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Raketenstreit Neue Zeichen der Entfremdung

16.03.2007 ·  Der Streit über den geplanten Raketenschutzschild der Amerikaner zeigt: Die militärischen Interessen diesseits und jenseits des Atlantiks liegen weit auseinander. Sie könnten den Zusammenhalt der Nato gefährden. Ein Kommentar von Berthold Kohler.

Von Berthold Kohler
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In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts brachten die Amerikaner den Russen mit Mühe den Gedanken nahe, dass die Sicherheit beider Nationen in ihrer Schutzlosigkeit begründet liege. Keine Nuklearmacht, so lautete die Grundannahme der Doktrin der „gegenseitig gesicherten Vernichtung“, werde einen Atomkrieg beginnen, wenn der unabänderlich zu ihrer eigenen Auslöschung führe.

Auch die Amerikaner fühlten sich nie wohl bei dem Gedanken, dass ihr Überleben fortan von der Vernunft anderer abhängen sollte. Doch das Sowjetregime erwies sich wenigstens in dieser Hinsicht als sehr vernünftig. Und eine wirkungsvolle Verteidigung gegen einen Schwarm anfliegender Atomraketen gab es nicht.

Weltuntergangsmaschinen auf beiden Seiten

Dieses Abschreckungsregime besteht bis heute zwischen Amerika und Russland fort, auch wenn es nach dem Ende des Kalten Krieges in den Hintergrund trat. Erst im Zuge der Debatte über die amerikanischen Pläne für eine begrenzte Raketenabwehr erinnerten die Russen wieder an ihre Weltuntergangsmaschinen. Moskau behauptet, die geplante Stationierung amerikanischer Anti-Raketen-Raketen in Ostmitteleuropa beeinträchtige das russische Abschreckungspotential, im Klartext also seine Fähigkeit, einen Atomschlag gegen Nordamerika oder Europa zu führen.

Dazu sind die angekündigten Abwehrsysteme freilich nicht in der Lage, weder von ihren technischen Fähigkeiten noch von ihrer Zahl her. Das weiß man in Moskau sehr wohl.

Keine Kompromisse bei Überlebensfragen

Amerika sieht sich mit neuen Gefahren konfrontiert, die durch die Weiterverbreitung der Nuklear- und Raketentechnik entstanden sind. Auf die Rationalität islamistischer Extremisten, die eines Tages auf die eine oder andere Weise in die Nähe eines Abschussknopfes gelangen könnten, wollen die Amerikaner sich nicht verlassen. Das muss all jenen in Europa, besonders auch in Berlin, klar sein, die nun zu glauben scheinen, man könne Washington schon von diesem Vorhaben abbringen, notfalls durch die bewährten Verschleppungsmechanismen in der Nato.

Der Direktor der amerikanischen Raketenabwehrbehörde verdeutlichte nun, dass Washington bereit ist, mit jedem über das Vorhaben zu sprechen, auch in der Nato - dass es aber keine Kompromisse eingehen werde, wenn es aus seiner Sicht um Überlebensfragen geht.

Das stellt mancher Kritiker des Projekts im „alten“ Europa schlicht in Abrede. Auch in der großen Koalition, vor allem auf Seiten der SPD, wird mehr Verständnis für die russische als für die amerikanische Argumentation gezeigt. Moskau hat den Hebel, der ihm auf dem Silbertablett serviert wird, schon dankend angenommen. Wieder offenbaren sich an den Ufern des Atlantiks fundamentale Anschauungs- und Interessenunterschiede. Sie kommen dem Maß nahe, das auf Dauer kein Bündnis aushält.

Quelle: F.A.Z., 16.03.2007, Nr. 64 / Seite 1
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