Ruth Bell hat ihre Berufung spät gefunden. Schon immer hatten alle ihre Backkünste gerühmt. Seit gut einem Jahr betreibt sie nun in Detroit „Chugga’s Main Street Bakery“. Ihr Brot ist „natürlich gebacken, natürlich das Beste“. Den Slogan hat sie selbst ersonnen. Überhaupt macht die 50 Jahre alte alleinerziehende Mutter, die nach acht Jahren Arbeitslosigkeit nun sichtlich vom Unternehmergeist beseelt ist, bisher alles selbst: Teig anrühren, Brot backen, Gebäck verkaufen. Derzeit sucht sie einen Laden, um ihre Produkte nicht nur über anderer Leute Geschäfte zu vertreiben. Wenn es weiter so gut läuft wie bisher, will sie bald jemanden einstellen.
Ruth Bell hat einen kleinen Stand mit Proben ihrer Backkunst im Eingangsbereich von „TechTown“ in Detroit aufgebaut. Auch Calvin Richardson von „Uncle Calvin’s Sweet Potatoe Pies“, der Küchlein aus Süßkartoffeln anbietet, sowie ein halbes Dutzend weiterer Existenzgründer sind gekommen. „TechTown“ ist ein aus privaten Spenden und mit Unterstützung der öffentlichen Hand gegründetes Unternehmen, das Beratung und materielle Hilfe für Existenzgründer anbietet. Einmal im Monat ist Tag der Offenen Tür. Wer sich selbständig machen will, findet hier Fachleute, die etwas von Geschäftsplänen, Rechnungslegung und Finanzierung verstehen. Schließlich werden komplett eingerichtete Büroräume angeboten.
Detroit als Lücke
Ruth Bell und Calvin Richardson haben ihre Kleinunternehmen mit Unterstützung von „TechTown“ auf den Weg gebracht. Die Firma hat ihren Sitz in einem schmuck renovierten Altbau, den der Autohersteller General Motors (GM) zur Verfügung gestellt hat. Hier war einst das Designzentrum von Chevrolet untergebracht, die „Corvette“ wurde hier gezeichnet. Doch längst sind Chrysler, Ford und GM mit ihren Planungsabteilungen und Designzentren in funktionalere Produktionsstätten in den Vorstädten Auborn Hills, Dearborn und Flint hinausgezogen.
Detroit ist seit Jahr und Tag eine Lücke, die keiner so recht zu füllen weiß. Heute leben hier weniger Menschen als 1920. In keiner anderen amerikanischen Stadt sind so viele Jobs verschwunden wie in Detroit. 90 Prozent der Einwohner sind Schwarze, gerade einmal jeder vierte Schüler schafft den Abschluss nach zwölf Jahren „Highschool“. Seit 2005 wurden 67 Schulen geschlossen. Die „Central Station“, 1913 als höchstes Bahnhofsgebäude der Welt erbaut, erlebte 1988 ihre letzte Zugeinfahrt und bröckelt vor sich hin. Allenthalben sind Sperrholzplatten vor Fensterhöhlen genagelt. Neben Alkoholgeschäften, Lebensmittelläden und Pfandleihhäusern sind vor allem Versammlungs- und Gebetsräume von Pfingstler- und Erweckungskirchen geöffnet. Bei „TechTown“ ist auffallend oft „vom nächsten Facebook oder Groupon“ die Rede. Während alle Welt mit Beratern und Risikokapital auf den nächsten großen Coup wartet und Detroit ins nächste Silicon Valley zu verwandeln hofft, bringen Existenzgründerinnen wie Ruth Bell die Stadt immerhin in Trippelschritten voran.
Auch im Wahlkampf der republikanischen Präsidentschaftskandidaten vor den Vorwahlen an diesem Dienstag in Michigan ging es vor allem darum, wie die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen sei. Neben den Spitzenreitern Mitt Romney und Rick Santorum, die in letzten Umfragen fast gleichauf lagen, hatten auch die abgeschlagenen Kandidaten Newt Gingrich und Ron Paul die 2009 von Washington mit Milliarden Dollar Steuergeldern geschnürten Rettungspakete für die damals zahlungsunfähigen Unternehmen Chrysler und GM abgelehnt. Doch nun ist gerade die Autoindustrie, zumal GM mit seinem Rekordgewinn im vorigen Quartal, wieder der Quell der größten Hoffnung.
„Die richtige Höhe“
Der demokratische Präsident Barack Obama und die mit ihm verbündeten Gewerkschaften ließen es sich nicht nehmen, die Republikaner von Michigan an die segensreiche Wirkung des staatlichen Rettungspakets für Millionen Arbeiter in der Automobilindustrie zu erinnern. Bei seinen Wahlkampfauftritten konnte Romney denn auch amerikanische Autos aus Detroit gar nicht genug loben. Er blieb aber dabei, dass ein Insolvenzverfahren ohne staatliche Intervention wie bei amerikanischen Fluggesellschaften die bessere Lösung für Chrysler und GM gewesen wäre. Zudem stellte sich Romney als Mann des Volkes dar, indem er etwa seine Liebe zu Michigans Bäumen herausstrich, die alle genau „die richtige Höhe“ hätten.
In der vergangenen Woche sprachen sich der republikanische Gouverneur Rick Snyder und die größte Zeitung des Bundesstaates, die „Detroit Free Press“, für Romney als Präsidentschaftskandidaten aus. Für Romney, der allein im Januar in seinem Heimatstaat 19 Millionen Dollar für seinen Wahlkampf ausgab, ist ein Sieg von höchster Bedeutung: Er muss seinen derzeit gefährlichsten Konkurrenten Santorum nach dessen Dreifachsieg bei den Vorwahlen in Colorado, Minnesota und Missouri vom 7. Februar auf Abstand halten, um wieder als Favorit zu gelten. Auch in Arizona, wo sich die republikanische Gouverneurin Jan Brewer am Sonntag für Romney aussprach, geht der frühere Gouverneur von Massachusetts an diesem Dienstag mit leichtem Vorsprung ins Rennen. „Offenbar bewegen wir uns in die richtige Richtung“, sagte Romney.
Kaum ein amerikanischer Bundesstaat hat über die Jahrzehnte hinweg den Zyklus von Boom und Krise so intensiv durchlebt wie Michigan. Und in keiner anderen Metropole waren die Pendelschwünge der Wirtschaftsentwicklung so extrem wie in der Autostadt Detroit. Von 1910 bis 1970 nahm die Einwohnerzahl Michigans von 2,4 Millionen auf 8,8 Millionen zu; in den vergangenen vier Jahrzehnten wuchs der „Great Lakes State“ dann nur noch langsam; 9,9 Millionen Menschen leben heute dort. Drei Viertel von ihnen sind Weiße, Schwarze stellen 14 und Latinos nur 4,4 Prozent der Bevölkerung.
In Detroit, wo Ford, General Motors und Chrysler Autos bauen und sich viele Zulieferer niederließen, fiel die Einwohnerzahl von den 1,9 Millionen vor gut vierzig Jahren auf gut 700000. Die Rezession 2008 traf die Stadt besonders schwer. Die Arbeitslosenquote wird auf 50 Prozent geschätzt. Der Bundesstaat insgesamt steht besser da. Die mit Steuergeld vor dem Bankrott gerettete Autoindustrie verzeichnete 2011 Rekordgewinne. Die Arbeitslosenquote in Michigan ist von 15 Prozent im Jahr 2009 auf jetzt 9,3 Prozent gefallen.
Auch wegen starker Gewerkschaften war Michigan traditionell eine Hochburg der Demokraten, doch der klare Wahlsieg des Unternehmers und politischen Quereinsteigers Rick Snyder bei den Gouverneurswahlen von 2010 scheint eine Trendwende für die Republikaner eingeleitet zu haben. Auch bei den Kongresswahlen von 2010 konnten sich die Republikaner durchsetzen: Sie stellen heute neun Abgeordnete im Repräsentantenhaus in Washington, die Demokraten sechs (aber beide Senatoren). Bei der Präsidentenwahl 2004 gewann in Michigan der Demokrat John Kerry knapp gegen Präsident George W. Bush. 2008 konnte sich der Demokrat Barack Obama mit 57 gegen 41 Prozent klar gegen den Republikaner John McCain durchsetzen. Auch in diesem Jahr gilt Obama in Michigan knapp als Favorit - selbst wenn Mitt Romney, der in Detroit geboren wurde und dessen Vater George Romney von 1963 bis 1969 Gouverneur in Michigan war, der Kandidat der Republikaner werden sollte.
