06.02.2008 · Der Rauschgiftanbau in Afghanistan blüht vor allem in umkämpften Gebieten. Der Opiumerlös ist enorm hoch. Die Vereinten Nationen sprechen inzwischen von einem „geteilten Land mit klaren Drogen- und Aufstandsfronten“.
Von Jochen Buchsteiner, DelhiAfghanistan wird seinen Platz als größter Heroinlieferant der Welt auch in diesem Jahr behalten. Das Büro für Drogen und Kriminalität der Vereinten Nationen (UNODC) teilte am Mittwoch in Tokio mit, die Ernte für Rohopium werde am Ende des laufenden Jahres den Spitzenwert von 2007 entweder abermals erreichen oder nur knapp unterschreiten. Erfolge beim Stilllegen von Anbauflächen im vergleichsweise stabilen Nordosten des Landes werden kompensiert von einer ausgedehnten Anbautätigkeit im umkämpften Südwesten des Landes. Insgesamt bleibe die Gesamternte „schockierend hoch“, hieß es in der Trendeinschätzung des UNODC.
Der überwiegende Teil des Anbaus, mit dessen Ertrag Afghanistan inzwischen mehr als 90 Prozent des Weltmarkts bedient, findet in Distrikten statt, in denen die Staatsmacht sowie die internationalen Truppen wenig Kontrolle ausüben und in Auseinandersetzungen mit den Taliban stehen. Die größten Zunahmen wurden in den Provinzen Nimroz, Kandahar, Urusgan, Farah, Badghis und Ghor festgestellt, die allesamt im Süden und im zunehmend instabilen Westen des Landes liegen.
„Massive Einkommensquelle“ für die Radikalislamisten
Afghanistan werde zu einem „geteilten Land mit klaren Drogen- und Aufstandsfronten“, sagte der Leiter der Behörde, Antonio Maria Costa, bei der Präsentation des „Afghanistan Opium Winter Survey“. Costa schätzt, dass der Opiumerlös den Taliban im Laufe des Jahres bis zu 100 Millionen Dollar in die Kriegskasse spülen wird. Dies bedeute eine „massive Einkommensquelle“ für die Radikalislamisten.
Die Landesteile, in denen halbwegs funktionierende staatliche Strukturen etabliert werden konnten, tragen inzwischen nicht einmal mehr ein Viertel zum Gesamtopiumanbau bei. Der Effekt trat ein, obwohl die Bundeswehr, die große Teile des Nordostens kommandiert, kein Mandat hat, um den Drogenanbau aktiv zurückzudrängen. Fachleute erklären die positive Entwicklung in den Gebieten des Nordostens mit einer besseren wirtschaftlichen Situation der Bauern sowie mit der besseren Durchsetzbarkeit staatlicher Antidrogenkampagnen.
Ertrag verdoppelte sich in den vergangenen vier Jahren
Als „beunruhigenden Trend“ verbuchen die Autoren der Studie den zunehmenden Anbau von Cannabis, das auf den Märkten als Haschisch oder Marihuana verkauft wird. Mit Anbauflächen, die mittlerweile auf 70.000 Hektar geschätzt werden und laut UNODC weiter wachsen werden, habe sich Afghanistan nun auch zum weltgrößten Anbieter von Cannabis entwickelt. Auch hier leisten die südlichen und westlichen Provinzen den überwiegenden Beitrag zur Gesamternte.
Die „Nationale Drogenkontrollstrategie“, die die Regierung von Hamid Karzai im Mai 2003 verabschiedet hatte, wollte den Opiumanbau innerhalb von vier Jahren um 70 Prozent zurückfahren und bis 2012 vollständig zum Erliegen bringen. Stattdessen verdoppelte sich der Ertrag in den vergangenen vier Jahren im Landesdurchschnitt. Seit dem Einmarsch der internationalen Truppen Ende 2001 hat sich die Produktion von Rohopium sogar beinahe verzwanzigfacht. Im vergangenen Jahr wurden aus Afghanistan mehr als 8200 Tonnen exportiert. Der Erlös wurde auf 3,1 Milliarden Dollar geschätzt, was fast der Hälfte des afghanischen Bruttosozialprodukts entspricht.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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