierung, so stöhnt er, sei früher besser gewesen. Heute müsse man fast jeden Groschen mit Projektförderung auftreiben. Aber immerhin verlange die Stadt nicht den astronomischen, marktüblichen Mietpreis für die Büros.

Wenn Kotschergin Gäste empfängt, beeilt er sich zu sagen, dass die Pioniere heutzutage eine „völlig unpolitische und unideologische Organisation“ seien. Außerdem unabhängig und föderal. „Unsere Mitgliederorganisationen haben ihre eigenen Namen, Farben, Losungen, Satzungen“, sagt er. „Eine Kontinuität mit der zentralisierten, kommunistischen Organisation gibt es nicht.“ Trotzdem führt er Besucher gern zur Ahnengalerie der Verbandsvorsitzenden seit 1922. Sieben schwarzweiße Frauenporträts hängen auf dem Korridor, nur Ende der achtziger Jahre rutschte ein Mann dazwischen, ausnahmsweise in Farbe.

„Dem Dienst an der Heimat“ verpflichtet

Bei der lokalen Pionierorganisation von Moskau hat ebenfalls ein Mann das Sagen: Dmitrij Lebedew, 51, ein schnauzbärtiger Geschichtslehrer, der sich genauso schnell wie der Vertreter seines Dachverbandes gegen den unausgesprochenen Verdacht wehrt, einen kommunistischen Verein zu leiten. Es gebe wohl ein paar einzelne Pioniergruppen, die der Partei bis heute nahestehen, aber dass seine Schützlinge rote Halstücher tragen, sei keinesfalls misszuverstehen. „Rot ist für die Kinder die Farbe der Träume, der Sonne, eines warmen Lagerfeuers.“ Im Nebenraum des Hauptquartiers verstauben eine Leninbüste und einige Bände sowjetischer Pionierliteratur. Nur die alte Parole auf der großen Wandtafel wurde ausgetauscht. Dort steht nicht mehr: „Zum Kampf für die Sache der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Seid bereit! Immer bereit!“ Die Pioniere von heute sollen sich „dem Dienst an der Heimat, dem Guten und der Gerechtigkeit“ verpflichten.

„Wir haben all das bewahrt, was gut und sinnvoll war in der alten Organisation“, erklärt Lebedew. Die Kameradschaft, den Patriotismus, die guten Taten. Die rund 1000 Moskauer Pioniere pauken die Geschichte ihres Landes, besuchen Weltkriegsveteranen, putzen Denkmäler, fischen Müll aus Bächen und salutieren einmal im Jahr, zum Geburtstag der Pionierorganisation am 19. Mai, vor dem Grab des Unbekannten Soldaten. Es sind vor allem Kinder und Jugendliche aus einfachen Verhältnissen, die in Lebedews Pioniergruppen kommen. Hier finden sie eine feste Gemeinschaft, jemanden, der ihnen sagt, was zu tun ist. Anders als politische Organisationen, wie die Putin-treue Naschi-Jugend, scheuen die Moskauer Pioniere Tamtam und große Auftritte. Sie sind so etwas wie sowjetnostalgische Pfadfinder, nur eben mit mehr Drill.

An diesem Nachmittag muss Kommandeurin Vera ihre Kameraden dazu antreiben, sich Spiele auszudenken für einen Werbeauftritt in einer Schule. Das hübsche Mädchen im weißen Rollkragenpullover ist zu den Pionieren gekommen, „weil wir hier etwas Sinnvolles machen und lernen, uns selbst zu organisieren“. Am Anfang war sie erschrocken, wie schwer es ist, die Gruppe im Zaum zu halten. Inzwischen weiß sie, wie man wirkungsvoll kommandiert. „Warum habt ihr noch nichts aufgeschrieben?“, fragt sie streng. Die Arbeitsgruppen hocken sich zusammen und kritzeln Ideen in Schulhefte. Dann kreist eine Keksdose, und es kommt der gemütliche Teil. Die Pioniere, Lebedew und Betreuerin Swetlana nehmen sich in den Arm und singen schwermütige Lagerfeuerlieder. „Ich will, dass sich die Kinder wohl fühlen“, sagt Lebedew. Als er klein war, in den sechziger und siebziger Jahren, sei die Atmosphäre im Land für Kinder besser gewesen. „Es war irgendwie warmherziger.“

Begehrt: die Wärme des Pionierkollektivs

Diese Wärme des Pionierkollektivs möchte der Lehrer auch in die neu gebaute Schule Nummer 259 bringen. Freitagnachmittags um 15 Uhr bläst er in der Pausenhalle auf seiner Trompete zum Appell. Vera lässt fünf Mannschaften aus Fünft- bis Achtklässlern bilden, und die Pioniere schwärmen aus, um die Kinder zu unterhalten. In einem Klassenraum wird ein kleiner Sketch aufgeführt mit der Hauptfigur „Peter, der gute Pionier“, anderswo gibt es Wandzeitungen zu bewundern, die die guten Taten der Pioniere dokumentieren, und später dürfen alle, mit alten Gasmasken bekleidet, in der Turnhalle nach versteckten Zettelchen suchen. Viele von den Kindern werden am nächsten Tag zum ersten Mal in den Pionierklub gehen.

Auch Maxim ist vor fünf Jahren durch eine solche Werbeaktion an seiner Schule zu den Pionieren gekommen. „Mir gefällt vor allem die Gemeinschaft“, sagt er. Die damals in der „Agitationsgruppe“ waren, sind inzwischen seine besten Freunde. „Ich weiß gar nicht, ob ich der geworden wäre, der ich heute bin, ohne die Pioniere“, sagt Maxim. Wer ist er denn heute? „Ein verantwortungsbewusster Mensch, jemand, der sich um andere kümmert.“ Auf seinem Uniformhemd trägt Maxim fünf Auszeichnungen, eine davon für besonders aktive Mitarbeit. Hat er denn nichts Besseres vor an einem Freitagnachmittag, als sich mit kleinen Kindern herumzuplagen? „Nein, wieso denn? Darum geht es doch im Leben: um Freundschaft, Kameradschaft, Liebe.“

Eine „sinnvolle Beschäftigung“ haben

An diesem Nachmittag ist auch die Mutter von Nesthäkchen Mascha mitgekommen. Tatjana, 40, war früher auch Pionierin. „Ganz lustig“ sei das gewesen, sagt sie. Manchmal schmunzelt sie, wie sich die Zeiten geändert haben. Ihre Mutter geht neuerdings in die Kirche und die Tochter freiwillig zu den Pionieren. Aber das sei eine gute Sache: „Ich freue mich, dass Mascha eine sinnvolle Beschäftigung gefunden hat.“

Mit dieser Meinung ist die Moskauerin nicht allein. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada wünschen sich 80 Prozent der Russen die alte Pionierorganisation zurück. Lewada-Soziologe Boris Dubin erklärt das so: „Die Eltern und Großeltern suchen nach jemanden, der sich wie früher um die Jugend kümmert, nach einer Organisation, die ihnen selbst diese Verantwortung abnimmt.“ So habe man zu Sowjetzeiten gedacht, und so denke man eben noch heute.

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