Home
http://www.faz.net/-gq5-6u8ky
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Religionszugehörigkeit Israelisch ja, jüdisch nein

 ·  Mehrere Hundert Israelis haben beim Innenministerium beantragt, künftig als „Bürger ohne Religion“ registriert zu werden. Sie protestieren damit gegen die Macht der orthodoxen Rabbiner.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk hatte in der vergangenen Woche nur den Anfang gemacht. Am Sonntagabend reichten die Sitzplätze auf dem Dach des unbewohnten Gebäudes am Tel Aviver Rothschild-Boulevard nicht aus. Etwa 200 Israelis waren in das inoffizielle Hauptquartier der Protestbewegung gekommen, um dort Erklärungen zu unterschreiben, in denen sie verlangten, dass das Innenministerium auch sie künftig als Bürger „ohne Religion“ in seinen Registern führt.

„Die Kombination von Judentum und Demokratie funktioniert nicht“, sagte Kaniuk laut einem Bericht der Zeitung „Haaretz“. Die größten Feinde des Judentums seien das engstirnige Rabbinat und das religiöse Establishment, schimpfte der 81 Jahre alte Schriftsteller, der mit einer christlichen Frau verheiratet ist. Nach jüdischem Religionsrecht sind deshalb seine Kinder und Enkelkinder keine Juden wie er selbst; nur Kinder einer jüdischen Mutter oder Nicht-Juden, die vor ihren Rabbinern konvertierten, sind nach orthodoxem Verständnis Juden. Als die Behörden vor einiger Zeit auch seinen Enkelsohn als religionslos registrierten, hatte der Autor genug: Er zog bis vor das Tel Aviver Bezirksgericht, um durchzusetzen, dass das Innenministerium bei ihm die Religionszugehörigkeit streicht. Jetzt steht „jüdisch“ nur noch hinter seiner ethnischen Herkunft.

Kaniuk, der nach eigener Aussage nicht an Gott glaubt, ist nach dem Gerichtsbeschluss der vergangenen Woche der erste israelische Jude, der diese Änderung des bisher automatischen Eintrags durchsetzen konnte. Seitdem wird jedoch das Büro seiner Anwältin kaum noch mit den vielen Anfragen von Israelis fertig, die ebenfalls genug von der Dominanz der orthodoxen Rabbiner haben.

Eine alte Debatte

Es seien zahlreiche ältere Israelis darunter, die sich schon lange mit dieser Frage beschäftigt hätten, sagt die Anwältin Yael Katz-Mastbaum. Nach ihrer Ansicht könnte die Entscheidung des Gerichts weitere Konsequenzen haben. Denn ein neues Gesetz erlaubt es religionslosen Israelis, eine Zivilehe zu schließen. Jüdische Israelis müssen sich in Israel von orthodoxen Rabbinern trauen lassen. Wenn säkulare Juden das nicht wollen, weichen sie oft ins Ausland aus. Heiratsurkunden aus Zypern oder anderen Staaten erkennen die israelischen Behörden an. In Israel sind bisher nur vier Prozent der Bürger als „religionslos“ registriert. Rund drei Viertel der knapp 7,8Millionen Israelis sind laut offiziellen Statistiken jüdisch.

Yoram Kaniuks Erfolg vor Gericht hat eine alte Debatte wiederbelebt. Das liegt nicht nur daran, dass Kaniuk, dessen Werke auch ins Deutsche übersetzt wurden und der im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte, ein bekannter Mann ist. Schon seit der Gründung Israels dauern die Diskussionen an, was den jüdischen Charakter des Staates ausmacht und welche Rolle dabei Religion und familiäre Herkunft spielen.

Immer stärker gewannen bei diesen Fragen orthodoxe Rabbiner an Einfluss, die heute ein Monopol auf Eheschließungen, Scheidungen und Beerdigungen haben. Dabei handelt es sich nicht nur um eine innerisraelische Diskussion. Ministerpräsident Netanjahu und seine Regierung verlangen von den Palästinensern, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen. Erst dann könne wirklich Frieden geschlossen werden. Zu diesem Schritt ist jedoch die palästinensische Führung nicht bereit. Sie weist dabei auch auf die vielen nicht-jüdischen Israelis hin.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

Jüngste Beiträge

Wir sind Jonny

Von Philip Eppelsheim

Die Kriminalstatistik sagt: Die Gewalt nimmt ab. Aber über die Angst spricht niemand. Im öffentlichen Raum wurden jeden Tag etwa 175 Menschen geschlagen und getreten. Mehr 45 37