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Rebellen in Tripolis Rebellen: Gaddafi-Söhne festgenommen - Leibgarde gibt auf

Der Aufstand gegen das Gaddafi-Regime ist offenbar an einem entscheidenden Punkt angelangt. Die Rebellen sind nach eigenen Angaben in das Zentrum von Tripolis vorgedrungen. Zwei Söhne des Machthabers wurden festgenommen, die Leibgarden Gaddafis sollen ihre Waffen niedergelegt haben.

© REUTERS Vergrößern Rebellen in den Außenbezirken von Tripolis

Die Leibgarde des libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi hat laut Al-Dschazira die Waffen niedergelegt. Das berichtete ein Sprecher des nationalen Übergangsrates dem arabischen Fernsehsender am Sonntagabend aus Tripolis. Über den Aufenthaltsort von Gaddafi lagen zunächst keine Informationen vor.

Die Rebellen berichteten, sie hätten bereits den Grünen Platz im Zentrum von Tripolis erreicht. Viele Gaddafi-Truppen seien gefangen genommen worden. Andere würden immer noch Widerstand leisten. Regierungssprecher Moussa Ibrahim sagte, in Tripolis habe es seit dem Mittag mindestens 1300 Tote gegeben. Al Dschazira zeigte Bilder, wie jubelnde Menschen die Aufständischen auf den Straßen der Hauptstadt begrüßten.

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Im Westen der Stadt nahmen die Rebellen laut Al Dschazira zwei Söhne von Gaddafi gefangen. Saif al-Islam und Al-Saadi seien in einem Touristendorf im Westen der Hauptstadt festgesetzt worden, berichtete ein Sprecher der Aufständischen, Abu Bakr al-Tarbulsi.

File photo of Libyan leader Muammar Gaddafi''s most prominent son, Saif al-Islam in Tripoli © REUTERS Vergrößern Saif al-Islam - auf einem Archivbild aus dem vergangenen März - wurde festgenommen

Gegen Saif al-Islam hatte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag kürzlich ebenso wie gegen seinen Vater einen Haftbefehl wegen schwerer Kriegsverbrechen erlassen. Sein Bruder Al-Saadi war zuletzt Präsident des libyschen Fußballverbandes.

Nach nächtlichen Kämpfen zwischen Aufständischen und Regierungstruppen hatte es am Sonntag in mehreren Stadtvierteln heftige Gefechte gegeben. Im Laufe des Tages drangen die Rebellen nach Berichten von Augenzeugen immer weiter in die Hauptstadt vor. Nach Spekulationen über seine Flucht aus Tripolis meldete sich Machthaber Gaddafi am Abend im Staatsfernsehen zu Wort und rief die Libyer dazu auf, die Hauptstadt bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen.

Die libyschen Rebellen hatten am Sonntag die Entscheidungsschlacht um Tripolis angekündigt. Dort war es in der Nacht zu Kämpfen zwischen Aufständischen und Kräften des Regimes gekommen. Auch am Sonntagmorgen wurden Schusswechsel gemeldet. Nach einem Agenturbericht demonstrierten Tausende in Tripolis und trotzten dabei der Gefahr durch Scharfschützen auf den Dächern. In den Moscheen hätten Imame dazu aufgerufen, sich gegen das Regime zu erheben, sagten Augenzeugen. Weiter hieß es, in einigen Straßen seien schon Flaggen der Regimegegner gehisst worden. Nach einen Bericht des Senders Al Dschazira rückten Rebellen am Sonntag in einige Vororte von Tripolis ein.

Zugleich setzten die Regimegegner, die in der vergangenen Woche wichtige Städte eingenommen hatten, ihren Vormarsch fort. Nach einem Bericht des britischen Fernsehsenders BBC wurden sie im Westen etwa 35 Kilometer von der Hauptstadt entfernt durch Artilleriefeuer gestoppt. Am Samstag waren die Rebellen im ostlibyschen Erdölhafen Brega durch Artilleriebeschuss zurückgedrängt worden.

Ein Vertreter des Übergangsrates sagte am Sonntag, die Operationen in Tripolis und der Vormarsch auf die zunehmend isolierte Hauptstadt seien mit der Führung in Benghasi abgesprochen. Der Sprecher der Regimegegner, Abdulhafiz Ghoga, sagte, die „Stunde Null“ sei gekommen, die Rebellen in Tripolis hätten sich erhoben. (Siehe auch: Libyen: Kampf um Tripolis)

Freudenkundgebungen in Benghasi

In Benghasi, wo der Nationale Übergangsrat der Regimegegner seinen Sitz hat, kamen Tausende zu Freudenkundgebungen zusammen. Der Chef des Übergangsrates, Mustafa Abd al Dschalil, sagte, es deute alles darauf hin, dass das Ende nah sei. Es gebe Kontakte zum Führungszirkel um Diktator Muammar al Gaddafi.

Zuletzt hatten sich mehrere wichtige Personen aus diesem Zirkel vom Regime abgewendet. Es hatte am Sonntag sogar unbestätigte Gerüchte gegeben, nach denen sich Gaddafi auf der Flucht nach Algerien befinden solle. Die am Nato-Einsatz beteiligten Regierungen Großbritanniens und Italiens teilten mit, der Aufstand gegen das Gaddafi-Regime sei an einem entscheidenden Punkt angelangt.

Gaddafi hetzt gegen Rebellen

Gaddafi sagte indes in einem am Sonntagmorgen im Staatsrundfunk ausgestrahlten Telefoninterview, die „Ratten“ seien in der Hauptstadt „eliminiert“ worden. Er rief seine Anhänger auf, den Kampf fortzusetzen. Gaddafis Sohn Saif al Islam sagte in einer Fernsehansprache, das Regime wisse gar nicht, wie man die weiße Flagge schwenkt. Er rief die Rebellen abermals zu Verhandlungen auf. „Wir sind bereit“, sagte er. Der Sprecher des Regimes, Mussa Ibrahim, sagte: „Tausende Soldaten stehen bereit, um Tripolis zu verteidigen.“ Die Stadt sei gut geschützt. Das Regime hatte seine Anhänger in der Hauptstadt in den vergangenen Wochen bewaffnet und sie zum Kampf gegen die Rebellen aufgerufen.

Die Nato konzentrierte ihre Luftangriffe am Wochenende auf die Hauptstadt. Nach Angaben der Allianz vom Sonntag wurden am Samstag 22 Ziele in Tripolis angegriffen. Ein Nato-Sprecher sagte, die Front in Libyen verändere sich ständig. Der Sprecher bekräftigte, es handle sich nicht um „abgestimmte Bemühungen“. Die Opposition nutze die Luftangriffe bloß zu ihrem Vorteil. Ahmed Dschibril sagte indes am Sonntag, die Nato sei in die „Operation Sirene“ eingebunden.

Westerwelle: Gaddafi soll Weg für einen Neuanfang freimachen

Außenminister Westerwelle sagte in Berlin, er habe noch keine genauen Erkenntnisse aus Libyen. „Wir hoffen aber, dass dies die Kehrtwende ist und die letzten Tage des Unrechtsregimes begonnen haben.“ Er fordere Gaddafi auf, den Weg für einen Neuanfang freizumachen.

Auf die Frage, ob das nahende Ende des Machthabers nicht zeige, dass die Militäraktion der Staatengemeinschaft eine Voraussetzung für den von ihm geforderten politischen Prozess sei, sagte Westerwelle, die Lage in Libyen zeige, dass die von Deutschland betriebenen Sanktionen gegen das Regime und die Isolierung Gaddafis richtig gewesen seien, denn er verfüge nicht mehr über Nachschub. „Deshalb ist unsere Politik der Sanktionen richtig gewesen“, sagte er.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in einem ZDF-Interview: „Es gab Diskussionen über die richtigen Mittel und Wege, aber natürlich freuen wir uns.“ Es wäre gut, wenn Gaddafi möglichst schnell aufgäbe, „um Blutvergießen zu vermeiden“.

Quelle: FAZ.NET mit cheh./sat.

 
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Veröffentlicht: 22.08.2011, 00:12 Uhr

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