22.02.2006 · Wo steckt Ratko Mladic? Berichte über die Festnahme des als Kriegsverbrecher gesuchten Serben wurden dementiert, sie steht aber möglicherweise bevor. Mladic kommandierte die Massenmörder von Srebrenica, die im Juli 1995 fast 8000 muslimische Männer erschossen.
Von Michael Martens, BelgradZunächst waren es nur Gerüchte. In Srebrenica sei etwas passiert, hörte man. Es war von Vermißten die Rede, von sehr vielen Vermißten. In den Tagen nach dem 11. Juli 1995 häuften sich die Zeitungsmeldungen mit unbestätigten Nachrichten von einem schrecklichen Verbrechen in Bosnien. Dann drang die Wahrheit ans Tageslicht. Sie war so grell, daß viele zunächst nicht daran glauben wollten - obwohl das, was in dem kleinen Städtchen im Osten Bosniens geschehen war, sich schon 1992, zu Beginn des Krieges mitten in Europa, auch in anderen bosnischen Orten ereignet hatte: Massenmord, systematische Massaker.
Fast 8000 muslimische Männer und Jungen wurden in den Tagen nach der Einnahme der Muslim-Enklave Srebrenica durch die bosnisch-serbischen Truppen am 11. Juli erschossen. Die Massenmörder standen unter dem Befehl eines gedrungenen Mannes aus einem Bergdorf in der Hercegovina. Die Belagerung von Sarajevo war sein Gesellenstück gewesen, in Srebrenica aber schuf Ratko Mladic, der Oberbefehlshaber der Armee der bosnischen Serben, sein verbrecherisches Hauptwerk.
Lehrstunde über die Banalität des Bösen
Es gibt Bilder von den Begleitumständen des Verbrechens: Ein serbischer Kameramann, der Mladics Triumph für die Nachwelt festhielt, hat sie aufgenommen. Der Film ist eine weitere Lehrstunde über die Banalität des Bösen: Er zeigt den General dabei, wie er muslimischen Kindern aus Srebrenica, deren Väter er in wenigen Stunden erschießen lassen wird, Schokolade schenkt und den Müttern gut zuredet.
Mladic war in Srebrenica auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Fernsehaufnahmen von damals lassen vermuten, daß er es genoß, wenn Menschen Todesangst vor ihm hatten. Er schien diese Art von Allmacht zu lieben. „Allah kann euch nicht helfen, aber Mladic“, sagt er an einer Stelle des Films zu einem Vertreter der gefangenen Bosniaken von Srebrenica. Zuvor, unmittelbar nach der Einnahme der Enklave, hatte er in einer der nun menschenleeren Straßen des gespenstisch wirkenden Städtchens dem Kameramann gesagt: „Hier sind wir, am 11. Juli 1995, im serbischen Srebrenica. Kurz vor einem großen serbischen Festtag übergeben wir dem serbischen Volk diese Stadt.... Die Zeit ist gekommen, an den Muslimen Rache zu nehmen.“
„Ein charismatischer Mörder“
Mal Gott, mal kleiner Mann, der nur sein Volk verteidigt und zufällig in die Geschichte eintrat - diese beiden Bilder vermittelte Mladic seiner Umgebung, und es scheint, als habe er an beide geglaubt. Richard Holbrooke, der Bosnien-Vermittler des amerikanischen Präsidenten Clinton, erinnert sich an eine düstere Verhandlung mit den Serbenführern Karadzic und Mladic in Belgrad. Mladic schildert er mit Worten, die überraschend ähnlich auch andere Zeitgenossen fanden, die ihm begegneten: „Hollywood könnte keinen überzeugenderen Darsteller für einen Kriegsverbrecher finden. Er - es gab keine bessere Bezeichnung dafür - brütete finster vor sich hin und versuchte, jeden einzelnen von uns in ein Blickduell zu verwickeln. Nichtsdestotrotz besaß er eine bezwingende Ausstrahlung, es war nicht schwer zu verstehen, warum seine Soldaten ihn verehrten. Er war...eine dieser furchtbaren Gestalten, die die Geschichte immer wieder hervorbringt: ein charismatischer Mörder.“
Als Holbrooke mit ernsthaften Konsequenzen drohte für den Fall, daß der serbische Vertreibungskrieg in Bosnien nicht aufhöre, spielte Mladic diese Rolle des charismatischen Verbrechers offenbar perfekt: Nicht einmal den Vereinigten Staaten werde es gelingen, den Kampfgeist der Serben zu brechen, konterte Mladic Holbrookes Drohungen. Die Serben würden „nicht einen Meter“ ihres „geheiligten“ Bodens aufgeben, warnte Mladic den Amerikaner.
Clausewitz als Vorbild
Züge von Größenwahn hatte Mladic schon früher gezeigt: Wenn die Nato Luftangriffe auf serbische Stellungen fliege, werde er London und Washington bombardieren, drohte er einmal. Wenn er seine Vorbilder als Krieger und Strategen nennt (Hannibal, Alexander den Großen, Carl von Clausewitz), darf man getrost annehmen, daß er sich mit ihnen auf gleicher Höhe wähnt. Daß er gegnerische Befehlshaber wie den Niederländer Karremans und sein in Srebrenica stationiertes UN-Schutzbataillon nicht achtete, war deshalb kein Wunder. Karremans, verängstigt und der sinistren Wirkung Mladics erlegen, hat eine unglückliche Figur gemacht bei der Einnahme von Srebrenica.
Auch das hat eine serbische Kamera festgehalten: Um Viertel nach vier am Nachmittag des 11. Juli kommt Mladic in die Stadt. Mehr als 20.000 Zivilisten haben sich in die umliegenden Fabrikgelände bei Potocari geflüchtet, nachdem die Holländer ihnen mitgeteilt haben, ihr Lager, in dem sie etwa 5000 Personen aufgenommen haben, sei nun voll.
Denkwürdiges Treffen
Um halb neun am Abend kommt es dann zu einem denkwürdigen Treffen von Mladic und Karremans. Es ergibt sich folgender Dialog: Mladic: „Sie haben also einen Befehl gegeben, daß Ihre Soldaten auf meine Soldaten schießen sollen und daß Nato-Flugzeuge meine Truppen und Stellungen beschießen sollen?“ Karremans (sichtlich eingeschüchtert): „Nein, nicht. Nochmals: Das wird nicht von mir entschieden.“ Mladic bietet Karremans eine Zigarette an. Der lehnt zunächst ab mit der Begründung, er habe in den vergangenen vierundzwanzig Stunden schon zuviel geraucht. Mladic, insistierend, scherzt: „Haben Sie keine Sorge, es wird nicht Ihre letzte Zigarette sein.“
Kurz vor Mitternacht kommt es zu einem anderen Treffen. Mladic diktiert einem Vertreter der eingeschlossenen bosnischen Muslime von Srebrenica seine Bedingungen, wieder vor der Kamera. Er sagt: „Bitte schreiben Sie folgendes: Erstens - Ihr müßt eure Waffen abgeben. Allen, die das tun, garantiere ich ihr Leben.“ Er diktiert weitere Punkte, fragt dann: „Haben Sie das verstanden? ...ihr müßt eure Waffen abgeben und euer Volk vor der Zerstörung bewahren.“ Und fügt hinzu: „Ich möchte euch helfen, aber ich möchte absolute Kooperation von der Zivilbevölkerung, denn eure Armee wurde geschlagen. Eure Leute müssen nicht sterben. Nicht eure Ehemänner oder eure Brüder oder eure Nachbarn.“
„Habt keine Angst“
Später kommt Mladic auch in das improvisierte Flüchtlingslager in Potocari. Über einen Zaun hinweg spricht er mit einigen Gefangenen. Er sichert ihnen zu, daß alle - „ob jung, ob alt“ - Transportmöglichkeiten aus der Enklave heraus erhalten würden. „Habt keine Angst. Nur langsam, zuerst Frauen und Kinder.“ Es kämen 30 Busse und brächten sie auf muslimisches Territorium, verspricht Mladic.
Tatsächlich kommen die von Mladic versprochenen Busse. Die Leute werden aussortiert. Die Männer durften nicht einsteigen, ihnen wurde befohlen, in umliegende Gebäude zu gehen und zu warten. Ein UN-Mitarbeiter erkundigt sich, was mit den Männern passieren solle. Die Serben sagen ihm, sie müßten überprüfen, ob Kriegsverbrecher unter ihnen seien. Innerhalb der nächsten 30 Stunden werden 23.000 Frauen und Kinder weggebracht. Karremans nennt das später angeblich „eine logistische Meisterleistung“. Die Vereinten Nationen bezahlen das Benzin.
„Auf ein langes Leben!“
Einige bosniakische Männer versuchen, über die bewaldeten Hügel in der Umgebung zu fliehen, um sich auf muslimisches Territorium zu retten. Viele kommen dabei um. Die Serben nehmen die Hügel unter Feuer, alle drei bis vier Meter stehen Soldaten und schießen in den Wald. Einige setzen Blauhelme auf und locken die Bosniaken zurück, indem sie vorgeben, UN-Soldaten zu sein.
Eine andere Aufnahme, sie wurde berühmt, zeigt Mladic und Karremans zusammen beim Trinken. Mladic sagt: „Hier sind die einzigen offiziellen Sprachen Serbisch und Englisch.“ Er bringt einen Toast aus: „Auf ein langes Leben!“
Nach dem Verbrechen liegt die schutzlose UN-Schutzzone verlassen da. Die holländischen Soldaten sind die einzigen verbliebenen Einwohner von Srebrenica. Sie gehen zunächst noch ihren Tätigkeiten nach, als habe sich nichts geändert. Manche Soldaten berichten später, wie absurd ihnen das vorgekommen sei. Am 21. Juli erlauben die Serben ihnen, das entvölkerte Srebrenica zu verlassen. Bei der Verabschiedung von Mladic und Karremans ist wieder eine Kamera dabei. Die Männer schütteln einander die Hände, der Holländer lächelt und sagt: „Vielen Dank.“ Mladic überreicht ihm zwei Geschenke „Für Sie und Ihre Frau.“ Die Andenken sind jeweils akkurat in Geschenkpapier verpackt, eine Flasche, wohl Schnaps, für Karremans und ein Geschenk, offenbar Pralinen, für die Gattin. Die Holländer verlassen die leere Stadt.
Weltversagen
Peter Freischlad (peterfreischlad)
- 22.02.2006, 14:04 Uhr
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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