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Die Rückkehr der Propeller-Kampfflugzeuge

Von BJÖRN MÜLLER
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28.06.2017 · Eigentlich eine Waffe des Zweiten Weltkriegs, erleben Propeller-Maschinen gerade eine Renaissance. Sogar die amerikanische Luftwaffe überlegt, sich wieder eine Flotte von Ihnen anzuschaffen.

E inige tragen markige Namen wie Werwolf oder Erzengel. Die Rede ist nicht von den neuesten Kampfdrohnen, sondern von kleinen wendigen Propeller-Maschinen, die gerade eine Renaissance als Kriegsgerät erleben. Sogar die amerikanische Luftwaffe überlegt, sich wieder eine Flotte von ihnen anzuschaffen. Eigentlich hatten Propeller-Maschinen Hochzeit im Zweiten Weltkrieg und galten als veraltet. Die Super Tucano, das international erfolgreichste Modell dieses Typs, ist baulich vergleichbar mit den letzten Versionen der Messerschmitt 109, dem Standard-Jagdflugzeug der Wehrmacht, meint Hermann Hagena, ehemaliger Luftwaffengeneral der Bundeswehr gegenüber FAZ.NET.

Beechcrafts T-6 Texan der israelischen Luftwaffe über der Hatzerim Luftwaffenbasis. Diese Propellerflugzeuge werden bei Luftshows eingesetzt und dienen zur Ausbildung von Piloten, da sie ähnliche Flugeigenschaften wie leichte Düsenflugzeuge besitzen. Foto: dpa
Ein Testpilot besteigt eine Beechcraft-Trainingsmaschine in der Angriffsvariante AT-6 mit aufgemalter Haifischnase. Foto: Picture-Alliance
Unter ihren Flügeln kann die Beechcraft AT-6 Raketen tragen, mit denen andere Ziele angegriffen werden können. Foto: Picture-Alliance

Die amerikanische Luftwaffe forderte interessierte Hersteller auf, im Sommer ihre Modelle auf der Holloman Air-Force-Base in New Mexico vorzustellen. Andere Staaten haben bereits Propeller-Kampfmaschinen angeschafft oder sind dabei. Ein wesentlicher Grund für deren Renaissance: Vorteile in asymmetrischen Kriegen gegenüber Überschall-Kampflugzeugen.

In Syrien oder Afghanistan geht es in erster Linie nicht darum, Bunkeranlagen anzugreifen, und schon gar nicht Massen feindlicher Kampfflieger vom Himmel zu holen. Stattdessen soll die Luftwaffe Spezialeinheiten helfen, Gegner aufzuspüren und auszuschalten, die meist mit kleinen, sehr beweglichen Einheiten kämpfen, wie die Taliban und der IS. Dafür brauchen Bodentruppen von der Luftwaffe eine präzise Nahaufklärung und Feuerunterstützung, die Kollateralschäden vermeidet.

  • Die Hochzeit der Propellerflugzeuge war der Zweite Weltkrieg, die Messerschmitt Bf-109 war zu Beginn das Rückgrat der Reichsluftwaffe. Mit 33.000 Exemplaren gilt sie als meistgebautes Jagdflugzeug der Geschichte. Foto: AP
  • Die Firma Messerschmitt baute mit der Me 262 den ersten Düsenjäger mit zwei Strahltriebwerken in Serie. Den „Endsieg“, wie ihn vollmundig die Reichspropaganda versprach, konnte indes auch diese „Wunderwaffe“ nicht bringen. Foto: Picture-Alliance
  • Dank ständiger Verbesserungen blieb die Bf-109 bis 1945 konkurrenzfähig. Dennoch zeichnete sich in den letzten Kriegsjahren bereits der Aufstieg der Düsenflugzeuge ab. Foto: Picture-Alliance

In beidem sind die Propeller-Maschinen bessere Strahlflugzeuge. Propeller-Maschinen lassen sich auch mit 180 Stundenkilometern über dem Geschehen bewegen. Selbst in unwegsamen Gelände, wie Gebirge, können sie noch nahe am Boden manövrieren. Dabei sind die kleinen „Props“, wie sie im Flieger-Jargon heißen, in der Lage, fast den gesamten Waffen-Mix zu tragen, über den auch Düsenflugzeuge verfügen, wie Maschinenkanonen, Raketen und Bomben. Und sie lassen sich überlegter einsetzen. „Der Pilot, überblickt die Kampfsituation und kann den Finger vom Abzug nehmen, weil er eher erkennt, wenn Zivilisten auftauchen“, sagt Ulrich Scholz, ehemaliger Strahlflugzeugführer sowie Flug- und Waffenlehrer bei der Bundeswehr gegenüber FAZ.NET.

Das Angriffsflugzeug A-29 Super Tucano in Aktion. Video: AiirSource Military

Was die „Props“ zudem attraktiv macht: Deren Technik dominiert noch nicht komplexe Elektronik und Software, sondern Mechanik. Die Maschinen sind somit robuster und besser geeignet für die unwirtlichen Kriegsschauplätze in scheiternden Staaten und Entwicklungsländern. Propeller-Maschinen können auch mal auf Buckelpisten landen und ohne aufwendig ausgestattete Luftwaffenbasen mit Highend-Hangars und Heerscharen an Technikern gewartet werden. Gerade in den Frontstaaten asymmetrischer Konflikte, denen Infrastruktur sowie Material und Personal fehlen, lassen sich so Luftwaffen aufbauen und betreiben. Aus solchen Überlegungen heraus, liefern die Vereinigten Staaten seit einem Jahr Super Tucanos des brasilianischen Herstellers Embraer an die Afghanischen Streitkräfte, damit jene effektiver gegen die Taliban kämpfen können.

Für Operationen zur Aufstandsbekämpfung würde auch die amerikanische Luftwaffe Propeller-Maschinen anschaffen. Das machte bereits ihr Oberbefehlshaber General David Lee Goldfein deutlich, ein bekennender Anhänger der Idee, wieder verstärkt auf Propeller-Maschinen zu setzen. Goldfein betont zudem gerne ein weiteres Argument: „Low costs“. Die Kriegsführung moderner Militärmächte verschlingt exorbitante Summen. Wer der Ambition folgt, militärisch global aktiv zu sein, wie die Vereinigten Staaten, muss die Kosten für die Kriegsführung im Blick haben. Ein Weg dafür wären Propeller-Maschinen.

Keine Wunderwaffe, aber das wohl beste Kampfflugzeug der Welt: Die Lockheed Martin F-22 Raptor kann es mit jedem anderen Jäger aufnehmen. Sie ist schnell, wendig und gut getarnt, hat aber auch ihren stolzen Preis: Satte 140 Millionen Dollar. Foto: dpa

Die Stückkosten für ihr modernstes Kampfflugzeug, die F22 „Raptor“, gibt die amerikanische Luftwaffe mit satten 140 Millionen Dollar an. Für ihre Propellermaschine vom Typ T-6 veranschlagt sie dagegen nur 4,2 Millionen Dollar. Die T-6 nutzen die amerikanische wie auch die deutsche Luftwaffe als Ausbildungsflugzeug für junge Piloten. Der Hersteller Beechcraft versucht, eine bewaffnete Version, die T-6 „Wolverine“, zu deutsch Vielfraß, an die amerikanische Luftwaffe zu verkaufen. Wegen ihren günstigen Kosten hat sich für Propeller-Kampfflugzeuge ein Nischenmarkt entwickelt, auf dem vor allem Zweite- und Dritte-Welt-Staaten einkaufen, die direkt in asymmetrische Konflikte verwickelt sind.

So jagen Kolumbiens und Perus Luftwaffen mit Super Tucanos im Amazonasgebiet Transportflugzeuge von Drogenschmugglern. Die brasilianische Tucano verkauft sich bestens und findet sich in verschiedenen Versionen in einigen Luftwaffen Lateinamerikas und Afrikas. Der US-Hersteller IOMAX wiederum ist mit dem „Archangel“ am Markt. Der „Erzengel“ basiert auf einem Agrarflugzeug, entwickelt um Felder mit Pestiziden zu besprühen. Eine bewaffnete Version kauften die Vereinigten Arabischen Emirate. Mit einer Kampfstaffel dieser Propeller-Maschine, geflogen von Söldnern, unterstützen sie, die ihnen genehme Kriegspartei im libyschen Bürgerkrieg.

  • Rolle rückwärts? Eine Super Tucano in der Variante A-29B. Das international erfolgreichste Modell dieses Typs, ist baulich vergleichbar mit den letzten Versionen der Messerschmitt 109. Foto: Picture-Alliance
  • Günstige Alternative: Eine Super Tucano der dominikanischen Republik. In einigen Ländern Lateinamerikas dient sie zur Jagd auf Drogenschmuggler. Foto: Reuters
  • Während sie von außen kaum von ihren historischen Vorgängern zu entscheiden ist, befindet sich im Innern der Super Tucano moderne Technik. Foto: AFP
  • Prominenter Pilot: Der britische Prinz William in einer Tucano der Royal Air Force. Foto: dpa

Ob nun auch die amerikanische Luftwaffe wieder im größeren Stil Propeller-Maschinen erhalten wird, ist noch völlig offen. Zwar macht sich der einflussreiche amerikanische Senator John McCain, Vorsitzender des Streitkräfteausschusses des Senats dafür stark, ab 2022 rund 300 solcher Maschinen anzuschaffen. Allerdings artete schon die Beschaffung von 20 Propeller-Maschinen zur Ertüchtigung Afghanistans zu einer brutalen Lobbyschlacht in der Rüstungsbranche aus. Die amerikanische Luftwaffe musste sich gegen den amerikanischen Hersteller Beechcraft mit seiner T-6 den Weg frei klagen, um die brasilianischen Super Tucanos kaufen zu können. Obwohl die Kaufentscheidung bereits 2011 fiel, verzögerte sich die Auslieferung der Maschinen an die Afghanen um fast fünf Jahre.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 28.06.2017 10:37 Uhr