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Reaktionen auf das Geiseldrama Abscheu in islamischen Ländern

05.09.2004 ·  Die Weltöffentlichkeit zeigt kein Verständnis für die Kindermörder von Beslan. Aus Frankreich kommt Kritik am russischen Präsidenten. Kanzler Schröder spricht sich für eine „politische Lösung“ in Tschetschenien aus.

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Die arabische und die islamische Welt hat mit Abscheu und ohne Schadenfreude auf das Ende der Geiselnahme in Beslan reagiert. Eine Verbindung zu Al Qaida und dessen Ideologie wird jedoch nicht hergestellt. Die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) verurteilte die Geiselnahme als kriminellen Akt. "Solche Handlungen sind gegen die Prinzipien und Glaubenssätze des Islam gerichtet", sagte OIC-Generalsekretär Abdelwaheb Belkesis.

Die saudische Zeitung "al Watan" schrieb, die Kinder und Lehrer von Beslan hätten sich keines Verbrechens schuldig gemacht, das dieses Blutbad hätte rechtfertigen können. Hätten die Geiselnehmer eine russische Kaserne angegriffen, wäre ihr Anliegen - "sollten sie denn überhaupt eines haben" - vielleicht noch zu verstehen gewesen. Die Tschetschenen hätten sich mit der Wahl ihres Objekts in eine Position hineinmanövriert, in der niemand mehr Tränen über ihre Bestrafung vergießen werde, schrieb die in Dschidda erscheinende "Arab News". Mit der Wahl ihres Ziels hätten sie gezeigt, daß sie den Tod Unschuldiger in Kauf genommen haben.

Die ägyptische Zeitung "al Ahram" bezeichnete die Geiselnahme und den Tod so vieler Unschuldiger als "häßliches Verbrechen gegen die Menschheit". Die jordanische Zeitung al Dustur schreibt, die Ereignisse von Beslan riefen "in der muslimischen Welt Zorn und Abscheu" hervor. Die iranischen Zeitungen verglichen das Vorgehen Rußlands und der Vereinigten Staaten gegen den Terrorismus, die beide mit ihrem rein militärischen Ansatz nur einen Kreislauf der Gewalt in Gang setzten. Die dem Revolutionsführer Chamenei nahestehende Zeitung "Resalat" kam etwa zu dem Ergebnis, daß beide Staaten auf Gewalt mit Gewalt antworteten und daß dabei nur das Leben Unschuldiger aufs Spiel gesetzt werde.

Putinkritik in Frankreich

In französischen Medien wurde vor allem der russische Präsident Putin kritisiert. "Alles weist darauf hin, daß der russische Präsident Putin seinen sowjetischen Vorgängern in nichts nachsteht. Die Maskerade der Präsidentenwahlen am 29. August in Tschetschenien ist nur eine weitere Episode in Moskaus schmutzigem Krieg in dieser Region und in der Reihe der Grausamkeiten, die ihn seit Jahren begleiten", schrieb die Tageszeitung "Le Monde".

Wie auch andere Zeitungen ist das links-bürgerliche Blatt davon überzeugt, daß die russischen Spezialtruppen die Schule auf Befehl gestürmt haben - ohne Rücksicht auf Verluste. "Jacques Chirac hat nicht gezögert, das Abenteurertum Amerikas im Irak zu kritisieren. Es würde ihn ehren, mit derselben Energie die russische Brutalität im Kaukasus zu verurteilen", führte "Le Monde" aus.

Auch die bürgerlich-liberale Sonntagszeitung "Journal du Dimanche" kritisierte die Politik Putins, die an Zeiten sowjetischer Propaganda erinnere. Zunächst sei versucht worden, die Zahl der in der Schule gefangenen Geiseln entgegen besseren Wissens niedrig zu halten; ähnliche Manipulationsversuche seien bei der Zahl der Opfer und der Verletzten zu beobachten. "Journal du Dimanche" schenkte Putin keinen Glauben, als er sagte, die Rettung der Menschenleben sei seine Priorität und die Stürmung der Schule "nicht geplant" gewesen.

Der an den Ort des Geschehens entsandte Korrespondent berichtete, die Spezialeinheiten hätten alle Anzeichen einer bevorstehenden Stürmung gegeben. Die russischen Verantwortlichen hätten bewußt alle Informationen zensiert und selbst Ärzten in den nahe gelegenen Krankenhäusern Telefonkontakte untersagt. Kritik an Putins Krisenmanagement wurde auch im französischen Fernsehen geäußert. Präsident Chirac hingegen enthielt sich einer Stellungnahme.

Bush gibt sich einfühlsam

Der amerikanische Präsident Bush sagte am Wochenende bei einem Wahlkampfauftritt in Ohio, die blutig zu Ende gegangene Geiselnahme in der südrussischen Region Ossetien rufe schmerzhaft in Erinnerung, warum Amerika im Kampf gegen den Terrorismus entschlossen bleiben müssen. "Wir haben das Entsetzen des Terrorismus in Rußland gesehen, und ich kann die herzzereißende Furcht der Mütter und Väter dieser russischen Kinder nachfühlen", sagte er.

Das Blutbad in Beslan rufe "grausam das Wesen der Terroristen in Erinnerung, mit denen wir es zu tun haben". Deshalb müsse Amerika "stark und wachsam und unnachgiebig" sein. "Wir müssen sie ihrer gerechten Strafe zuführen", sagte Bush. Ähnlich wie in seiner Rede zum Abschlußparteitag der Republikaner in New York sagte Bush in Ohio, man könne "mit diesem Feind nicht verhandeln" oder "auf das Beste hoffen": "Man kann nicht mit ihnen mit Argumenten ringen. So funktionieren sie nicht", sagte Bush.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Kerry warf dem Präsidenten vor, mit der Betonung der Gefahr des Terrorismus von den wirtschaftlichen und sozialen Problemen des Landes abzulenken. Bush versuche sich hinter Ereignissen wie dem Massaker in Beslan und dem Hurrikan "Frances" in Florida "zu verstecken, um von der Nachricht abzulenken, daß die Kosten für Senioren für die Gesundheitsversorgung um 17 Prozent gestiegen sind", sagte Kerry, der ebenfalls in dem hartumkämpften Bundesstaat Ohio eine Wahlkampftour absolviert.

„Skupellose Terroristen“

Die Bundesregierung sieht sich durch das Geiseldrama in Nordossetien in ihrer Auffassung bestätigt, im russisch-tschetschenischen Konflikt eine neutral wirkende Position zu vermeiden. Bundeskanzler Schröder äußerte nach der Klausurberatung des Bundeskabinetts in Bonn, die Verantwortung für die "Tragödie" trügen allein "skrupellose Terroristen". Schröder vermied jeglichen Hinweis, der Politik Rußlands und des russischen Präsidenten Putin in Tschetschenien einen Teil Mitschuld an den Konflikten zuzuweisen.

Entsprechend weigerte er sich, Hinweise oder gar Ratschläge an Putin zu geben, wie nach seiner Ansicht der Konflikt zu lösen sei. Schröder beschränkte sich abermals auf die Formel, er habe sich stets für eine "politische Lösung" des Konflikts ausgesprochen. Doch müsse es auch Gesprächspartner geben, mit denen die russische Regierung sprechen könne. Mit Terroristen, die Kinder erschössen, könnten keine Verhandlungen geführt werden. Schröder hatte in den vergangenen Tagen mit Putin telefoniert. Er machte dabei, wie er bekanntgab, die Zusage, "im Rahmen unserer Möglichkeiten in jeder Hinsicht" zu helfen. Dies bezog er in erster Linie auf medizinische Hilfe.

Quelle: Her./mic./rüb./ban., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2004, Nr. 207 / Seite 2
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