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Recht auf Waffenbesitz Einzigartiger Ausdruck der amerikanischen Kultur

 ·  Für die „National Rifle Association“ ist klar: Ohne Waffen gibt es keine Freiheit. Und erst recht keine Sicherheit. Ein Besuch im „National Firearms Museum“.

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© Polaris/laif Gnadenbringend: Mitglieder des Scottsdale Gun Club im Jahr 2011 mit (ungeladenen) automatischen Handfeuerwaffen beim Fototermin mit dem Weihnachtsmann

Die amerikanische Flagge weht nicht nur hier auf Halbmast. Gut eine Woche nach dem Massaker an einer Grundschule von Newtown in Connecticut bezeugen Amerikaner im ganzen Land Respekt für die 26 Opfer. Am Samstag wurden die letzten beerdigt. Doch vor dieser kühlen Fassade aus blauem Fensterglas in Fairfax nahe Washington weht neben den „Stars and Stripes“ die Flagge der „National Rifle Association“ (NRA) im Winterwind. Die NRA, die hier ihr Hauptquartier hat, ist der Verband der amerikanischen Waffenbesitzer, Waffenhersteller und Waffennarren. Sie hat nach eigenen Angaben 4,3 Millionen Mitglieder. Mit jährlich rund 32 Milliarden Dollar trägt die amerikanische Waffenindustrie zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Allein 2010 wurden in Amerika 5,46 Millionen Waffen produziert, weitere 3,3 Millionen Schusswaffen wurden eingeführt. In den Vereinigten Staaten gibt es damit etwa 300 Millionen Schusswaffen: rund 89 pro 100 Einwohner. Im Jemen, so schätzt man, kommen 55 Waffen auf 100 Einwohner, in der Schweiz sind es 46 und im Irak 34.

Im NRA-Hauptquartier ist auch das „National Firearms Museum“ untergebracht. Mehr als 40000 Besucher besichtigen jedes Jahr das Schusswaffenmuseum, auf das an der Autobahn die gleichen braunen Schilder hinweisen, die anderswo für Nationalparks oder Sehenswürdigkeiten werben. Ein Wachmann öffnet per Knopfdruck die Außentür. Erst wenn diese geschlossen ist, lässt sich die innere öffnen. Im Vorraum hängt ein großes Bild an der Wand. Es zeigt eine kunstvoll verzierte Pistole, die auf einem Blatt Papier mit Feder und Tintenfass liegt. Auf dem Blatt steht der Zweite Verfassungszusatz, Teil der „Bill of Rights“ von 1791: „Da eine wohl organisierte Miliz für die Sicherheit des Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.“

Das individuelle Recht zum Waffentragen

Dass das kein Museumsstück ist, sondern aktuelles Programm, hat das Oberste Gericht 2008 bekräftigt. Der Kernsatz des Urteils im Verfahren „Heller gegen den Hauptstadtdistrikt“, das damals mit fünf zu vier Richterstimmen entschieden wurde, lautet: „Der Zweite Verfassungszusatz schützt unabhängig vom Dienst in einer Miliz das Recht des Einzelnen, eine Schusswaffe zu besitzen und diese Waffe nach Recht und Gesetz einzusetzen, etwa zur Selbstverteidigung zu Hause.“ Nie zuvor war der Zweite Verfassungszusatz eindeutig als individuelles Recht zum Waffentragen auslegt worden - unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Miliz wie etwa der Nationalgarde.

Die Dauerausstellung des Museums am NRA-Hauptsitz - Eintritt frei - zeigt in 15 „Galerien“ mehr als 2700 Waffen, von Schießgeräten aus dem Jahr 1350 über das einzige erhaltene Gewehr vom Pilgersegelschiff „Mayflower“ von 1620 bis zum gegenwärtigen Sturmgewehr der amerikanischen Streitkräfte. Der zugehörige Katalog trägt den Titel „Schusswaffen, Freiheit und die amerikanische Erfahrung“. Überhaupt ist in der Ausstellung, im Katalog, in jedem Schriftstück der NRA immerzu von Freiheit die Rede. In der dritten „Galerie“ des Museums wird unter dem Titel „Der Weg zur amerikanischen Freiheit“ unter anderem die Entstehung der „Minutemen“ dokumentiert, einer amerikanischen Bürgerwehr in der britischen Kolonie Massachusetts, die sich dem Entwaffnungsbefehl des britischen Generals Thomas Gage widersetzte. Am 19. April 1775 kam es an der North Bridge zwischen Lexington und Concord zum Zusammenstoß der Kolonialtruppen von General Gage und den „Minutemen“. In Vitrine 15 sind die Waffen der amerikanischen Aufständischen zu sehen, mit denen sie sich schließlich die Freiheit von der britischen Krone erkämpften. „Mit dem ersten Schuss auf die Truppen des Königs hatte die Amerikanische Revolution begonnen“, heißt es. Es war „der Schuss, der in der ganzen Welt gehört wurde“.

Spielzeuggewehre als Ausdruck amerikanischer Kultur

Man muss die Botschaften des Museums nicht auswendig lernen, um sie sofort weiterzutragen. Im Museumsladen gibt es Postkarten zu kaufen, die etwa diesen Aufdruck haben: „Aus Furcht vor einer tyrannischen Bundesregierung und einem tyrannischen Präsidenten beschloss der Kongress zum Schutz der Freiheit des Einzelnen die ersten zehn Verfassungszusätze. Diese Zusätze wurden als Bill of Rights bekannt. Heute führt die NRA den Kampf zur Verteidigung des Zweiten Verfassungszusatzes, damit die amerikanischen Bürger nicht ihrer Freiheit beraubt werden.“ Für die Abonnenten ihrer Verbandszeitschrift „America’s First Freedom“ (Amerikas erste Freiheit) wurde die NRA auf dem Titel noch deutlicher: „Verteidigt die Freiheit! Schlagt Obama!“ Die zugehörige Geschichte trägt die Überschrift: „Wie und wann euch Obama eure Waffen wegnehmen wird“.

Was Spaß macht, soll nicht verboten werden. „Galerie 12“ im Museum heißt „Just for the Fun of it“ (Nur zum Spaß). Zu sehen sind die Pistolen und Gewehre von sechs amerikanischen Präsidenten; Sportgewehre fürs Tontaubenschießen sowie für Schießwettbewerbe bei Olympischen Spielen; der Nachbau einer Jahrmarkt-Schießbude; schließlich ein „Kinderzimmer, um 1952“. Das Zimmer ist voller Spielzeugpistolen und -gewehre, allein fünf liegen auf dem Bett mit der bunten Decke. Außerdem gibt es einen Plattenspieler, einen Globus, einige Bücher. „Spielzeugpistolen und -gewehre sind ein einzigartiger Ausdruck der amerikanischen Kultur“, heißt es im Katalog. An der Wand hängen in einem Holzgerüst aber auch vier echte Ein-Schuss-Gewehre für Kinder und Jugendliche, Marke Quackenbush, Kaliber 22. „Die Unterrichtung im sicheren Umgang mit Schusswaffen als geteilte Erfahrung zwischen Eltern und Kindern gehört zur amerikanischen Tradition des Übergangs vom Kind zum verantwortlichen Erwachsenen“, steht im Katalog. Auch die Mutter des Amokschützen von Newtown hatte ihren Sohn das Schießen gelehrt.

Verstärkte Polizeipräsenz an Schulen

Über dieses jüngste Kapitel der amerikanischen Waffengeschichte ist im Museum naturgemäß nichts zu sehen. Dafür ist das Fernsehen seit Freitag voll von Berichten über die NRA-Reaktion auf die Bluttat. „Wie konnte unsere Nation ihre Prioritäten so durcheinanderbringen“, hatte NRA-Geschäftsführer Wayne LaPierre am Freitag in einer Pressekonferenz gefragt. „Bedenken Sie: Unser Geld liegt uns am Herzen, deshalb schützen wir unsere Banken mit bewaffneten Wachleuten; auf Flughäfen, in Bürogebäuden, Kraftwerken, Gerichten und sogar Sportstadien, überall stehen bewaffnete Sicherheitskräfte; wir lassen unseren Präsidenten von bewaffneten Leuten des Secret Service schützen; Mitglieder des Kongresses werden von bewaffneten Beamten der Polizei des Kapitols beschützt. Aber wenn es darum geht, jene Angehörigen der amerikanischen Familie zu schützen, die wir am meisten lieben, die vollkommen unschuldig und verwundbar sind, nämlich unsere Kinder, dann lassen wir sie als Gesellschaft schutzlos im Stich. Und die Monster und Schänder dieser Welt wissen das und nutzen es aus. Das muss sich ändern, und zwar sofort!“

LaPierre forderte, einen bewaffneten Polizisten für jede der rund 135.000 öffentlichen und privaten Schulen des Landes abzustellen: „Das einzige, was einen bösen Menschen mit einer Waffe aufhält, ist ein guter Mensch mit einer Waffe.“ Die Kosten eines solchen nationalen Schutzprogramms für Schulen würden sich nach Angaben des Radiosenders NPR auf acht Milliarden Dollar jährlich belaufen. Die Meinungsforscher von „Gallup“ haben ermittelt, dass 53 Prozent der Amerikaner eine verstärkte Polizeipräsenz an Schulen als „sehr effektiv“ zur Abwehr von Gewalttaten betrachten; 33 Prozent sagen, eine solche Maßnahme wäre „bis zu einem gewissen Grad effektiv“, zwölf Prozent glauben nicht an die Wirksamkeit von Polizeischutz für Schulen

Falsches Bild wird verbreitet

Empört reagierte Michael Bloomberg auf die Aussagen der NRA. Der Bürgermeister von New York setzt sich etwa für ein Verkaufsverbot von Sturmgewehren und Magazinen mit mehr als 30 Schuss Munition ein. Das unterstützt Präsident Obama. „Die Lobbyisten von der NRA machen alle außer sich selbst für die Waffengewalt verantwortlich“, sagte Bloomberg. „Sie verbreiten die paranoide Negativvision eines noch gefährlicheren und gewalttätigeren Amerikas, wo jeder bewaffnet und nichts und niemand mehr sicher ist.“

Die Pforten des Schusswaffenmuseums bleiben jetzt für zwei Tage geschlossen. Aber nur, weil Weihnachten ist.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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