24.06.2009 · Viele Regimegegner halten sich inzwischen von den Straßen fern. Ihnen ging es darum, freier leben zu können. Zu Märtyrern werden wollen sie nicht. Aber sie sind stolz auf das, was sie erreicht haben.
Von Ahmad Taheri, TeheranAls das Telefon endlich wieder funktionierte, war Mashid voller Sorge um ihre Tochter. Über das Fernsehen wusste Mashid, was in der iranischen Hauptstadt los war. „Sie ist zu den Mussawi-Leuten gegangen“, sagte das Kindermädchen am anderen Ende der Leitung. Im Hintergrund schrien die Kinder, die Zwillinge von Shirin.
Mashid war entsetzt. „Sie geht zur Demonstration?“, rief sie in den Hörer. Als das Fernsehen berichtete, dass der Gedenkmarsch für die „Märtyrer der Freiheit“ gewaltlos verlaufen ist, beruhigte sich Mashid. Sie lachte über das ganze Gesicht und Tränen rollten über ihre Wangen. Die dreiundsechzig Jahre alte Frau sah plötzlich viel jünger aus.
Ein gemeinsames Ziel
Die Angst vor den brutalen Handlangern Regimes hält die meisten Leute inzwischen von der Straße fern. Die Drohungen wirken, es hat Tote gegeben. Die Menschen, die in den vergangenen Tagen zu Hunderttausenden in den iranischen Städten demonstrierten, sind hauptsächlich Akademiker, Studenten und Schüler, Freiberufler, Intellektuelle und Künstler gewesen, die westlich orientiert sind. Aber auch viele Menschen aus weniger wohlhabenden Schichten sind dabei gewesen, Ladenbesitzer, Taxichauffeure, Handwerker und einfache Arbeiter. Ihre Beweggründe waren unterschiedlich, aber sie hatten ein gemeinsames Ziel: Ahmadineschad davonzujagen. Die Gebildeten sagen meist, sie wollten nicht mehr hinnehmen, dass ihr Land „wegen eines dreisten Populisten“ in der Welt geächtet wird.
Für eine solche Bewegung brauchten die Iraner dreißig Jahre. Es ist eine neue Generation, die die Bürde der Revolution nicht mehr trägt und die in Filmen, Fernsehen und Internet ein anderes Leben gesehen hat, als ihnen in der Islamischen Republik aufgezwungen wird. Ahmadineschad ist die Negation all dessen, was sie sich für ihr Leben erhoffen. Um einen anderen Staat geht es ihnen dabei nicht. Keiner will den schiitischen Gottesstaat aus den Angeln heben. Das hat nicht mit Religiosität zu tun, sondern mit Realismus. „Wer soll ein anderes System auf die Beine stellen?“, sagen sie. Die jungen Protestierer wollen besser und freier leben, sie wollen sich nicht umbringen lassen. Auch wenn sie deshalb jetzt nicht mehr demonstrieren, sind sie stolz, dass die ihr Gesicht gezeigt und dem Regime die Stirn geboten haben. Das macht ihnen Mut.
„Nieder mit dem Schah!“
Den Superreichen, die ihr Vermögen aus den Schah-Zeiten herübergerettet haben und die heute in ihren Villen im Teheraner Norden am Swimmingpool Whisky trinken, ist es gleichgültig, wer den Machtkampf gewinnt. Dies allerdings nur, solange Ahmadineschad ihnen nicht auf den Leib rückt. Im fernen Kalifornien und in Südfrankreich träumen die reichen Exiliraner von der Rückkehr der Monarchie. Der gewünschte Monarch strahlt allerdings keine königliche Würde aus. Er sieht aus wie ein wohlgenährter Gebrauchtwagenverkäufer, der wieder einmal eine konstitutionelle Monarchie im Angebot hat.
Mashid hat vor dreißig Jahren gegen den Schah demonstriert. „Shirin war noch ein Baby“, sagt sie. Angst hatte sie damals nicht. Sie ging Hand in Hand mit Verwandten und Freunden. Sie riefen: „Nieder mit dem Schah!“ Manche trugen auch Bilder von Ajatollah Chomeini. Mashid ging oft allein. Ihr Mann hatte zu arbeiten. Er war Architekt und hatte in Graz studiert. Er arbeitete im Bürgermeisteramt und verdiente zugleich, weil er auf eigene Rechnung Häuser baute. Sie wohnten in Ahmadabad, einem besseren Stadtteil der Stadt Mashad, in einem großen Haus mit einem gepflegten Garten. Als der Mullah aller Mullahs über den König aller Könige siegte, war Mashid Feuer und Flamme. Am Abend feierte die Familie mit Freunden den Sieg der islamischen Revolution mit versteckten Restbeständen von Wodka und Whisky. Was die Zukunft bringen würde, kümmerte sie damals nicht. Hauptsache, dass der Schah, der Operettenkaiser, verschwunden war.
Kampf mit der Staatsmacht
Mashid lebt heute in Teheran. Als ihr Mann vor zwei Jahren an Krebs starb, erbte sie Bargeld und Grundstücke. Die Erbschaft hat Mashid in einer privaten Bank für fünf Jahre fest angelegt. Von den Zinsen können sie und ihre Kinder sorglos leben. Shirin, ihre älteste Tochter, ist verheiratet und wohnt in der iranischen Hauptstadt ein paar Kilometer entfernt von ihrer Mutter. Der Schwiegersohn, Reza, ist derzeit in Amerika, er kümmert sich darum, dort die Staatsbürgerschaft zu erhalten. Die junge Familie lebt in Dezadschib, einem alten, gut erhaltenen Viertel im Norden Teherans.
Früher, bevor ihre Kinder da waren, arbeitete Shirin als Grafikerin. Ihr Mann hat einen guten Job bei einer Baufirma. Shirin, eine schlanke, schöne Frau, die ein bibelfester Iraner einmal mit Esther, der jüdischen Ehefrau von Xerxes, verglichen hat. Einmal konnte sie nicht zur Demonstration, weil das Kindermädchen angeblich ihre kranke Mutter besuchen musste. Shirins Freunde sind stolz, dass sie den Kampf mit der Staatsmacht aufgenommen hatten. Banu, eine Freundin Shirins, störte es nicht, dass ihre langen grünen Fingernägel abbrachen. „Ich kaufe morgen neue“, sagte sie.
Anders als das Regime
Die Nachbarn Shirins sind eine Generation älter. Auch Hala und ihr Mann Bahman leben von angelegtem Geld. Sie bekommen für ihre Barschaft bei einer Privatbank 17 Prozent Zinsen. Damit können sie gut leben. Sie unterstützen sogar ihren Sohn, der in London Sprachphilosophie studiert. Weil Hala nicht die ganze Zeit bei den Demonstrationen mitlaufen konnte, nahmen sie ein Taxi und kehrten zurück. Das Ehepaar hat eine bewegte Geschichte. Unter dem Schah saßen beide als Kommunisten im Gefängnis. Nach zwei Jahren, kurz vor der islamischen Revolution, wurden sie freigelassen.
Sie zogen sich nach Mashad, ihrer Heimatstadt, zurück. Als Linke waren sie nicht für einen islamischen Staat. Später begann Hala zu malen. Jetzt verkauft sie sogar ihre Bilder. Auch sie haben in der Woche nach den gefälschten Wahlen an den Demonstrationen teilgenommen. Bahman hat eine große Bibliothek und ist eine Art Privatgelehrter. Er liest unentwegt. Sein Kopf funktioniert wie ein Lexikon. Man gibt ihm ein Stichwort über ein Buch, und er nennt ohne Nachdenken den Autor, den Übersetzer, den Verlag und das Erscheinungsdatum.
Das liebenswürdige Ehepaar strahlt Zufriedenheit aus. „Wir haben das Regime herausgefordert, und wir leben trotzdem noch“, sagt Bahman. „Wissen Sie, was mich am meisten freut?“, sagt Hala. „Dass die Welt sieht, dass die Iraner anders sind als ihr Regime. Niemand wird uns mehr mit ihnen gleichsetzen.“
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