http://www.faz.net/-gpf-6kkx6

Recep Tayyip Erdogan : Der Realo

Der Islam blieb Erdogans private Richtschnur, aber er erkannte, dass ein Staat sich nicht damit regieren ließ Bild:

Erdogans Reformeifer ist erlahmt. Sein Land ist ziviler, aber nicht demokratischer geworden. Irgendwann wird sich der Erdoganismus als Instrument zur Modernisierung der Türkei überlebt haben. Dann wird die Türkei einen neuen Reformer benötigen.

          In den Lebensläufen berühmter Politiker, Reformer, Diktatoren und anderer sogenannter großer Männer fehlt selten die Urszene, das einschneidende Ereignis junger Jahre. Auch in der Biographie von Recep Tayyip Erdogan findet sich eine solche Legende, die für sein späteres Wirken vermeintlich prägend war. Der türkische Ministerpräsident hat selbst davon erzählt, und es ist unerheblich, ob die Geschichte wahr ist oder nicht. Selbst wenn Erdogan sie erst nachträglich zu einem prägenden Erlebnis stilisiert haben sollte, gewährt sie einen Einblick in das Wesen des Politikers, der das vergangene Jahrzehnt in der Türkei geprägt hat und noch lange nicht bereit ist, die Bühne wieder zu verlassen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Die Geschichte spielt Anfang der sechziger Jahre im Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa, und ihr Held ist etwa sieben Jahre alt. Etwas zu jung eigentlich für den Hauptdarsteller einer politischen Erweckungsszene, aber so will es die Anekdote. Tayyip, Sohn von Zuwanderern aus der Schwarzmeerstadt Rize, blättert in einem Journal, das sein Vater mit nach Hause gebracht hat. Dabei stößt er auf ein Foto, das einen Mann in Sträflingskluft zeigt. Die Hände des Mannes sind zusammengebunden, der Hals steckt in einer Schlinge. Es gibt keinen Zweifel daran, dass er wenige Augenblicke später tot sein wird. „Damals habe ich nicht viel verstanden. Aber ich sah, dass mein Vater und meine Mutter sehr bestürzt waren, den Mann auf seinen Tod zugehen zu sehen. Es war eine aufgewühlte Atmosphäre zu Hause“, sagte Erdogan Jahre später, als er schon Regierungschef der Türkei war.

          Ein Mittelstürmer namens Erdogan

          Der Mann auf dem Foto war einer seiner Amtsvorgänger: der türkische Ministerpräsident Adnan Menderes, der von 1950 an die Türkei regiert und das Land bis zum Militärputsch vom Mai 1960 durch marktwirtschaftliche Reformen vorsichtig geöffnet hatte. Und der am 17. September 1961 hingerichtet wurde. Dass Menderes alles andere war als ein vorbildlicher Demokrat, störte die Militärs nicht. Den Generälen missfiel aber, dass Menderes dem Islam wieder mehr Geltung verschaffen wollte.

          Mehr und mehr übernimmt Erdogan die autoritären Herrschaftsmuster des Militärs und des Justizapparats

          Der kleine Junge, der damals im elterlichen Hause das Foto des zum Tode Verurteilten sah, setzte einige Jahrzehnte später das von Menderes begonnene Werk fort, doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Tayyip Erdogan besuchte in Kasimpasa eine Imam-Hatip-Schule, also eine Lehranstalt, die bei der Wissensvermittlung besonderen Wert auf den Islam legt. Nebenbei spielte er Fußball, und es gab angeblich Zeiten, da soll er kurz davor gewesen sein, sein Hobby zum Beruf zu machen. Die Welt hätte dann vielleicht von einem Mittelstürmer namens Erdogan gehört, seinen Namen aber längst wieder vergessen. Als er Mitte zwanzig war, hörte Erdogan mit dem Fußballspielen auf und wandte sich ernsthaft seiner zweiten Leidenschaft zu, der Politik.

          Schon seit den siebziger Jahren engagierte er sich in der Jugendorganisation der damaligen Partei des Islamisten Necmettin Erbakan, bis die Militärs im September 1980 putschten und alle Parteien verboten. Als die Generäle drei Jahre später politische Betätigung wieder zuließen, begann Erdogans Aufstieg in Erbakans „Wohlfahrtspartei“. Von 1985 an war Erdogan ihr Bezirksvorsitzender in Istanbul, und weniger als ein Jahrzehnt später kannte das ganze Land seinen Namen: Ebenso überraschend wie knapp gewann er im März 1994 die Bürgermeisterwahl in Istanbul.

          Der Islamist bewährte sich als Manager

          Weitere Themen

          Ermordung politischer Gegner als Strategie?

          Fall Khashoggi : Ermordung politischer Gegner als Strategie?

          Vertraute von Muhammad bin Salman sollen schon vor einem Jahr über die Tötung iranischer Feinde gesprochen haben – als dieser zum saudischen Kronprinz ernannt wurde. Unterdessen wurden die letzten Worte von Khashoggi vor seiner Ermordung bekannt.

          Topmeldungen

          Italiens Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio geht in der Haushaltspolitik auf Konfrontationskurs mit der EU.

          Schuldenstreit mit der EU : Italien bleibt stur

          Die italienische Regierung weicht nicht von ihrer Haushaltspolitik ab. Nach Ablauf einer Frist am Dienstagabend droht Rom nun ein Verfahren der EU-Kommission.

          Brexit-Verhandler einigen sich : „Der weiße Rauch steigt auf“

          In den Verhandlungen um ein Ausscheiden Großbritanniens aus der EU haben die Unterhändler einen wichtigen Durchbruch erzielt. Während EVP-Chef Weber den Verhandlungserfolg feiert, äußert Boris Johnson scharfe Kritik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.