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Viele Verletzte in Spanien : Madrid gibt Katalanen Schuld an Gewalt

Bild: dpa

Der Streit um das Referendum in Katalonien fordert Dutzende Verletzte. Und schon beginnt der Streit um die Verantwortung für die Gewalt auf den Straßen.

          Bei Einsätzen der spanischen Polizei gegen Unabhängigkeitsbefürworter in Katalonien sind nach Angaben der katalanischen Rettungskräfte mindestens 91 Menschen verletzt worden, die Regierung der Region spricht sogar von mehr als 300. Wie das spanische Innenministerium meldete, seien allerdings auch elf Polizisten verletzt worden. Die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy forderte die katalanische Regionalregierung auf, die vom Verfassungsgericht untersagte Abstimmung zu stoppen. Das Referendum sei eine „Farce“, sagte der Vertreter der spanischen Regierung für Katalonien, Enric Millo, am Sonntag. Puigdemont und seine Regierung seien „allein verantwortlich für alles, was heute passiert ist und was noch passieren könnte, wenn sie diese Farce nicht beenden“.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die spanische Polizei ging am Sonntag nach Beginn eines von der spanischen Zentralregierung für illegal erklärten Unabhängigkeitsreferendums gewaltsam gegen Demonstranten vor, die Beamte am Betreten von Wahllokalen hindern und den Abtransport beschlagnahmter Wahlurnen verhindern wollten. Laut Augenzeugen setzte die Polizei dabei in der Regionalhauptstadt Barcelona auch Gummigeschosse ein. Unter den Vorfällen muss auch der Fußball leiden. Der FC Barcelona teilte am Sonntag mit, das Spiel gegen Las Palmas werde unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen. Vorher hatte die spanische Zeitung „El Pais“ gemeldet, das Spiel sei abgesagt.

          Die ersten Schlangen vor den Wahllokalen hatten sich noch im Dunkel der Nacht gebildet. Von fünf Uhr morgens an versammelten sich die Menschen vor vielen Schulen im Zentrum von Barcelona. Um sechs Uhr setzte heftiger Regen ein, doch das schreckte die Wartenden nicht ab. Ihre Zahl wuchs, so dass sich die Beamten der katalanischen Regionalpolizei (Mossos) erst einen Weg zu den Eingängen bahnen mussten: Laut einer richterlichen Anordnung sollten die Schulen und Gemeindezentren, die als Wahllokale vorgesehen waren bis um sechs Uhr geräumt und versiegelt sein. Doch die Mossos taten nichts, um die Katalanen zu vertreiben, die die Nacht zum Sonntag in mehreren hundert Schulen verbracht hatten.

          Seit Freitagabend veranstalteten Aktivisten in den Schulen Pyjama-Partie, Lesemarathons und Spielenachmittage. Dadurch wollten sie sicherstellen, dass sie offenblieben, bis dort um neun Uhr die Wahllokale öffneten. Das gelang offenbar nicht nur in den Schulen. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Aber der katalanische Regierungssprecher Jordi Turull teilte am Vormittag mit, dass mehr als siebzig Prozent der geplanten 2300 Wahllokale geöffnet sind.

          Spanische Polizei geht mit Gummigeschossen gegen Katalanen vor. Bilderstrecke

          Diese Zahl begann jedoch schon am Morgen zu sinken: Beamte der spanischen Policia Nacional begannen damit, mehrere Wahllokale zu stürmen, um Urnen und Stimmzettel zu beschlagnahmen. Dabei gab es nach katalanischen Presseberichten mehrere Verletzte. Auch zum katalanischen Bildungsministerium verschafften sich die Beamten gewaltsam Zugang. Nachdem das spanische Verfassungsgericht die Volkabstimmung über die katalanische Unabhängigkeit für illegal erklärt hatte, hat die Polizei den Auftrag das Referendum zu verhindern.

          Anfangs schafften es Policia Nacional und Guardia Civil am Sonntag nur, den Ablauf zu erschweren. Das bekam auch Regionalpräsident Carles Puigdemont zu spüren. Das Wahllokal in seiner Heimatstadt Girona, in dem er seine Stimme abgeben wollte, hatte die Polizei geschlossen. Er wich in ein anderes aus. „Jedes Problem hat seine Lösung“, sagte Regierungssprecher Turull zuversichtlich.

          Bis zuletzt muss die Regierung improvisieren: Alle Katalanen, deren Wahllokal geschlossen ist, durften in jedem anderen Wahllokal ihre Stimme abgeben. Es seien Vorkehrungen getroffen, damit niemand zwei Mal wählen könne, sagt Turull. Diese Überprüfung erwies sich jedoch als schwierig, weil in den Wahllokalen immer wieder die Internetverbindung zusammenbrach. Nach Ansicht der spanischen Regierung wächst dadurch die Gefahr des Wahlbetrugs. Das Ergebnis des Referendums könne daher nicht ernst genommen werden, heißt es schon seit Tagen in Madrid. Da nicht genug Umschläge gedruckt werden konnten, durften die Wähler am Sonntag ihre Stimmzettel gefaltet in die Wahlurnen werfen. Die einfachen Plastikboxen, nach denen die Polizei vergeblich fahndete, hatten offenbar Privatleute bei sich zuhause versteckt.

          Was lange Zeit wie ein gewaltloses Katz- und Maus-Spiel wirkte, artete im Lauf des Sonntags immer stärker in Gewalt aus. Da katalanische Mossos nicht eingriffen, übernahm die Policia Nacional die Initiative. Bei ihren Aktionen in Wahllokalen und gegen Straßenblockaden wurden nach Angaben der katalanischen Regionalregierung 38 Personen verletzt, drei davon schwer. Auf Fotos von Aktivisten waren Gummimantelgeschosse zu sehen, die die Polizisten eingesetzt haben sollen.       

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