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Rösler in Vietnam Und Onkel Ho lächelt milde

 ·  Philipp Röslers Reise nach Vietnam führt den Wirtschaftsminister nicht in die Heimat, sondern in eine Vergangenheit, an die er sich nicht einmal erinnert.

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© dapd Schwarmintelligenz: Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) bei der Eröffnung einer Schule in Vietnam

Den Zugang zur Aula der Wirtschaftsuniversität von Hanoi säumen Studenten und Studentinnen in langen, bunten Seidenkleidern. Sie stehen Spalier für Philipp Rösler und klatschen Beifall, als der deutsche Wirtschaftsminister an der Giai Phong Road vorfährt. Rösler betritt die Aula, ein militärisch anmutendes Musikkorps in weißen Uniformen schmettert mit Verve die Nationalhymnen des Gastes und Vietnams. Hunderte Studenten und Professoren applaudieren. Auf der Bühne nimmt Rösler in einem riesigen Armlehnstuhl Platz, rechts von ihm thront auf einem Sockel überlebensgroß eine vergoldete Büste des Kommunistischen Staatsgründers Ho Chi Minh. „Onkel Ho“ lächelt milde, man hat bunte Blumen um sein schimmerndes Haupt gelegt. Es ist ein bisschen so, als wolle man ihn und seine Nachfahren im gegenwärtigen Politibüro der KP Vietnams bereits im Voraus trösten. Denn was der Gast aus Deutschland den Studenten der „Neuen Wirtschaftsuniversität“ zu sagen hat, wird sie weniger begeistern als die Studenten.

Philipp Rösler bekommt in Hanoi einen Ehrendoktor. Der „Vizekanzler“ als den man ihn in Vietnam gerne begrüßt, hat sich hohe Verdienste erworben, heißt es in der Urkunde. Beispielsweise habe er innerparteiliche Wahlen in der Regel mit mehr als neunzig Prozent der Stimmen gewonnen. Und er habe, wie es in der Laudatio des Rektors heißt, „seine ganze Willenskraft auf Studium, Forschung und gesellschaftliche Aktivität“ verwendet. Das ist vorbildlich für die jungen Leute der Eliteuniversität des sozialistischen Landes, dem man seinen Sozialismus nicht mehr ansehen soll, obwohl die alten Kader gerne alles in der Hand behielten. „Marktwirtschaft mit sozialistischer Ausrichtung“ nennt man das hier.

Außerdem ist Philipp Rösler Wirtschaftsminister eines Landes, mit dem Vietnam gerne und große Geschäfte machen möchte. Seit 2011 existiert sogar eine „strategische Partnerschaft“ zwischen Berlin und Hanoi, die Bundeskanzlerin selbst hat sie unterzeichnet. Aber schließlich und nicht zuallerletzt ist Philipp Rösler in Vietnam geboren. Und manche, auch in Deutschland, behaupten, Vietnam sei „seine Heimat“. Das ist falsch. Es ist bloß sein Geburtsland, flüchtiger Ort seiner ersten Tage und Wochen. Rösler nutzt allerlei Gelegenheiten bei seiner Reise das klarzustellen. „Mein Heimatland, das ist Deutschland“, sagt der deutsche Wirtschaftsminister. Aber das hindert die Studenten nicht, sich nach der Ehrenzeremonie scharenweise gemeinsam mit ihm, dem Vorbild, fotografieren zu lassen. Allerdings ist festzustellen, dass auch der gut aussehende Korrespondent von „Spiegel-Online“ von den Wirtschafts-Studentinnen sehr umschwärmt wird. Und der ist nicht in Vietnam zur Welt gekommen.

Rösler bekommt als „Vice-Chancellor of Germany“ von den Magnifizenzen der 1956 gegründeten Universität ehrenhalber einen Doktorhut verliehen und eine Robe umgelegt. Dann darf er reden. Sein Thema: „Die freie und soziale Marktwirtschaft“. Rösler ist als FDP-Politiker sozusagen Generalvertreter der Freiheit, und er hat sich vorgenommen, daraus keinen Hehl zu machen. Umgekehrt versuchen die Nachfahren der Vietcong der Sache das Bedrohliche zu rauben, beispielsweise indem sie das Wort „Freiheit“ erst gar nicht übersetzen, das auch die Banner des neueröffneten Hanoi-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung schmückt.

„Entscheidend ist, wo Du hin willst“

Dennoch kann Rösler in Hanoi den Studierenden und ihren Professoren einen schnörkellosen Vortrag halten über die Vorzüge der freien Wirtschaft, vor allem auch der freien Gesellschaft. Wirtschaftliche Freiheit sei nicht zu denken ohne gesellschaftliche Freiheit, zitiert er den liberalen Denker Lambsdorff und: „Es ist nicht Aufgabe des Staates, die Wirtschaft und den Markt zu lenken.“ Nicht der Staat sei der bessere Unternehmer, sondern die Privaten. Freiheit sei „nicht gefährlich“, sondern biete Möglichkeiten. Das sehe man an Deutschland und an seinem eigenen Lebenslauf. Dort gelte die Handwerkerweisheit (unbekannter Herkunft): „Es ist egal, wo du herkommt, entscheidend ist, wo du hinwillst.“ - Die Studenten sind begeistert. Ho Chi Minhs einbalsamierter Leichnam liegt ein paar Kilometer entfernt von hier in einem gläsernen Sarg.

Doch Rösler ist noch nicht fertig. Er nutzt die gute Gelegenheit, auch für einige Grundsätze des Geschäftslebens zu werben, die manchen vietnamesischen Unternehmen aus der Sicht ihrer deutschen Geschäftspartner etwas aus dem Blickfeld geraten sind: „Es wäre noch einfacher, wenn wir über das Thema Vertragstreue und Vertragsgestaltung noch einmal ganz offen reden können“, sagt er und erinnert an Eigenschaften wie „Verlässlichkeit und Vertrauen“. Rösler spricht den Kummer deutscher Firmen auch bei seinen Treffen im Wirtschaftsministerium, beim Premierminister und bei Herrn Bui Quang Vinh an, dem „Minister für Planung und Investitionen“. Die deutschen Unternehmer aus seiner Wirtschaftsdelegation wollen sich in Vietnam gerne mehr engagieren, aber sie wollen sich nicht zum Narren halten lassen. Verträge müssen gehalten, was geliefert wird, sollte auch bezahlt werden und so weiter. Vietnam wächst noch immer zügig, aber frühere Zuwachsraten von sieben oder acht Prozent liegen derzeit in weiter Ferne. Die Inflationsrate beträgt mehr als zehn Prozent, im vergangenen Jahr gab es Monate mit über zwanzig Prozent Inflation. Die „Generation 8X“, geboren in den achtziger Jahren, stellt einen Großteil der knapp Neunzig-Millionen-Bevölkerung. Das Durchschnittsalter beträgt 28 Jahre, viele junge, gut ausgebildete Leute, die nach Arbeit, Aufstieg und Wohlstand streben - Onkel Ho hin, Onkel Ho her. Also muss die Führung sich bewegen.

Rösler wird das vorgeführt: Kaum hat er am Tag nach der Universitätsrede in Hanoi bei Herrn Bui Quang Vinh die deutschen Sorgen vorgetragen, ruft der Minister sogleich eine Abteilungsleiterrunde zusammen und lässt augenblicklich einen Arbeitskreis bilden. Fröhlich und humorvoll verkündet Rösler, man wolle jetzt mal gemeinsam an einem größeren Projekt „zeigen, was möglich ist“. Der vietnamesische Minister strahlt und sagt: „Liebe Freunde, ich kann Ihnen sagen, dass Vietnam dabei ist, seine Wirtschaft umzustrukturieren, um ein noch nachhaltigeres Wachstum zu erzielen.“ Am nächsten Morgen ziert Röslers Abbild die Titelseiten der Zeitungen und Wirtschaftsblätter des Landes.

Rösler besucht seinen Heimatort nicht

Zweieinhalb Tage verbringt der Minister mit einer großen Wirtschaftsdelegation in Vietnam, erst in der Hauptstadt Hanoi, dann in der südlichen Metropole Saigon, offiziell Ho-Chi-Minh-Stadt genannt. Westlich davon wurde Rösler Anfang 1973 geboren, das genaue Datum ist unbekannt. Als Baby bei katholischen Nonnen abgegeben, gelangte er, wie viele Waisen des Vietnamkrieges, zu Adoptiveltern. Viele Jahre hat er sich kaum Gedanken über seine Herkunft gemacht - Familie, das waren er und sein Adoptivvater.

Rösler besucht ein kleines Dorf am Rande von Hanoi, wo Kinder leben, deren Gene noch in der dritten Nachkriegsgeneration vom amerikanischen Pflanzengift „Agent Orange“ geschädigt sind. Rösler blickt in kahle Schlafsäle mit Metallbetten. In einer Fensternische ein schmuddeliger Teddy, das einzige Spielzeug im Raum. Er empfindet diesen Augenblick als eine kurze, schmerzliche Begegnung mit einer nicht erinnerten Vergangenheit.

Am Donnerstag verbringt Rösler den Tag in Saigon im Süden des Landes. Firmenbesuche, eine deutsch-vietnamesische Wirtschaftskonferenz und die Eröffnung einer Internationalen Schule stehen auf seinem Programm. Rösler ist gerne in Vietnam, aber er sagt seinen vietnamesischen Partnern ebenso wie den Mitreisenden seiner Delegation auch: „Was wir jetzt miteinander erleben dürfen, trägt viel mehr als der Ort einer Herkunft.“ Die mutmaßliche Stadt seiner Geburt Khah Hung (heute Soc Trang) liegt zweihundert Kilometer südwestlich von Saigon. Rösler hat sie nicht besuchen wollen. Diesmal nicht. Als er aber gehört hat, dass der Staat plane, die katholischen Nonnen dort zu enteignen, hat der Ehrendoktor und Ehrenlandsmann der Vietnamesen in Hanoi und Saigon wissen lassen, dass er davon gar nichts hält.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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