22.10.2008 · Es ist ein kleiner Schritt für die Raumfahrt, und womöglich nicht einmal ein großer für Indien: Delhi hat seine erste Mondmission gestartet. Doch die Finanzkrise stiehlt ihr die Schau. Die aufstrebende Nation ist unsicher geworden.
Von Jochen Buchsteiner, DelhiIndien hat an diesem Mittwoch seine erste Rakete Richtung Mond geschossen, bei einem Erfolg der Mission wird es sich zum Club der „großen Sechs“ zählen dürfen. Zumindest der Start der Sonde „Chandrayaan 1“ vom südindischen Weltraumbahnhof Satish Dhawan aus verlief planmäßig. Mit der Mission soll nachgeholt werden, was in den vergangenen fünfzig Jahren schon der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten, Europa, China und Japan gelungen ist, nämlich mit einem unbemannten Flugkörper eine Distanz von fast 400.000 Kilometern zu überwinden. Für die internationale Weltraumfahrt ist das Projekt „Chandrayaan 1“ ein eher kleiner Schritt – aber ist es womöglich ein großer für die Inder?
Viele glauben nicht daran. Fast wirkt es so, als verstecke sich das Land vor dem Ereignis, das vor fünf Jahren als nationales Projekt von historischen Proportionen angekündigt worden war. Die Zeitungen berichteten in den Tagen vor dem Countdown mehr über die Finanzkrise und die Garantien für Sparer, die auch hierzulande nötig wurden, als über die Mondmission. Und der wichtigste Ehrenplatz an der Abschussrampe bei Madras (Chennai) blieb unbesetzt: Ministerpräsident Manmohan Singh reist derzeit durch Japan und China.
Vom Siegesgeheul zum Absturzgefühl
Für Siegesgeheul ist in Indien derzeit kein Raum. Nach einer langen nationalen Party, deren Höhepunkt beim Weltwirtschaftstreffen in Davos mit Bollywood-Choreographien gefeiert wurde, ist Katerstimmung eingekehrt. Die Regierung muss die Wachstumsraten, die sich für alle Zeiten bei acht bis neun Prozent einzupegeln schienen, wöchentlich nach unten berichtigen. Der Sensex – Indiens „Dax“ – hat sich halbiert; an der „Dalal Street“ im Finanzviertel von Bombay (Mumbai) herrscht Panik. „Bad Times“ titelte das Magazin „India Today“ am Wochenende – „Schlechte Zeiten“. Und sein Wettbewerber „Outlook“ beschrieb die Stimmung der Nation als „Sinking Feeling“ – „Absturzgefühl“.
Einen weiteren Stimmungsdämpfer hat die unerwartete Vertreibung des „Nano“ versetzt, jenes Kleinwagens, mit dem Indiens Automobilindustrie Geschichte schreiben will. Die Zeitpläne, die vom indischen Star-Unternehmer Ratan Tata großspurig verkündigt wurden, sind Makulatur, seit die fast fertig gebaute Fertigungsstätte im kommunistisch regierten Westbengalen wegen taktischer Oppositionsproteste geschlossen werden musste. Nun soll der Nano im Bundesstaat Gujarat gebaut werden, aber dort wird er entsprechend später vom Band rollen – und vorerst die Erinnerung wachhalten, dass in Indien große Würfe allzu oft an kleinlicher Parteipolitik scheitern.
Allmählicher Entwurf eines realistischen Selbstbildes
Ein halbes Jahr vor den Wahlen beginnt sich das Land anzuschauen, wie es wirklich ist: kompliziert, verschroben, in sich gekehrt – und sehr arm. In der vergangenen Woche führte der „Global Hunger Index“ den Indern die gerne verdrängte Realität vor Augen. Mehr als 200 Millionen Bürger hungern, und fast jedes zweite Kind – 47 Prozent – ist unterernährt. Die Kindersterblichkeit ist höher als in Eritrea, und die Verhältnisse im Bundesstaat Madhya Pradesh, der bislang nicht als die dunkelste Stelle des „Armutsgürtels“ betrachtet wurde, ließen sich nur noch mit denen in Äthiopien oder in Tschad vergleichen, hieß es in der Studie.
„Etwas ist sehr schief gelaufen in der Art, wie wir uns als Land entwickeln“, schrieb die Publizistin Tavleen Singh am Sonntag und warf der Regierung vor, falsche Prioritäten zu setzen. Nicht nur sei der „Kampf gegen die Armut“ gescheitert, auch gegen die andere nationale Bedrohung – den Terrorismus – werde zu wenig unternommen. Denn auch dies gehört zu einem realistischen Bild des modernen Indien: Die Zahl der Bombenanschläge ist deutlich gestiegen. Im muslimischen Kaschmir und in den östlichen, von Maoisten bedrängten Bundesstaaten bekommt die Regierung die Lage nur noch schwer unter Kontrolle. Und in beunruhigender Weise hat die religiös motivierte Gewalt – vor allem gegen Christen – zugenommen.
Eine Nation auf dem Weg zur Weltmacht?
Wo ist die Regierung, wo Manmohan Singh?, wird immer lauter gefragt. So viele Entwicklungen laufen derzeit aus dem Ruder, aber der Steuermann schweigt. Erst Anfang der Woche äußerte sich der Ministerpräsident zusammenhängend zur Finanzkrise. Sein wichtigstes außenpolitisches Projekt – das „Nuklearabkommen“ mit Amerika – brachte er nur mit Hängen und Würgen über die Hürden; die späte Besiegelung hinterließ in Washington den Nachgeschmack, dass Indien ein schwer berechenbarer Partner sei. Von „Schockstarre an allen Fronten“ spricht ein Beobachter in Delhi.
In dieser Stimmung fällt es den Protagonisten des Mondabenteuers schwer, ihre Mission als weitere Etappe auf dem Weg zur neuen Weltmacht zu verteidigen. Hohler Prestige-Gewinn ist den meisten Indern zu wenig. Dass eine erfolgreiche Mondfahrt etwa den „Markenwert“ Indiens erhöhen würde, wird nur noch von Indern in die Debatte geworfen, die wie Amitabha Ghosh im fernen Amerika für die Nasa arbeiten.
„Die günstigste Mondmission aller Zeiten“
Weltraumfachleute in Indien argumentieren lieber erdnah und betonen die wissenschaftlichen und ökonomischen Chancen sowie das günstige Preis-Leistungs-Verhältnis. Allenthalben machen sie darauf aufmerksam, dass die Mission wertvolle Rohstoffe und Isotope auf dem Mond entdecken könnte. „Wenn es uns gelingen würde, auf dem Mond Helium 3 zu finden, könnten wir dies für unser Atomprogramm wirtschaftlich ausbeuten“, sagt der Vorsitzende der Indischen Organisation für Weltraumforschung (Isro), Madhavan Nair. Auch nach Uran und Thorium soll gesucht werden.
Die Skeptiker werden nicht begeistert, sondern beruhigt. Mit Entwicklungskosten in Höhe von 80 Millionen Dollar sei die indische Mondmission die preiswerteste aller Zeiten und verbrauche nur ein Tausendstel der jährlichen Steuereinnahmen, heißt es defensiv. Triumphgesänge klingen anders. Wenn in einigen Tagen die indische Flagge auf dem Mond gehisst wird, wird dies sicher als „indischer Erfolg“ gefeiert werden – aber als einer auf einem fernen Planeten.
Und Deutschland stockt die Entwicklungshilfe fuer Indien auf!
Gerd Bungartz (gerdbungartz)
- 21.10.2008, 20:15 Uhr
Falsche Prioritaeten?
Frank Geiser (geiser123)
- 22.10.2008, 08:50 Uhr
Ich bin entsetzt !
Bertram von Steuben (Elim_Garak)
- 22.10.2008, 10:01 Uhr
Entwicklungshilfe für eine Atommacht?!
Thomas Waßmann (thwassmann)
- 22.10.2008, 10:50 Uhr
Toll
Werner Neustock (altego)
- 22.10.2008, 11:46 Uhr
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
Jüngste Beiträge