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Russisch-islamischer Streit in Kasan Die tatarische Tannenbaumdebatte

 ·  Im Kreml von Kasan an der Wolga gibt es dieses Jahr zu Neujahr keinen festlich beleuchteten Baum mehr. Das ist ein Teil eines langen Streits über russische und muslimische Symbole.

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© IMAGO Ins richtige Licht gesetzt: Der Kreml von Kasan mit der neuen Kul-Scharif-Moschee im Zentrum

Über dem Kreml von Kasan ragen vier Minarette hoch in den Himmel. Seit einigen Jahren überragen sie die russische orthodoxe Kathedrale in der Festung aus dem 16. Jahrhundert. Nur an einigen wenigen Tagen im Jahr hatten die Minarette der Kul-Scharif-Moschee zuletzt noch Konkurrenz: Wenn die zu Neujahr vor der Kremlmauer eine möglichst hohe Festtanne aufgestellt und festlich beleuchtet wurde. Aber die zentrale Tanne hat ihren Platz vor dem Sitz der Regierung der Republik Tatarstan bis auf weiteres verloren.

Vielen Muslimen in der Region an der Wolga gelten die Tanne und die Feiern zum Neujahrsfest als Symbole einer fremden Kultur, als unislamisches, verwerfliches und gar gefährliches russisches Brauchtum. Vergangenes Jahr hatten islamische Fundamentalisten Flugblätter an Häuserwände geklebt, auf denen Muslime dazu aufgerufen wurden, sich vor den Neujahrsfeiern zu hüten: Es sei eine große Sünde, Tannen zu schmücken und Kindern zu erlauben, sich an den Händen zu fassen und Jungen und Mädchen gemeinsam einen Reigen um die Festbäume in der Stadt oder um die Tanne zu Hause zu tanzen. Wer Väterchen Frost und das Schneemädchen Snjegurotschka verehre, die in Russland den Kindern zu Neujahr Geschenke bringen, der begehe Vielgötterei. Hinzu komme moralische Verwerflichkeit, zumal auch Muslime von der russischen Gewohnheit in Verführung geführt werden könnten, die Feiern in mehrtägiges Besäufnis ausarten zu lassen. Dieses Jahr gab es zwar keine Flugblätter, aber auf islamistischen Internetseiten wurden die Warnungen wiederholt.

Anti-christlich ist die islamische Neujahrskritik nicht unbedingt, denn die Tanne spielt in der russischen orthodoxen Kirche kaum eine Rolle - sie ist Teil des Neujahrsfestes, das seit den dreißiger Jahren in der Sowjetunion ein Ersatz für das Weihnachtsfest sein sollte, das in Russland am 6. Januar gefeiert wird. Ganz verzichtet wurde auf öffentliche Tannen in Kasan auch dieses Jahr nicht - 162 sind es über das ganze Stadtgebiet verteilt: Fast die Hälfte der Bevölkerung der Stadt sind noch immer Russen. Sie werden auch dieses Jahr mit ihren ganzen Familien auf die Neujahrsmärkte strömen, um die Tannen herum tanzen, Kinder werden Väterchen Frost, einen Mann mit weißem Rauschebart und Weihnachtsmannmütze, und das Mädchen Snjegurotschka bewundern.

Eine bauliche Demonstration, dass sich die Zeiten ändern

Aber die Russen sind auf dem Rückzug - auch demographisch. Nach der jüngsten Volkszählung bilden die muslimischen Tataren in der Republik Tatarstan wieder die Mehrheit, und während die Russen dort zur größten Minderheit wurden. Die Moschee im Kreml von Kasan, eine der größten in Europa, die von 1996 bis 2005 gebaut wurde, ist das sichtbarste Symbol für dem Anspruch der Tataren, in der nach ihnen benannten Teilrepublik auch zu bestimmen. Rafael Hakim, der Anfang der neunziger Jahre der Ideologe einer Bewegung für die Souveränität Tatarstans war und als Berater Minitimer Schajimijew, dem ersten Präsidenten Tatarstans nach dem Ende der Sowjetunion die Politik gegenüber Moskau prägte, bekennt offen, dass die Entscheidung zum Bau der Moschee im Kreml politische Gründe gehabt habe. Es sei darum gegangen, in diesem Zentrum der Macht Flagge zu zeigen und mit baulichen Mitteln die „historische Gerechtigkeit“ wiederherzustellen, nach Jahrhunderten russischer Herrschaft, Zwangstaufen, Vertreibungen der muslimischen Bevölkerung aus angestammten Siedlungsgebieten und nach siebzig Jahren atheistischer Sowjetherrschaft. Es habe zu viele Kirchen und „zu wenig Halbmonde“ im Land gegeben.

In Tatarstan wird gerne daran erinnert, dass der Islam in dieser Region Russlands ältere Wurzeln hat als das Christentum. Im Jahr 922 kam eine arabische Gesandtschaft ins Reich der turkstämmigen Wolgabulgaren, und diese nahmen in ihrer Hauptstadt Bolgar den Islam an. Etwa drei Jahrhunderte später wurde Bolgar von den mongolischen Tataren erobert und Teil des Herrschaftsgebietes der Goldenen Horde. Beide Ethnien mischten sich. Zu Russland kam Tatarstan erst ein halbes Jahrtausend später, als Zar Iwan der Schreckliche das Khanat von Kasan eroberte.

Von der großen Moschee und deren Minaretten in Bolgar waren nur die Fundamente übrig geblieben. Wie in Kasan wird auch dort baulich demonstriert, dass sich die Zeiten geändert haben. Neben der Kirche, mit der das russische Reich einst demonstriert hatte, dass das orthodoxe Christentum in Tatarstan den Islam als herrschende Religion abgelöst hatte, wurde nun auf den Fundamenten der alten Moschee eine neue gebaut. Wichtig scheint bei dieser „Rekonstruktion“ nicht nur gewesen zu sein, dass der Halbmond sich neben dem Kreuz über die Ebene an der Wolga erhebt, sondern auch, dass dieses Minarett die Kirche eindrucksvoll überragt. Wer vom Fluss landeinwärts schaut, erblickt am Horizont, dort, wo vielleicht einmal die Grenzen der großen mittelalterlichen Stadts Bolgar verliefen, die „Weiße Moschee“.

Muslime mit Wodka demoralisieren

Auch der Name der Moschee im Kreml von Kasan knüpft an diese Geschichte an: Sie ist nach dem Imam Kul Scharif benannt, der im 16. Jahrhundert die Verteidigung Kasans gegen die Truppen des Moskauer Zaren Iwan organisierte und im Kampf sein Leben verlor. Dass die Eroberung Kasans durch Zar Iwan ein weltgeschichtlich bedeutsames Ereignis war, weil es ihm gelang, den nördlichsten Stützpunkt des Islams auf Jahrhunderte unter christliche Herrschaft zu zwingen und Moskaus Anspruch zu untermauern, nach Rom, das zerstört war, und nach Byzanz, das unter osmanische Herrschaft geraten war, als „drittes Rom“ die Belange der gesamten Christenheit zu vertreten, ist verblasst. Für die Tataren von heute ist es jedenfalls ohne Belang.

Religion und tatarischer Nationalismus gehen dabei Hand in Hand - dabei gibt es unter den Tataren höchst unterschiedliche Vorstellungen davon, wie der Islam auszusehen habe. Danis Safargali, tatarischer Nationalist von der „Patriotischen Front Altyn Orda“ (Goldene Horde), bevorzugt den sogenannten traditionellen russländischen Islam und hält die Trennung von Staat und Islam für unverzichtbar. Rustam Safin, Imam der schäbig wirkenden kleinen Kasaner Moschee Al Ichlas, hängt dagegen offenbar einer Richtung an, die auf fundamentalistische Einflüsse aus Arabien schließen lässt - auch wenn er beteuert nicht in einem arabischen Land, sondern in Tatarstan den Islam studiert zu haben.

In der offiziellen Geistlichkeit sieht Safin Marionetten der Regierenden, in dem lockeren „traditionellen Islam“ die Fortführung des sowjetischen Bestrebens, Muslime mit Wodka zu demoralisieren. Den Bau der Kul-Scharif-Moschee hält er für überflüssig, die teure Spezialanfertigung des weltgrößten Exemplars des Korans ebenfalls. Das Geld hätte man lieber im Interesse der Menschen ausgeben sollen, sagt er. Ihnen in ihren materiellen Nöten zu helfen und sie zum Gehorsam gegen Allah zu führen, sei viel wichtiger als solche Symbole. So halte er es in seiner Moschee, sagt Al Ichlas - sie hat ihren Platz im einstigen Kesselhaus der Heizungsanlage einer Wohnsiedlung gefunden. Und wenn die Gläubigen es einst wünschten, sei es auch nicht ausgeschlossen, dass in Tatarstan ein Kalifat, ein Gottesstaat entstehe.

Tatarstan ist für russische Verhältnisse relativ reich

In Tatarstan suchen gerade junge Menschen Halt - und bei dieser Suche hat der Islam, wie er von Al Ichlas gelehrt wird, mit seinen einfachen Regeln Vorteile. Das Verbot von Alkohol, dessen zerstörerische Rolle viele kennen, spielt dabei eine wichtige Rolle. Eine junge Frau, die sich für den Islam entschieden hat, spürt zwar ein gewisses Unbehagen, an der Stellung der Frau in ihrer Religion - aber wenn ein künftiger Ehemann es wünsche, werde sie auch den Hidschab tragen, sagt sie.

In einem wichtigen Punkt stimmen die beiden Antipoden, der Nationalist Safargali und der Fundamentalist Safin, überein: Die Ermordung des stellvertretenden Muftis von Tatarstan und der Sprengstoffanschlag auf den Mufti im Juli sowie die darauf folgenden Aktionen des Inlandsgeheimdienstes FSB gegen angebliche Islamisten in Tatarstan seien russische Provokationen gewesen. Es sei nur darum gegangen, sich eine Handhabe zur Vernichtung der politischen und wirtschaftlichen Autonomie zu verschaffen, die Tatarstan einst dank Präsident Schajmijew - dessen Berater Hakim, der übrigens einen Reformislam anstrebt - errungen habe und über die die Republik in gewissem Ausmaß noch immer verfüge. Safargali ist zudem überzeugt, dass die Russen noch immer versuchten, die Tataren durch Druck zu assimilieren. „Für uns hat die russische Kultur, von der Putin spricht und die aus Sauna, Zieharmonika, Wodka und Balalajka besteht, aber keinerlei Anziehungskraft“, sagt der ehemalige Offizier voller Spott.

Safargalis Organisation verbreitet unter den Tataren ihre Sicht der tatarischen Geschichte, propagiert Sprache und Kultur und verbreitet die Grundsätze des Islam im Volk. Er selbst glaubt, dass die föderalen Verfassungsgrundsätze Russlands unter Putin ausgehebelt worden seien. Dagegen gebe es nur ein Mittel: aus der Föderation eine Konföderation zu machen. Dadurch würde auch sichergestellt, dass die Einkünfte der nach russischen Maßstäben relativ reichen Republik Tatarstan im Lande blieben und nicht ab einer bestimmten, von Moskau festgelegten Obergrenze an die Zentrale abgeführt werden müssten.

Russland-Kritik auch von der tatarischen Führung

Auch von Vertretern des offiziellen Islam werden Forderungen vorgebracht, die in Moskau nicht gut ankommen. Der Leiter der zentralen geistlichen Verwaltung der Muslime Russlands, Mufti Talgat Tadschuddin fordert, im Staatswappen der Russischen Föderation, das auf das Zarenwappen zurückgeht, Veränderungen vorzunehmen, damit auch die Muslime darin angemessen abgebildet seien. Zum gekrönten Doppeladler und der Zarenkrone, die Kreuze zieren, müsse ein Halbmond ins Wappen aufgenommen werden. Tadschuddin wird in seiner tatarischen Heimat von den Muslimen nicht sonderlich geschätzt. Daher hat das Verlangen, den Halbmond ins Staatswappen aufzunehmen, noch keinen offiziellen Fürsprecher gefunden.

Ganz in den leeren Raum ist Tadschuddins Forderung indes nicht gefallen. Auch der Nationalist Danis Safargali fordert, das Staatswappen Russlands neutral zu gestalten. Muslime dürften, bildlich gesprochen, nicht gezwungen werden, sich unter das christliche Kreuz der orthodoxen Russen zu beugen. Im gleichen Atemzug kritisiert er, dass die Kirche sich mit Förderung des Kremls immer mehr als Staatskirche im gemischtkonfessionellen Russland gebärde. Putins Gerede von der Notwendigkeit eines neuen russländischen Patriotismus oder davon, dass die Russen den Kern der Föderation bildeten und die russische Kultur das Fundament der russländischen Nation sei oder die russische Sprache der verbindende Faktor für die Einheit aller Völker, sei nur Vernebelungstaktik, die den russischen Chauvinismus verdecken solle.

Einiges von dem, was Safargali sagt, findet - anders formuliert - auch in die offizielle Politik der kremltreuen Führung Tatarstans. Der frühere Präsident Minitimer Schajmijew, der als „Staatsrat“ noch immer wichtige politische Fäden zieht, hatte im November öffentlich die „imperiale Nostalgie“ Moskaus gegeißelt und vor Versuchen gewarnt, durch Neuziehung der territorialen Grenzen zwischen den Föderationssubjekten die nationalen Republiken zu überwinden. Jüngst verlangte Schajmijew, dass den nationalen Republiken besondere Vertreter in der Duma zugestanden werden müssten, damit der Gesetzgeber nicht gegen deren Interessen handele.

In welche Richtung sich Tatarstan entwickelt, ist offen

Beim russischen Gegenpol in Tatarstan herrscht eine andere Sicht. Michail Schtscheglow vom russischen Kulturverein zum Beispiel nimmt Putins Forderung vom alles und alle verbindenden (christlichen) Russentum sehr ernst. Moskau müsse nun Taten folgen lassen und sowohl politisch und finanziell, mehr für die Selbstbehauptung der Russen in Tatarstan unternehmen. Bis zu 1000 Russen seien bereits zum Islam übergetreten, sagt er. Die russische Sprache drohe ins Abseits gestellt zu werden. Er wolle nicht irgendwann aus Tatarstan als „Ungläubiger“ vertrieben werden wie die Russen aus dem Nordkaukasus. Tataren dürften Aussagen wie die Schtscheglows dagegen als Beweis für die Existenz einer russischen „Fünften Kolonne“ zur Schwächung der erreichten Selbständigkeit an der mittleren Wolga bewerten.

In den Disputen in Tatarstan deuten sich möglicherweise bereits die Konturen möglicher Konflikte zwischen Moskau und den muslimisch geprägten Teilrepubliken Russlands an, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen könnten. Es ist gut möglich, dass die tatarische Tannenbaumdebatte in nicht allzuferner Zukunft wie ein harmloses Vorgeplänkel aussieht. Die Zahl der orthodoxen Christen hat sich in Russland in den vergangenen drei Jahren um drei Prozent verringert, die der Muslime ist um sechs Prozent gewachsen - und diese Tendenz wird sich nach Ansicht von Demographen fortsetzen. Präsident Putin hat bislang außer der Ankündigung, dass ethnische Gebiete mit eigenem Recht und eklatanten Abweichungen von der russisch geprägten „Leitkultur“ nicht geduldet würden, wenig konkrete Schritte benannt - außer dem Vorschlag, wieder Schuluniformen einzuführen, um den Hidschab an Lehranstalten zu verhindern.

Gibt er sich als Befürworter einer größeren Rolle der orthodoxen Kirche als Klammer für das Russentum, handelt er sich von Muslimen den Vorwurf ein, er wolle offenbar den christlichen Gottesstaat. In Dagestan oder Tschetschenien im Nordkaukasus dagegen sind die Exklaven, vor denen er warnt, schon Wirklichkeit. In welche Richtung sich Tatarstan entwickelt, ist offen.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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