Bis zu eine Million Zuschauer werden erwartet, wenn vom Raumbahnhof „Cape Canaveral“ aus zum letzten Mal ein Raumgleiter ins All geschossen wird: Nach dem Flug der „Atlantis“, der zwölf Tage dauern soll, wird die übriggebliebene Flotte der „Space Shuttle“ ins Museum kommen. So viele Menschen wie jetzt waren zuletzt vor 42 Jahren an die „Space Coast“ in Florida gekommen, um den Beginn eines bemannten Fluges ins Weltall zu sehen und zu hören. Damals, am 16. Juli 1969, stiegen die Astronauten Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Michael Collins mit einer „Saturn“-Rakete in den Himmel. Vier Tage später betraten zuerst Armstrong und dann Aldrin den Mond. Die amerikanische Flagge, die sie damals im „Meer der Stille“ in den Sandboden des Mondes rammten, steht noch heute dort. Tatsächlich ist die Mission der „Apollo 11“ weithin als jener „riesige Schritt für die Menschheit“ anerkannt, zu welcher Armstrong sie in jenem Moment ausrief, als er seinen Fuß auf den Boden des Mondes setzte.
Nach der Rückkehr der „Atlantis“ werden die Vereinigten Staaten zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert nicht mehr über ein Fluggerät verfügen, um einen Menschen ins Weltall zu bringen. In den kommenden Jahren müssen amerikanische Astronauten als zahlende Passagiere mit russischen Sojus-Raketen zur Internationalen Raumstation ISS fliegen – zu einem Ticketpreis von 50 Millionen Dollar je Person. Im Vergleich zu den Kosten der „Space Shuttle“ ist das ein Billigflug. Nach Angaben der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa schlägt der Flug eines Raumgleiters mit etwa 450 Millionen Dollar zu Buche, unabhängige Fachleute rechnen bis zu 1,5 Milliarden Dollar aus. Fast 210 Milliarden Dollar haben Entwicklung, Bau und Instandhaltung der Raumgleiterflotte seit dem Beginn der Mission unter Präsident Richard Nixon im Jahre 1969 verschlungen. In diesem Technologiewettbewerb zwischen Washington und Moskau hat das alte russische Konzept von Sojus-Einwegrakete und Raumkapsel das amerikanische Programm des wiederverwendbaren Raumgleiters deutlich geschlagen. Der wohl wichtigste Erfolg waren Transport und Wartung des Weltraumteleskops „Hubble“ von 1990 bis 2009.
Der Ehrgeiz kannte keine Grenzen
Aber nicht wegen der immensen Kosten muss das Projekt einer Art öffentlichen Personen- und Güterverkehrs in den erdnahen Orbit als gescheitert gelten. Als 1981 der erste Raumgleiter, auf die gewaltigen Antriebsmodule montiert, in den Himmel über Florida stieg, kannte der Ehrgeiz keine Grenzen. Von wöchentlichen Pendelflügen war die Rede. Bald sollten nicht nur ausgebildete Astronauten ins Weltall fliegen, auch ausgewählten Zivilpassagieren sollte ein Blick von 300 Kilometern Entfernung auf unseren Heimatplaneten gewährt werden. Doch die tragischen Verluste der Raumgleiter „Challenger“ 1986 und „Columbia“ 2003, bei denen 14 Menschen starben, machten die Träume zunichte. Nach insgesamt 135 Flügen wird die auf inzwischen drei flugfähige „Space Shuttle“ reduzierte Raumgleiterflotte außer Dienst gestellt.
Mit ihr endet vorerst auch die mit Steuergeldern finanzierte bemannte Raumfahrt in Amerika. Denn die tritt seit Armstrongs Menschheitssprung vor vier Jahrzehnten eigentlich auf der Stelle. Zwar haben die Präsidenten George W. Bush und Barack Obama den Willen bekräftigt, mit Astronauten zum Mond zurückzukehren und zum Mars zu fliegen. Doch dazu bräuchte es eine neue Trägerrakete und die dazugehörige Raumkapsel. Obama aber hat Bushs unrealistisches, weil unfinanzierbares „Constellation“-Programm richtigerweise verworfen. Die chinesischen „Taikonauten“ unserer Tage, womöglich bald indische Raumfahrer holen ohnedies nur nach, was Amerikaner und Russen schon im Kalten Krieg vollbracht haben.
Abschied nimmt von der kostspieligen gefährlichen Raumfahrt
Auf absehbare Zeit wird bemannte Raumfahrt in Amerika als privat finanzierter Abenteuerurlaub betrieben. Als Veranstalter für den Orbitausflug von 200.000 Dollar an stehen findige Unternehmer wie der Brite Richard Branson mit „Virgin Galactic“ und der Amerikaner Elon Musk mit „SpaceX“ bereit. Sie und andere Privatunternehmen übernehmen zudem gerne Frachtflüge zur ISS. Die Raumstation soll ihrerseits 2020 außer Dienst gestellt werden, und sie wird auch bis dahin die Kosten von inzwischen 100 Milliarden Dollar kaum rechtfertigen können.
Die Nasa aber befindet sich in einer ihrer schwersten Identitäts- und Existenzkrisen. Aus dieser kann sie nur herausfinden, wenn sie Abschied nimmt von der kostspieligen und trotz allen Fortschritts gefährlichen bemannten Raumfahrt. Dagegen mögen verdiente Astronauten protestieren. Doch warum Menschenleben riskieren, wo doch beim möglichen Verlust von Robotern und Computern, die die Erforschung des fernen Alls viel besser und zuverlässiger erledigen können als Menschen, keine Angehörigen trauern müssen? Der erdnahe Orbit gehört längst den etwa 3000 Satelliten, die das Leben von uns Menschen tiefgreifend verändert haben. Ins „tiefere“ All aber ist auch nach einem halben Jahrhundert bemannter Raumfahrt kein Mensch je vorgedrungen. Für den Fuß des Menschen bleibt es so fern wie die sagenhafte versunkene Insel Atlantis. Die Mission Atlantis ist eine Sache für den Kopf des Menschen, und der hat sich noch nie Grenzen setzen lassen.
Kostspielig (und gefährlich) bleibt es, wenn es die Beamtenschaft okkupiert ...
Alexander Fürstenberg (Alexander3000)
- 08.07.2011, 12:43 Uhr
Weltmacht: *1969 - 2011
Eduard Heindl (eduardheindl)
- 08.07.2011, 16:27 Uhr
To boldly go....
Thorsten Krings (thorstenkrings)
- 08.07.2011, 16:45 Uhr
Die Russen (werden) kommen
Sonja Domberga (sonjadomberga)
- 08.07.2011, 19:58 Uhr
Forscherdrang einer Weltmacht
Nikolaus Correll (nikolauscorrell)
- 11.07.2011, 09:25 Uhr
