19.08.2010 · Frankreich hat Roma des Landes verwiesen. Das Vorgehen von Präsident Sarkozy ist kein Einzelfall: Jährlich werden Tausende in ihre Heimatländer zurückgeführt - etwa nach Rumänien, wo sie zumindest geduldet werden.
Von Karl-Peter SchwarzDie Rückführung rumänischer Roma aus Frankreich hat begonnen. 93 Roma sind am Donnerstag mit Flügen aus Paris und Lyon in Bukarest eingetroffen, 132 werden am Freitag in Temesvar erwartet. Es handelt sich dabei um Roma, die ihrer Ausreise zugestimmt haben. Nach der Auflösung von mehr als fünfzig illegalen Roma-Siedlungen sollen bis Monatsende rund 700 Roma Frankreich verlassen.
Die medienwirksam in Szene gesetzte Aktion verleiht einem trivialen Vorgang den Schein eines außergewöhnlichen Ereignisses. Dass EU-Staaten Roma ausweisen oder repatriieren, auch wenn diese selbst EU-Bürger sind, gehört nämlich seit Jahren ebenso zum europäischen Roma-Alltag wie die gegenläufigen Migrationsströme aus armen Ländern mit niedrigen Sozialleistungen in reiche Länder mit attraktiven Sozialsystemen.
Zahl der Abschiebungen bislang recht gering
Ende Juli gab das rumänische Innenministerium bekannt, dass im ersten Halbjahr 2010 insgesamt 1625 rumänische Staatsbürger aus 18 europäischen Ländern abgeschoben wurden, in denen sie gegen Gesetze verstoßen haben und mit denen Bukarest Rückführungsabkommen abgeschlossen hat. Aus Frankreich wurden demnach vor der Auflösung der Roma-Lager 581 rumänische Staatsbürger abgeschoben, davon rund 140 wegen Bettelei, 120 wegen Diebstahls, 84 wegen der Überschreitung der Höchstaufenthaltsdauer. Italien schob 350 Rumänen ab, Belgien 260, Dänemark 121, Großbritannien 72, Deutschland 65.
Verglichen mit den schätzungsweise zwei bis drei Millionen Rumänen, die sich im Ausland aufhalten, nimmt sich diese Zahl gering aus. Zwei Drittel der rumänischen Migranten leben in Italien und Spanien, wo sie sich aus sprachlichen und kulturellen Gründen am leichtesten zurechtfinden. Die meisten von ihnen nehmen Arbeiten an, für die sich unter den gegebenen Löhnen und Bedingungen kaum noch heimische Arbeitskräfte finden. Während ihre Integration in Spanien bisher fast reibungslos verlief, kam es in Italien zu erheblichen Problemen. Am Rand der großen Städte sind dort zahlreiche illegale Siedlungen von Immigranten entstanden, die von den Behörden jahrelang ignoriert wurden. Die auf diese Weise geradezu herangezüchtete Migrationskriminalität ließ eine ausländerfeindliche Stimmung entstehen, die sich vorwiegend gegen Rumänen richtet und mehrmals in Gewalt umschlug.
Die meisten kehren gleich wieder nach Frankreich zurück
In Italien wird zwischen Rumänen und Roma kaum unterschieden. Anders ist das in Frankreich, wo sich die Maßnahmen der Regierung explizit gegen die Roma-Migranten richten, deren Zahl auf etwa 150.000 geschätzt wird. Voriges Jahr händigte die französische Regierung jedem Roma, der sich bereit erklärte, nach Rumänien zurückzukehren, großzügig ein Flugticket und 300 Euro aus. 8000 nahmen das Angebot an - und die meisten kehrten gleich wieder nach Frankreich zurück.
In Rumänien leben etwa zwei- bis zweieinhalb Millionen Roma, das entspricht etwa einem Zehntel der Gesamtbevölkerung. Unter ihnen gibt es mindestens vierzig Gruppen und neunzehn Kasten. Sie unterscheiden sich danach, ob sie seit Generationen sesshaft sind oder erst durch die Zwangsansiedlungspolitik der Kommunisten in die Dörfer und Städte gebracht wurden; sie unterscheiden sich durch ihre Herkunft („arami“, „tartares“, „saracin“), durch ihre Sprache (Romani, Rumänisch, Ungarisch), vor allem aber durch die Berufe, die sie ausüben oder früher einmal ausgeübt haben. Manche ihrer traditionellen Berufe sind längst ausgestorben, aber die Kasten, die sich auf sie gründeten, haben überlebt.
Von den Rumänen akzeptiert, aber bei weitem nicht integriert
Die Rumänen nennen sie „rrom“, das kommt vom griechischen „rhomaios“, der antiken Bezeichnung für die Bürger des Römischen Reiches. Roma wurden im byzantinischen Reich seit dem 11. Jahrhundert als Sklaven gehalten, erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Sklaverei in den rumänischen Fürstentümern abgeschafft. Während des Zweiten Weltkrieges wurden sie nach Transnistrien deportiert, wo Zehntausende ermordet wurden, verhungert oder erfroren sind. Die Kommunisten behandelten sie als eine Subkultur, die zur Assimilation gezwungen werden musste.
Heute leben sie in Rumänien am Rande der Gesellschaft. Von der Mehrheitsbevölkerung werden sie zwar nicht geliebt, aber doch weniger diskriminiert als in Ungarn oder in der Slowakei. Sie arbeiten in der Land- und Forstwirtschaft, füllen marktwirtschaftliche Lücken durch den Handel mit Alteisen, gebrauchten Kleidern und anderen Altwaren, haben Musiker und Unternehmer hervorgebracht und verfügen über eine zwar noch dünne, aber wachsende Mittelschicht.
Der Aufstieg gelingt nur wenigen
Die bisherigen Versuche, sie über öffentliche Schulen und andere staatliche Steuerungsinstrumente zu integrieren, hatten wenig Erfolg und waren oft geradezu kontraproduktiv. Die Kinder aus Roma-Familien, die zum gemeinsamen Schulbesuch mit den anderen Kindern gezwungen werden, fühlen sich erst recht diskriminiert. Einige wenige schaffen dann zwar den sozialen Aufstieg, aber um den Preis der radikalen Trennung von ihren familiären und kulturellen Wurzeln. Privat organisierte und auf die besonderen Erfordernisse der Kinder flexibel reagierende Schulen, wie sie in den Slums indischer Großstädte seit Jahren erstaunlich gute Ergebnisse erzielen, gibt es in Südosteuropa nicht.
Die Roma selbst sind sehr auf Separation bedacht, was angesichts ihrer Geschichte durchaus verständlich ist. Eine „Lösung der Roma-Frage“ zeichnet sich nicht ab, nicht auf der Eben der Nationalstaaten und auch nicht auf der europäischen. Nach den Slowaken, Ungarn, Serben und Rumänen werden auch andere europäische Nationen allmählich lernen müssen, mit ihnen zu leben. Mit entsprechend wenig Verständnis nahm man in Bukarest daher auch die Drohung des französischen Europa-Staatssekretärs Pierre Lellouche zur Kenntnis, der in einem Interview gesagt hatte, der rumänische Staat sei für das Verhalten der rumänischen Roma verantwortlich und Paris behalte sich solange ein Veto gegen den rumänischen Beitritt zur Schengen-Zone vor, solange er seinen diesbezüglichen Aufgaben nicht nachkomme.
Frankreich und Rumänien fordern von der EU „Eingliederungsprogramm“
Angesichts der beginnenden Abschiebungen von Roma aus Frankreich nach Rumänien hat der rumänische Präsident Traian Basescu die EU aufgefordert, ein „Eingliederungsprogramm“ für die Minderheit zu schaffen. Nach Darstellung der französischen und der rumänischen Regierung handelte es sich bei den Roma, die am Donnerstag Frankreich verlassen haben, ausschließlich um „freiwillige Rückkehrer“.
Jeder Fall sei einzeln geprüft worden, versicherte die französische Regierung. Die EU-Kommission hatte Frankreich am Mittwoch ermahnt, sich an das europäische Recht zu halten, insbesondere an das Recht auf Freizügigkeit. Die EU-Kommission solle „ihre Energie, ihre Anstrengungen und ihre Glaubwürdigkeit“ darauf verwenden, sich ein Programm für die „dauerhafte Wiedereingliederung und eine wirkungsvolle Integration der Roma-Gemeinschaft“ einfallen zu lassen, entgegnete Frankreichs Innenminister, Brice Hortefeux.
Brüssel solle sich dafür starkmachen, dass die Roma besseren „Zugang zu Bildung, Arbeitsplätzen und Wohnungen“ bekämen. Auch der rumänische Präsident forderte ein „europäisches Eingliederungsprogramm“. Er verstehe die Probleme, die durch die Ansiedlung von Roma im Umland großer Städte entstünden, sagte Basescu.
Trotzdem habe jeder EU-Bürger das Recht, sich in einem anderen europäischen Land niederzulassen. „Was derzeit in Paris geschieht, zeigt, dass wir auf europäischer Ebene ein Eingliederungsprogramm für Angehörige der Volksgruppe der Roma brauchen.“ Frankreich will im September eine Datei mit biometrischen Daten einführen, um die Rückkehr der Abgeschobenen zu verhindern. (AFP)
Minderheit von Minderheit
Martin Schmitt (Ameisenschreck)
- 19.08.2010, 23:13 Uhr
Man kann annehmen dass Frankreich
Lill-Karin Bryant (kb26919)
- 19.08.2010, 23:27 Uhr
Woran mag es liegen das kein Land Europas die Zigeuner (Sinti&Roma) haben will?
Marcel Meier (MarcelMeier)
- 20.08.2010, 00:05 Uhr
Sarkos Kärcher-Test ??
Robert Hamacher (harohama)
- 20.08.2010, 00:34 Uhr
Sprach-"Regelung"
H.P.D. Spielmann (Dr.Spielmann)
- 20.08.2010, 07:21 Uhr
Karl-Peter Schwarz Jahrgang 1952, Korrespondent für die Tschechische Republik, die Slowakei, Rumänien, Slowenien, Kroatien, Montenegro und Albanien mit Sitz in Wien.
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