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Rachmat Akilow : Wer ist der Attentäter von Stockholm?

Diese Aufnahme aus einer Überwachungskamera zeigt Rachmat Akilow kurz nach dem Anschlag in der U-Bahn. Bild: AP

Der 39 Jahre alte Usbeke Rachmat Akilow hat den Anschlag in Stockholm gestanden. Im Internet äußerte er Sympathie für die Islamisten, doch der Geheimdienst stufte ihn nur als Randfigur ein. Ein fataler Fehler.

          Vier Tage nach dem Anschlag von Stockholm lässt sich ein einigermaßen genaues Bild des mutmaßlichen Haupttäters zeichnen. Der 39 Jahre alte Usbeke Rachmat Akilow hat die Tat gestanden. Die spärlichen Informationen, die die Ermittler über ihn herausgeben, werden von schwedischen Medien mit vielen Details ergänzt. Die Frage, warum ausgerechnet dieser Mann, einer von vielen zehntausend Migranten in Schweden, am 7. April vier unschuldige Menschen tötet und sein eigenes Leben ruiniert, als er mit einem gekaperten Lastwagen durch Stockholm rast, können auch all diese Details nicht beantworten. Aber sie geben eine Ahnung davon, wer dieser Rachmat Akilow ist.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Wann genau er seine Heimatstadt Samarkand im Südosten Usbekistans verlässt und sich auf den Weg nach Europa macht, ist nicht bekannt. Spätestens 2014 erreicht Akilow Schweden und schlägt sich als Bauarbeiter durch. Gemeldet ist er seit dem Frühjahr 2015 an einer Adresse im Norden Stockholms. Doch zuletzt lebt Akilow nicht mehr dort, wo die Behörden ihn vermuten. Tatsächlich wohnt er wohl in Vårberg, einem Vorort südwestlich von Stockholm. Dort soll er sich noch wenige Stunden vor dem Anschlag aufgehalten haben.

          Im Umgang mit Sprengstoff geschult

          Von schwedischen Medien befragte Nachbarn und Kollegen beschreiben Akilow als zurückhaltend, regelrecht zugeknöpft. Er habe kaum Schwedisch gesprochen, sei unpolitisch und „wenig religiös“, trinke und feiere sogar. Eine Bekannte sagt der Zeitung „Aftonbladet“: „Er spricht nie über Politik oder Religion. Er spricht nur darüber, wie er mehr Arbeit bekommen kann, so dass er seiner Familie mehr Geld schicken kann.“ Akilow hat vier Kinder – weder sie noch seine Frau leben in Schweden.

          Das klingt alles unverfänglich. Allein eine Aussage sticht heraus: Einem ehemaligen Arbeitgeber vertraut Akilow einmal an, dass er im Umgang mit Sprengstoff geschult sei.

          Offiziell bestätigt ist, dass Akilow 2014 eine ständige Aufenthaltsgenehmigung beantragt, die ihm zwei Jahre später, im Juni 2016, jedoch verwehrt wird. Nach unbestätigten Berichten behauptet er in seinem Asylantrag, er sei als Gegner des Regimes in Usbekistan neun Tage inhaftiert gewesen und misshandelt worden, aber freigekommen, nachdem sein Bruder den Sicherheitskräften zehntausend Dollar gezahlt hat. Die schwedischen Behörden glauben ihm nicht, weil ihnen die Angaben nicht detailliert genug sind, und weil Akilow versucht hat, unter falschem Namen einzureisen.

          Aktenkundig ist: Die Einwanderungsbehörde entscheidet, Akilow auszuweisen. Doch der taucht unter, wie Tausende weitere Migranten in Schweden, die sich ihrer Ausweisung widersetzen. Akilow soll abgeschoben werden, am 24. Februar schreibt die schwedische Polizei ihn zur Fahndung aus.

          Offiziell bestätigt ist auch, dass Akilow große Sympathien für extremistische Organisationen hegt, unter ihnen ist der „Islamische Staat“ (IS). Die Details liefern die Medien: Demnach drückt Akilow auf Facebook unter anderem ein Foto „Gefällt mir“, das blutende Opfer des Anschlags auf den Boston-Marathon im April 2013 zeigt. Er verlinkt auch selbst extremistische Videos und Bilder. Viele seiner Facebook-Kontakte sind augenscheinlich radikale Islamisten.

          Ende einer Entführungsfahrt: Der Lastwagen kommt in einem Kaufhaus zum Stehen.

          Akilow ist auch in einem russischen sozialen Netzwerk unterwegs. Dort steht er nach Angaben des öffentlich-rechtlichen Senders „Sveriges Radio“ in Kontakt mit Leuten, die ihrerseits mit IS-Sympathisanten und -Kämpfern verbunden sind. Viele seiner Kontakte gehören der Islamischen Bewegung Usbekistan (IBU) an, einer militant-islamistischen Organisation, die Ende der neunziger Jahre gegründet wurde und sich später mit Al Qaida und den Taliban verbündete. Eine Splittergruppe schloss sich 2015 dem IS an.

          Einer der letzten Beiträge Akilows auf der russischen Website ist laut Radio Schweden ein Gedicht über den Tod und das Leben danach. Der Autor träumt darin von den Verheißungen Gottes.

          Am 7. April, einem Freitag, schreitet Akilow zur Tat. Vor einem Restaurant in der Adolf Fredriks Kyrkogata in der Stockholmer Innenstadt stiehlt er einen Lastwagen einer bekannten schwedischen Brauerei. Der Fahrer liefert gerade Bier aus, er steht am Heck und will entladen, als Akilow ins Führerhaus springt und davonbraust. Der Fahrer versucht, den Lastwagen aufzuhalten, wird angefahren und leicht verletzt.

          Auf seiner Amokfahrt durch die beliebte Einkaufsstraße Drottninggatan tötet Akilow drei Frauen und einen Mann; er verletzt 15 weitere Menschen. Vor dem Kaufhaus Åhléns City kommt der Lastwagen zum Stehen. Auch Akilow wird leicht verletzt, doch er kann flüchten und eilt zur nächsten U-Bahn-Station. Dort fangen Überwachungskameras Bilder von ihm ein. Sie zeigen einen Mann mit schwarzer Hose, hellgrauem Pullover und einer dunkelgrau-grünlichen Jacke. Er hat sich die Kapuze über den Kopf gezogen.

          Eine fatale Fehleinschätzung

          Akilow fährt mit dem Flughafenexpress aus der Stadt heraus. Zwanzig Minuten später erreicht er Stockholms internationalen Flughafen Arlanda, wo er in einen Bus in die nahe Stadt Märsta umsteigt. Märsta liegt knapp 40 Kilometer nördlich des Stadtzentrums von Stockholm. Die Polizei fasst ihn noch am Freitagabend. Aber das ist wohl Zufall.

          Wenn es stimmt, was die Medien berichten, sitzt Akilow hinter dem Steuer eines weißen Lieferwagens, als Polizisten ihn festnehmen. An einer Tankstelle soll er sich so auffällig verhalten haben, dass das Personal misstrauisch wird und die Polizei ruft.

          Der Festgenommene ist dem schwedischen Geheimdienst Säpo schon bekannt. Erst vergangenes Jahr wurde die Behörde gewarnt, dass Akilow ein Sicherheitsrisiko sein könnte. Nach Medienberichten geht es um einen Fall von Geldwäsche zur Finanzierung des IS. Der Geheimdienst untersucht die Information, kann sie aber nicht bestätigen. Er hält Akilow für eine Randfigur in Extremistenkreisen. Das ist, wie sich nun herausstellt, eine fatale Fehleinschätzung.

          Mehrere Zeitungen wollen wissen, dass Akilow den Anschlag in Stockholm schon nach seiner Festnahme am Freitagabend umgehend gesteht. Den Ermittlern sagt er demnach, dass er „die Ungläubigen niedergemäht“ und sein Ziel erreicht habe. Er sei zufrieden. Laut der Zeitung „Aftonbladet“ sagt Akilow auch, er habe auf Anweisung des IS gehandelt. Sein Ziel sei gewesen, „die Bombardierung Syriens“ zu beenden.

          Später, im Gefängnis, drängt Akilow seinen vom Staat bestellten Pflichtverteidiger dazu, das Mandat abzugeben. Akilow verlangt, von einem sunnitischen Muslim vertreten zu werden, denn nur so könne er sich optimal verteidigen. Doch das Gericht lehnt das ab. Der Richter entscheidet, dafür gebe es „keine ausreichende Begründung“.

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