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Republikaner in Amerika Cain, der Gottesfürchtige

30.10.2011 ·  Herman Cain will ins Weiße Haus. Er beschimpft Schwarze und setzt auf seinen Humor. Unter acht republikanischen Kandidaten liegt er momentan an erster Stelle.

Von Matthias Rüb, Washington
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Hat er überhaupt eine Chance? Und wenn nein, warum ist er dennoch so erfolgreich? Herman Cain, 65 Jahre alter Unternehmer, Motivationsredner und Radiomoderator aus Atlanta in Georgia, liegt in den Umfragen an erster Stelle unter den acht republikanischen Präsidentschaftskandidaten.

Er hat den bisherigen Spitzenreiter Mitt Romney, der schon als unausweichlicher, weil beständigster Kandidat galt, um vier Prozentpunkte überflügelt und kommt jetzt auf stattliche 25 Prozent Zustimmung unter potentiellen republikanischen Wählern. Er ist der amtierende Liebling der konservativen Stammwähler und der "Tea Party".

Der Nichtpolitiker unter den Kandidaten

Gewiss, das hat gut drei Monate vor den innerparteilichen Vorwahlen in den Bundesstaaten Iowa und New Hampshire noch nicht viel zu sagen. Zuletzt waren auch die Abgeordnete Michele Bachmann aus Minnesota und der texanische Gouverneur Rick Perry kurz nach Bekanntgabe ihrer Kandidatur in der republikanischen Wählergunst emporgeschossen - und bald darauf wieder weit zurückzufallen. Außerdem müssen die Kandidaten, die sich in bisher acht Fernsehdebatten gestritten haben, noch vierzehn weitere bestehen. Da lauert manches Missgeschick.

Doch Herman Cain ist nicht als Spätstarter ins Rennen eingestiegen. Er hat schon im Januar als einer der Ersten signalisiert, dass er sich ums Präsidentenamt bewerben will. Und bisher haben keine verbalen Ausrutscher den steten Aufstieg vom unbekannten Außenseiter zum ernstzunehmenden Konkurrenten gebremst. Anders als seine sieben Mitbewerber hat Cain noch nie ein gewähltes öffentliches Amt bekleidet: Er ist der Nichtpolitiker unter den Kandidaten, und mit diesem Pfund wuchert er gekonnt. Er stellt seinen Erfolg als Unternehmer in den Vordergrund und verspricht, als Präsident der Vereinigten Staaten für sein Land zu erreichen, was ihm einst als Chef der Pizzakette "Godfather's" gelang: die Wende vom Bankrottkandidaten zur kerngesunden Führungsmacht.

Rassentrennung am eigenen Leib erlebt

Der Aufstieg des schwarzen Republikaners Herman Cain hat vor allem das linke Establishment der "African Americans" aufgebracht. Denn in seinen Reden und zumal in seinem Buch "This Is Herman Cain!" - halb Autobiographie, halb Bewerbungsschreiben fürs Weiße Haus - bricht der sendungsbewusste und gottesfürchtige Politiker alle Tabus des politischen und akademischen Diskurses der schwarzen Präzeptoren. Heute werde in Amerika niemand mehr vom Rassismus nennenswert an Fortkommen und Erfolg gehindert, sagt Cain.

Er führt sich selbst, der in ärmlichen Verhältnissen im Süden aufwuchs und die Rassentrennung der sechziger Jahre am eigenen Leib erlebte, als Beispiel an. Als er 1963 die Schule abschloss und sich aufs College vorbereitete, habe sein amerikanischer Traum darin bestanden, irgendwann einmal ein Jahresgehalt von 20.000 Dollar zu erreichen. Heute wird Cains Vermögen auf sieben Millionen geschätzt.

„Du kannst es schaffen!“

Cain, der schwarze Kandidat, scheut sich nicht, auch mit den Schwarzen hart ins Gericht zu gehen. Die meisten Schwarzen glaubten wegen der "Gehirnwäsche" durch die Demokratische Partei noch immer an das Märchen, dass mehr staatliche Hilfe ihnen aus der Misere helfen werde, hält er ihnen vor. Er aber habe von seinem Vater gelernt, "sich niemals als Opfer zu fühlen", denn mit harter Arbeit könne man alles erreichen.

Zu viele Schwarze benutzten den Vorwurf des fortbestehenden Rassismus als Ausrede für ihr persönliches Scheitern oder sogar dafür, sich erst gar nicht anzustrengen, sagt Cain. Und in seinem Buch schreibt er: "Meine Eltern sagten uns nicht, dass uns die Regierung etwas schuldig sei. Sie lehrten uns nicht, auf unser Land zornig zu sein. Vielmehr sagten sie uns: Wenn du etwas willst, dann arbeite hart genug, konzentriere dich darauf, und was glaubst du, was dann geschieht? Du kannst es schaffen!"

„Verlogenheit und Bösartigkeit“

Kein Wunder, dass er damit Protest erntet. Der Sänger Harry Belafonte warf Cain vor, er sei ein Liebediener der Weißen, ein "fauler Apfel" im Korb und gewissermaßen nur scheinschwarz. Der Princeton-Professor Cornel West legte Cain nahe, von der "symbolischen Crackpfeife" loszukommen, er solle seine "Verlogenheit und Bösartigkeit gegenüber Schwarzen überwinden, die in einer sehr schwierigen Wirtschaft ums Überleben kämpfen".

Cain erwiderte auf den Vorwurf, er sei nur von außen schwarz, aber von innen weiß, mit unerschütterlichem Humor: "Ich bin von außen schwarz und von innen rot, weiß und blau." So wie die amerikanischen Nationalfarben eben. Überhaupt verfügt Cain über die Gabe des Humors, nicht zuletzt damit versteht er es, Menschen in einem Maß für sich einzunehmen, dass sie ihm endlose Plattitüden und schiere Inkompetenz nachsehen. 

Auf die Frage eines Reporters, wie er ohne erkennbares Interesse für Außenpolitik als künftiger Präsident eine Supermacht führen wolle, antwortete Cain: "Wenn ich gefragt werden sollte, wer der Präsident von Ubeki-beki-beki-beki-stan-stan ist, dann werde ich antworten: Wissen Sie was: Ich weiß es nicht. Wissen Sie es?"

Im Übrigen würde es nicht einen einzigen zusätzlichen Arbeitsplatz schaffen helfen, wenn er schon am ersten Tag seiner Amtszeit wüsste, wer der usbekische Präsident sei, schließlich habe die Überwindung der Wirtschaftskrise allerhöchste Priorität für das Land. Und zweitens, so Cain weiter, werde er spätestens dann wissen, mit wem er sich in der dortigen Hauptstadt (Taschkent) treffen werde (Präsident Islam Karimow), wenn er auf der Reise dorthin im Flugzeug sitze.

Aufstieg aus bitterer Armut

Besondere Aufmerksamkeit und heftige Kritik seiner Konkurrenten handelte Cain sich mit seinem Plan zur Radikalreform des Steuerrechts ein. Er will das Progressionssystem, nach dem Besserverdienende einen höheren Steuersatz haben als Geringverdiener, durch allgemeine Niedrigsteuersätze nach einem "9-9-9-Plan" ersetzen: neun Prozent Unternehmensteuer, neun Prozent Einkommensteuer und neun Prozent Umsatzsteuer. Derzeit bezahlen aber etwa 46 Prozent aller Haushalte wegen ihres geringen Einkommens gar keine Lohnsteuer; sie würden durch Cains "flat tax" zusätzlich belastet.

Also modifizierte Cain sein Modell flugs zum "9-0-9-Plan": doch keine Lohnsteuer für Arme. Ob sein Zahlenwerk aufgeht, wie ein Abzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan verantwortlich zu erreichen ist oder wie Amerika seinen immensen Schuldenberg abzutragen und sein Haushaltsloch zu stopfen vermag, das kann und will Cain (noch) nicht sagen. Vorerst begnügt er sich mit Gemeinplätzen.

In seinem Aufstieg aus bitterer Armut zum erfolgreichen Unternehmer und gar zum Präsidentschaftskandidaten sieht Herman Cain Gottes Hand am Werk. Und auch darin, dass er 2006 seine Erkrankung an Dickdarmkrebs im fortgeschrittenen Stadium samt Metastasen in 70 Prozent seiner Leber nach schwerer Operation und Chemotherapie überstand, erblickt er eine Fügung des Schicksals: "Das war Gottes Plan, und alles war in Seiner Hand."

Vor jeder Mahlzeit spricht Herman Cain ein Gebet. Der Kirchgang gehört für den Baptisten zum Sonntag, seit er denken kann, und im Gospelchor darf sein kräftiger Bariton nicht fehlen. "Verlieren ist nicht Teil meiner DNA", sagt er und fügt hinzu: "Ich glaube von ganzem Herzen, dass Gott in dieser Reise ist." Für den Kandidaten Herman Cain hat diese Reise gerade erst begonnen.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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