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Recep Tayyip Erdogan Der Architekt des türkischen Beitritts

17.12.2004 ·  Pragmatiker war der türkische Ministerpräsident Erdogan nicht immer, er ist es erst geworden. Sein Charisma hat er eingesetzt, um in einer Zeit, in der alle anderen türkischen Politiker an Ansehen verloren, unaufhaltsam aufzusteigen.

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Vor seiner Abreise nach Brüssel hatte Recep Tayyip Erdogan noch pragmatisch alle Erwartungen gedämpft. Das Ergebnis des EU-Gipfeltreffens werde weder ein Sieg sein noch eine Katastrophe, sagte er, als er mit Freunden zusammensaß, um im Fernsehen die Bundestagsdebatte zur Türkei aus dem Reichstag zu verfolgen.

Pragmatiker war Erdogan nicht immer gewesen, dazu ist er erst geworden. Sein Charisma hat er nicht mißbraucht, um den radikalen Ideen aus seiner Sturm-und-Drang-Zeit weiter nachzuhängen. Er hat es aber eingesetzt, um in einer Zeit, in der alle anderen türkischen Politiker an Ansehen verloren hatten, zu seinem unaufhaltsamen Aufstieg anzusetzen.

„Aus dem Holz eines Führers geschnitzt“

Auch die meinungmachenden türkischen Journalisten, die Erdogans Aufstieg sehr kritisch verfolgten, gaben bald zu, so formulierte es einer von ihnen, daß Erdogan „aus dem Holz eines Führers“ geschnitzt sei.

Begonnen hatte der starke Mann der Türkei tief unten in der Hierarchie der türkischen Gesellschaft. Denn geboren wurde er 1954 im wenig angesehenen Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa. Dort arbeitete sein Vater, der im Alter von 13 Jahren aus der Schwarzmeerstadt Rize gekommen war, als Küstenschiffer. Der gab dem Sohn nach dem Geburtsmonat, dem siebten islamischen Monat, Recep als ersten Vornamen. Er rief ihn aber stets mit dem zweiten Namen. Tayyip hatte auch sein Großvater geheißen.

In seinem Viertel besuchte Erdogan zunächst die Grundschule, dann wechselte er auf die andere Seite des Goldenen Horns, um dort das islamische Gymnasium (Imam-Hatip-Lisesi) zu besuchen.

Der „Imam Beckenbauer“

Fußball spielte Erdogan so gut, daß er „Imam Beckenbauer“ genannt wurde und er als Mittelstürmer fast Profi geworden wäre. Er trat 1969 in die Jugendorganisation der Milli Nizam Partisi des Islamistenpolitikers Erbakan und deren Nachfolgeparteien ein.

Aufgrund seines ungeheuren rhetorischen Talents stieg er schnell nach oben. Er studierte an einer Istanbuler Universität Betriebswirtschaftslehre, arbeitete in kleineren privaten Betrieben und machte vor allem Parteipolitik. Gegen den Willen Erbakans nominierte ihn 1994 die Wohlfahrtspartei zum Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters von Istanbul. Die Wahl gewann er aufgrund der Zerstrittenheit der anderen Parteien. Als Oberbürgermeister Istanbuls wurde er landesweit bekannt, und unter dem Druck, praktische Lösungen für konkrete Probleme des städtischen Alltags zu lösen, stieß er sich allmählich seine islamistischen Hörner ab.

Vier Monate im Gefängnis

Zunehmend entfremdete er sich von seinem politischen Ziehvater Erbakan und wurde, gemeinsam mit seinem politische Weggefährten und heutigen Außenminister Gül, zum Sprecher des Flügels der Erneuerer und Modernisten von Erbakans Partei(en). Im Gefängnis, wo Erdogan wegen eines Meinungsdelikts vier Monate einsaß, besuchte ihn kein Vertreter von Erbakans Flügel der Traditionalisten. Das war der endgültige Bruch zwischen den beiden. Als 2001 Erbakans Tugendpartei verboten wurde, gründete Erdogan seine „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP). Er konzipierte sie als muslimisch-demokratische Volkspartei rechts von der Mitte und grenzte sie scharf gegen islamistische Parteien ab. Ihren Erfolg verdankt die Partei ebenso seinem Charisma wie der völligen Abnutzung aller früheren Parteien. Die AKP gewann die Wahlen vom November 2002 daher triumphal und regiert seither allein mit Zweidrittelmehrheit.

Nahezu verstummt sind die Stimmen, die in Erdogan einen Wolf im Schafspelz sehen. Der international renommierte türkische Schriftsteller Orhan Pamuk ist überzeugt, daß sich Erdogan gewandelt habe. Als einer, der selbst Charaktere entwerfe und mit ihnen spiele, sei er sich in diesem Urteil sehr sicher, betont Pamuk. Gewandelt hat sich Erdogan auch, weil er eingesehen hat, daß islamistische Parteien in der Türkei keine Zukunft haben. Erdogan strebt heute den Umbau der reformbedürftigen Türkei mit einer Selbstsicherheit an, die nur den Schluß zuläßt, daß er in die Geschichtsbücher als der Staatsmann eingehen will, der die Türkei, den kranken Mann Europas, nach Jahrzehnten der Stagnation reformiert und vor allem demokratisiert hat. Dabei erkennt er, daß er mit der EU-Mitgliedschaft zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann: die Reformen vorantreiben und, aufgrund der Popularität des EU-Projekts in der Türkei, seine führende Stellung in der türkischen Politik auf absehbare Zeit festigen.

Quelle: Her., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Dezember 2004
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