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Religion Wächter über den türkischen Islam

27.09.2006 ·  Nicht nur in der Türkei wird der Islam von Diyanet verwaltet, dem Amt für religiöse Angelegenheiten. Auch in Deutschland benennt es die Vorbeter und Muezzine. Vor kurzem noch galt das Amt bei deutschen Sicherheitsbehörden als integrationsfördernd.

Von Wolfgang Günter Lerch
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Nicht nur in der Türkei wird der Islam vom Diyanet verwaltet, von jenem Amt für religiöse Angelegenheiten („Diyanet isleri baskanligi“), das dem Amt des Ministerpräsidenten angeschlossen ist. Die nicht unumstrittene Organisation soll die Ausübung eines Islams gewährleisten, der mit den laizistischen Prinzipien der von Kemal Atatürk 1923 gegründeten Republik übereinstimmt.

In Gestalt der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion e. V. (Ditib) ist das Amt auch in Deutschland vertreten, und ein Ditib-Vertreter saß am Mittwoch in Berlin mit am Tisch der Islamkonferenz. Das Diyanet regelt in der Türkei die Ausbildung des religiösen Personals für die Moscheen, der Imame oder Vorbeter und Muezzine (Gebetsrufer). Es benennt auch die örtlichen Muftis, jene Religionsgelehrten, die Rechtsgutachten (Fatwas) erlassen dürfen. Die Behörde hat aber auch Einfluß auf das religiöse Leben in deutschen Moscheen.

Den Haßpredigern kein Forum bieten

Die Ditib ist mit etwa 870 Moscheevereinen der größte islamische Verband in Deutschland. Die Freitagspredigten werden zentral in Istanbul gefertigt. Die Imame (etwa 600) sind alle in der Türkei ausgebildet worden. Inzwischen wird überlegt, zumindest, türkischstämmigen muslimischen Abiturienten aus Deutschland ein Theologiestudium in der Türkei zu ermöglichen, die dann als Imame nach Deutschland zurückkehren sollen.

Video: Die Islamkonferenz ist eröffnet

Das Diyanet entsendet die Imame in der Regel für vier Jahre nach Deutschland. Sie werden auch vom Diyanet bezahlt; wohl auch, weil die ehrenamtlich tätigen Gemeinden sonst finanziell überfordert wären. So war für die deutschen Sicherheitsbehörden zumindest sichergestellt, daß die sogenannten Haßprediger in Ditib-Gemeinden kein Forum haben.

Die Ditib galt wegen ihrer Verbundenheit zum laizistischen türkischen Islam als beliebter Ansprechpartner der Politik. Doch die ist inzwischen der Meinung, daß es nicht integrationsfördernd ist, wenn Imame kein Deutsch sprechen und den Auftrag haben, die türkische Identität der Gläubigen zu bewahren. Schäuble lud auch deshalb die anderen Verbände und die Alevitische Gemeinde zur Islamkonferenz ein.

Er hat „frischen Wind“ gebracht

Der gegenwärtige Leiter der Religionsbehörde ist Ali Bardakoglu, ein Mann, der eigentlich als moderat und ausgleichend gilt. Der 1952 in der türkischen Provinz Kastamonu geborene Gelehrte unterrichtete seit 1993 an der Istanbuler Marmara-Universität. Im Jahre 2003 wurde er Nachfolger von Mehmet Nuri Yilmaz.

Seither hat er, wie es heißt, „frischen Wind“ in die Behörde gebracht und plädiert für einen „modernen Islam“. Um so erstaunlicher waren seine harschen Worte gegen Papst Benedikt XVI., die von der Zeitung „Hürriyet“ zu einem Zeitpunkt wiedergegeben wurden, da der Gelehrte die Rede des Papstes aus Regensburg im vollen Wortlaut noch gar nicht kennen konnte.

Mit den Worten „der Papst spricht mit der Mentalität eines Kreuzfahrers“ zitierte ihn die Zeitung und gab damit eine Floskel wieder, die heute immer angeführt wird, wenn Muslime wirklicher oder vermeintlicher Kritik von christlicher Seite begegnen.

Erbost weil Papst-Zitate Byzanz betrafen

Im November erwartet die Türkei Benedikt zu Besuch. Die Mehrheit der politischen Elite der Türkei wünscht diese Visite, die nun fraglich erscheint. Der Patriarch von Konstantinopel Bartholomaios I. hat sich erst unlängst bei einer Religionskonferenz in Astana positiv zu dem geplanten Besuch geäußert. Es ist nun schwer vorstellbar, daß ein Mann wie Bardakoglu eine Ausladung des Kirchenoberhauptes möchte. Inzwischen sind seine Äußerungen in der Türkei auch kritisiert worden.

Vielleicht war man in der Türkei auch deshalb so erbost, weil der Papst Sätze zitierte, die Byzanz und das damals angreifende Osmanische Reich, die aufstrebende neue Großmacht des Islams, betrafen, nicht Perser oder Maghrebiner.

Wer hatte sich damals zu verteidigen? Die Osmanen trieben ihre Herrschaft - und damit den Geltungsbereich des islamischen Gesetzes - in teilweise großangelegten Kriegszügen auf dem Balkan voran. Dies freilich paßt beim besten Willen nicht zu der immer wieder angeführten Behauptung, der Dschihad sei immer und zu jeder Zeit rein defensiver Natur gewesen; er habe gar einen rein defensiven Charakter. Am wenigsten glauben dies übrigens die heutigen Dschihadisten.

Quelle: F.A.Z., 28.09.2006, Nr. 226 / Seite 3
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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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