Home
http://www.faz.net/-gpf-75bg3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Recht auf Waffenbesitz Einzigartiger Ausdruck der amerikanischen Kultur

Für die „National Rifle Association“ ist klar: Ohne Waffen gibt es keine Freiheit. Und erst recht keine Sicherheit. Ein Besuch im „National Firearms Museum“.

© Polaris/laif Gnadenbringend: Mitglieder des Scottsdale Gun Club im Jahr 2011 mit (ungeladenen) automatischen Handfeuerwaffen beim Fototermin mit dem Weihnachtsmann

Die amerikanische Flagge weht nicht nur hier auf Halbmast. Gut eine Woche nach dem Massaker an einer Grundschule von Newtown in Connecticut bezeugen Amerikaner im ganzen Land Respekt für die 26 Opfer. Am Samstag wurden die letzten beerdigt. Doch vor dieser kühlen Fassade aus blauem Fensterglas in Fairfax nahe Washington weht neben den „Stars and Stripes“ die Flagge der „National Rifle Association“ (NRA) im Winterwind. Die NRA, die hier ihr Hauptquartier hat, ist der Verband der amerikanischen Waffenbesitzer, Waffenhersteller und Waffennarren. Sie hat nach eigenen Angaben 4,3 Millionen Mitglieder. Mit jährlich rund 32 Milliarden Dollar trägt die amerikanische Waffenindustrie zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Allein 2010 wurden in Amerika 5,46 Millionen Waffen produziert, weitere 3,3 Millionen Schusswaffen wurden eingeführt. In den Vereinigten Staaten gibt es damit etwa 300 Millionen Schusswaffen: rund 89 pro 100 Einwohner. Im Jemen, so schätzt man, kommen 55 Waffen auf 100 Einwohner, in der Schweiz sind es 46 und im Irak 34.

Matthias Rüb Folgen:

Im NRA-Hauptquartier ist auch das „National Firearms Museum“ untergebracht. Mehr als 40000 Besucher besichtigen jedes Jahr das Schusswaffenmuseum, auf das an der Autobahn die gleichen braunen Schilder hinweisen, die anderswo für Nationalparks oder Sehenswürdigkeiten werben. Ein Wachmann öffnet per Knopfdruck die Außentür. Erst wenn diese geschlossen ist, lässt sich die innere öffnen. Im Vorraum hängt ein großes Bild an der Wand. Es zeigt eine kunstvoll verzierte Pistole, die auf einem Blatt Papier mit Feder und Tintenfass liegt. Auf dem Blatt steht der Zweite Verfassungszusatz, Teil der „Bill of Rights“ von 1791: „Da eine wohl organisierte Miliz für die Sicherheit des Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.“

Das individuelle Recht zum Waffentragen

Dass das kein Museumsstück ist, sondern aktuelles Programm, hat das Oberste Gericht 2008 bekräftigt. Der Kernsatz des Urteils im Verfahren „Heller gegen den Hauptstadtdistrikt“, das damals mit fünf zu vier Richterstimmen entschieden wurde, lautet: „Der Zweite Verfassungszusatz schützt unabhängig vom Dienst in einer Miliz das Recht des Einzelnen, eine Schusswaffe zu besitzen und diese Waffe nach Recht und Gesetz einzusetzen, etwa zur Selbstverteidigung zu Hause.“ Nie zuvor war der Zweite Verfassungszusatz eindeutig als individuelles Recht zum Waffentragen auslegt worden - unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Miliz wie etwa der Nationalgarde.

Die Dauerausstellung des Museums am NRA-Hauptsitz - Eintritt frei - zeigt in 15 „Galerien“ mehr als 2700 Waffen, von Schießgeräten aus dem Jahr 1350 über das einzige erhaltene Gewehr vom Pilgersegelschiff „Mayflower“ von 1620 bis zum gegenwärtigen Sturmgewehr der amerikanischen Streitkräfte. Der zugehörige Katalog trägt den Titel „Schusswaffen, Freiheit und die amerikanische Erfahrung“. Überhaupt ist in der Ausstellung, im Katalog, in jedem Schriftstück der NRA immerzu von Freiheit die Rede. In der dritten „Galerie“ des Museums wird unter dem Titel „Der Weg zur amerikanischen Freiheit“ unter anderem die Entstehung der „Minutemen“ dokumentiert, einer amerikanischen Bürgerwehr in der britischen Kolonie Massachusetts, die sich dem Entwaffnungsbefehl des britischen Generals Thomas Gage widersetzte. Am 19. April 1775 kam es an der North Bridge zwischen Lexington und Concord zum Zusammenstoß der Kolonialtruppen von General Gage und den „Minutemen“. In Vitrine 15 sind die Waffen der amerikanischen Aufständischen zu sehen, mit denen sie sich schließlich die Freiheit von der britischen Krone erkämpften. „Mit dem ersten Schuss auf die Truppen des Königs hatte die Amerikanische Revolution begonnen“, heißt es. Es war „der Schuss, der in der ganzen Welt gehört wurde“.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Attacke im Thalys Die Helden aus Waggon 12

Fünf Reisende überwältigten im Thalys-Schnellzug einen schwer bewaffneten Marokkaner und verhinderten so ein Blutbad. Nach Informationen der F.A.Z. stand dessen Name auf verdeckten Listen der Geheimdienste. Sie sehen ihn als radikalen Islamisten. Mehr Von Eckart Lohse, Berlin, Christian Schubert, Paris und Michael Stabenow, Brüssel

23.08.2015, 20:34 Uhr | Politik
Ostukraine Rebellen trainieren Kindersoldaten

Im Osten der Ukraine bringt die Organisation Patriotischer Donbass Kindern und Jugendlichen den Umgang mit Waffen wie Kalaschnikow-Gewehren bei. Schon 14-Jährige würden sich am liebsten gleich den bewaffneten Kämpfern gegen die vom Westen unterstützte Regierung in Kiew anschließen. Mehr

26.06.2015, 10:59 Uhr | Politik
Drohnenangriff Weißes Haus: Nummer zwei des Islamischen Staats im Irak getötet

Die amerikanische Luftwaffe hat den stellvertretenden Anführer der Dschihadistenorganisation Islamischer Staat (IS) im Irak getötet. Der als Hadschi Mutas bekannte Fadhil Ahmed al-Hajali sei bei einem Luftangriff im Norden des Landes getötet worden, bestätigte das Weiße Haus. Mehr

21.08.2015, 21:27 Uhr | Politik
Waffen und Co. Deutschlands Rüstungsgüter für das Pulverfass

Von Libyen bis Indien zieht sich ein Krisengürtel instabiler, gescheiterter und autokratischer Staaten. Deutsche Rüstungsgüter genießen dort einen guten Ruf - und werden gern gekauft. Ein Überblick. Mehr

24.06.2015, 17:35 Uhr | Politik
Türkei Schüsse vor Palast in Istanbul

Nach Schüssen am Eingang zum Dolmabahce-Palast hat die Polizei in Istanbul zwei mit automatischen Waffen bewaffnete Verdächtige festgenommen. Auf dem Gelände befindet sich auch ein Büro des türkischen Ministerpräsidenten. Mehr

19.08.2015, 15:11 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 23.12.2012, 18:06 Uhr

Eine Gemeinschaftsaufgabe

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die Dutzenden Toten in einem Schlepperlaster nahe Wien sind eine beklemmende Mahnung, kriminellen Schleuserbanden das Handwerk zu legen. Es bedarf einer europäischen Antwort auf die Flüchtlingskrise. Die Balkan-Transitländer sind überfordert. Mehr 5