25.06.2008 · Würde Südafrika sich dazu entschließen, Sanktionen gegen Zimbabwe zu verhängen, stünden dort innerhalb von 48 Stunden alle Räder still. Doch dafür macht es im Nachbarland viel zu gute Geschäfte.
Von Thomas Scheen, JohannesburgSeit Jahren schon wartet die Welt auf den Kollaps der zimbabwischen Wirtschaft. Eine Hyperinflation, die am schnellsten schrumpfende Wirtschaft eines Landes zu Friedenszeiten und eine Arbeitslosenquote jenseits von 80 Prozent müssten dem Wirtschaften in Zimbabwe eigentlich längst den Garaus gemacht haben.
Trotzdem funktioniert Zimbabwe nach wie vor leidlich. Der maßgebliche Grund dafür sind die Beziehungen zu Südafrika, dem mit Abstand wichtigsten Handelspartner. Daher fordert besonders der Westen den südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki auf, mehr Druck auf den zimbabwischen Präsidenten Robert Mugabe auszuüben. Denn sollte Südafrika sich dazu entschließen, Sanktionen gegen Zimbabwe zu verhängen, stünden dort innerhalb von 48 Stunden alle Räder still.
Verbesserte Handelsbeziehungen
Abgesehen davon, dass südafrikanische Wirtschaftssanktionen gegen Zimbabwe sich aus humanitären Gründen verbieten, sind solche Sanktionen schon deshalb nicht im Interesse Südafrikas, weil Südafrika an der Krise im Nachbarland kräftig verdient. Das fängt mit dem Verkehr am Grenzübergang in Beitbridge an, über den täglich Tausende Händler aus Zimbabwe strömen, um sich in Südafrika mit Waren einzudecken, und hört bei den börsennotierten südafrikanischen Unternehmen noch lange nicht auf. Die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern haben unter der Krise nicht gelitten, sondern sich sogar verbessert - allerdings nur zugunsten der Südafrikaner.
Im Jahr 2000, zum Beginn der Krise in Zimbabwe, exportierte Südafrika Güter im Wert von 4,7 Milliarden Rand (382 Millionen Euro) nach Zimbabwe. Im Gegenzug wurden Güter im Wert von 3,5 Milliarden Rand (284 Millionen Euro) aus Zimbabwe importiert. Im Jahr 2006, als sich die Inflationsrate des Zim-Dollars schon in Tausenden von Prozent berechnete, exportierte Südafrika Güter im Wert von 7,3 Milliarden Rand (593 Millionen Euro) nach Zimbabwe und importierte von dort Güter im Wert von 4,5 Milliarden Rand (366 Millionen Euro).
Mehr als die Hälfte aller importierten Güter in Zimbabwe stammen mittlerweile aus Südafrika, was einer Verdopplung der Quote von 1998 entspricht. Südafrika wiederum absorbiert rund ein Drittel aller zimbabwischen Exporte. Zimbabwe ist mittlerweile für Südafrika noch vor Sambia der wichtigste Handelspartner in der Region. Nicht trotz der Krise, sondern wegen der Krise.
Günstige Investitionen
Die südafrikanische Präsenz in Zimbabwe war von jeher stark. 27 der an der Johannesburger Börse notierten Unternehmen unterhalten Filialen in Zimbabwe. Die Konsumgüterindustrie ist fest in Händen von Edgars, Makro, Checkers, Shoprite und damit südafrikanischen Konzernen. Die größten Banken in Zimbabwe, Standbic und Commercial Bank, sind Ableger südafrikanischer Institute. Standbic gehört zur Standard Bank, die Commercial Bank zur Absa-Gruppe.
Auch in der Gold- und Platinförderung in Zimbabwe sind südafrikanische Unternehmen führend. Sechzig Prozent aller an der Börse von Harare notierten Unternehmen sind südafrikanisch. Und trotz der Krise und eines unlängst verabschiedeten Gesetzes, wonach künftig 51 Prozent der Anteile einer neuen Firma in Händen von zimbabwischen Händen sein müssen, investieren die Südafrikaner weiter, wie die Ankündigung des ehedem südafrikanischen, mittlerweile an der Londoner Börse notierten Bergbaukonzerns Anglo American vom Mittwoch zeigte. 400 Millionen Dollar will das Unternehmen in den Ausbau einer Platinmine in Zimbabwe investieren und begründet das mit „der Verpflichtung unseren Arbeitnehmern gegenüber“. Die Wahrheit ist, dass Investitionen in Zimbabwe noch nie so billig zu tätigen waren wie jetzt.
Zimbabwe verschleudert sein Tafelsilber
Südafrika liefert alles, was Zimbabwe nicht mehr produzieren kann: Lebensmittel, Strom, Treibstoff. Häufig kann Zimbabwe diese Lieferungen nicht bezahlen, weil nicht ausreichend Devisen vorhanden sind. Die südafrikanischen Konzerne aber zeigen sich in dieser Hinsicht erstaunlich großzügig und bestehen nicht einmal für Treibstoff oder wie zuletzt für eine Lieferung von 300.000 Tonnen Getreide auf Vorkasse.
Der Grund dafür ist, dass die Konzerne an Geschäften mit Zimbabwe sehr gut verdienen. Für Lieferungen von Strom, Treibstoff oder eben Getreide nimmt die zimbabwische Regierung in der Regel Kredite bei südafrikanischen Banken auf und hinterlegt als Sicherheit entweder Landbesitz im Minengürtel oder aber Anteile staatlicher Unternehmen. Kommt sie ihren Verpflichtungen nicht nach, gelangen die Südafrikaner zu unglaublich günstigen Konditionen an Anteile von ehedem hochprofitablen Bergwerken. Mit anderen Worten: Zimbabwe verschleudert sein Tafelsilber an die Südafrikaner.
Fertigprodukte gegen Rohstoffe
Ein Beispiel dafür war der Verkauf von knapp 30 Prozent der Anteile des staatlichen zimbabwischen Platinförderers Zimplats an die südafrikanische Konkurrenz von Implats. Die Anteilsscheine waren von der zimbabwischen Regierung als Sicherheit für einen Kredit bei der südafrikanischen Absa-Bank hinterlegt worden.
Der Kredit konnte nicht getilgt werden, und Absa verkaufte die Papiere an Implats. Danach fädelte dieselbe Bank die Übernahme von Zimplats durch Implats für den in Branchenkreisen als „lächerlich gering“ bezeichneten Preis von rund 80 Millionen Euro ein. Nach Worten von Shawn Hattingh, dem Wirtschaftsanalysten des „South Africa - Zimbabwe Relations Council“ ist das Verhältnis Südafrikas zu Zimbabwe inzwischen das „einer Industrienation zu einem Entwicklungsland: Wir verkaufen teure Fertigprodukte und bekommen dafür billig Rohstoffe.“
Verdiente Kader der Regierungspartei
Genaugenommen ist die südafrikanische Wirtschaft aufgrund der Krise gerade dabei, Zimbabwe zu schlucken. Angesichts der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums im eigenen Land muss der als wirtschaftsfreundlich geltende Mbeki diese Entwicklung berücksichtigen.
Hinzu kommt, dass die börsennotierten südafrikanischen Unternehmen mit Interessen in Zimbabwe allesamt die Kriterien des Gesetzes über das „Black Economic Empowerment“ erfüllen, wonach mindestens 15 Prozent ihrer Anteile in Händen schwarzer Südafrikaner sind. Das sind nahezu ausnahmslos verdiente Kader der Regierungspartei „African National Congress“ (ANC), die indes weniger an Politik als an Rendite interessiert sind.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
Jüngste Beiträge