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Putschversuch in der Türkei : „Sie wollen Panik im Volk schüren, das ist doch klar“

  • -Aktualisiert am

Am Eingang der Bosporus-Brücke in Istanbul suchen Menschen in der Nacht Schutz, als Kampfflugzeuge über ihre Köpfe donnern. Bild: AFP

Panzer auf den Straßen, Kampfflugzeuge über dem Bosporus: Die Nacht des Putschversuchs gegen Erdogan verstört Istanbul bis ins Mark. Und nicht wenige in der Stadt bezweifeln, dass die Aktion ausschließlich vom Militär ausging.

          Gegen halb vier Uhr morgens scheint der Spuk zumindest in Istanbul fürs Erste vorbei, als doch noch einmal Chaos ausbricht. Am Taksim-Platz haben sich gerade die letzten Soldaten, die hier noch die Stellung hielten, in den Gewahrsam der bereitstehenden Polizisten begeben. Während sie von den schwer bewaffneten Beamten in gepanzerte Einsatzwagen geschoben werden, drängeln sich Demonstranten um sie, johlen, filmen mit ihren Smartphones, schimpfen und schubsen. Die Polizisten brüllen in die Menge, ermahnen alle, den Ort des Geschehens zu verlassen, jemand feuert Warnschüsse in die Luft, als plötzlich Kampfjets im Tiefflug über den Platz jagen und ohrenbetäubender Explosionslärm ertönt.

          Menschen schreien, rennen panisch in unterschiedliche Richtungen, einige stolpern oder werfen sich auf den Boden und werden von Wildfremden hochgerissen und weiter mitgezogen. Viele suchen Unterschlupf in nahegelegenen Hauseingängen oder Seitenstraßen, als abermals direkt über den Köpfen der Flüchtenden Explosionsgeräusche erschallen. Es dauert einige Momente, bis klar wird, dass es sich nicht um Bombenexplosionen handelt, sondern um die Überschallknalle der Düsenjets. Nicht alle lassen sich schnell beruhigen. In einem Hauseingang sitzt eine zitternde, schluchzende Frau, Passanten ziehen sie mit sich. „Bloß weg von hier, wer weiß, wann sie die echten Bomben auffahren“, sagt jemand.

          Niemand weiß, was genau gerade passiert

          Rund fünf Stunden zuvor breiten sich langsam Angst und Verwirrung im Land aus. Die Meldungen über den Putschversuch sind unübersichtlich und widersprüchlich, soziale Medien praktisch unerreichbar und der Staatssender TRT kurzzeitig ganz außer Betrieb. Später werden dort die Verlautbarungen der Putschisten verlesen, die den Sender besetzt haben. Ehe die Menschen wissen, wie ihnen geschieht, ist von Ausgangssperren und Ausnahmezustand die Rede, während gleichzeitig die Regierung das Volk ermahnt, gegen den Putschversuch auf die Straße zu ziehen und zu demonstrieren.

          Putschisten in der Türkei : Wie Soldaten ein TV-Studio gestürmt haben

          Während aus den urbanen Gegenden Istanbuls Bilder erscheinen, die Menschenschlangen vor Geldautomaten zeigen, gehen die Menschen in Balat, einem unweit des Zentrums auf der historischen Halbinsel gelegenem Viertel, Vorräte einkaufen. Bäcker legen Sonderschichten ein, ältere Frauen und ganze Familien stehen gegen zwei Uhr nachts vor den Geschäften Schlange, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. „Wir kommen uns ein wenig komisch dabei vor“, sagt ein junges Ehepaar vor einer Bäckerei, „aber wir haben uns angestellt, weil die Älteren das auch tun. Die haben ja immerhin schon ein, zwei Putsche erlebt.“ Eine ältere Frau weiter hinten in der Schlange sagt, sie wolle nicht, dass ihre Enkel am nächsten Tag Hunger leiden müssten, falls die Geschäfte geschlossen bleiben sollten. Die Stimmung ist gereizt. Im Laden des Gemüsehändlers ein paar Häuser weiter läuft der Fernseher mit den aktuellen Bildern aus Ankara und Istanbul, doch wer sich davor stellt, um die Nachrichten zu verfolgen, wird vom Händler verscheucht.

          Putschversuch in der Türkei : Dramatische Nacht mit vielen Toten

          Es ist gerade halb zwei, als die Rufe der Muezzine von nah und fern ertönen. Gebetszeit ist es nicht, es sind Aufrufe an die Frommen unter den Anhängern Erdogans, auf die Straßen zu gehen, um gegen den versuchten Umsturz seiner Regierung zu demonstrieren.

          Statt Autolärm nur das Dröhnen von Hubschraubern

          Wer diesem Ruf folgen oder zumindest mit eigenen Augen sehen will, was an den Versammlungsorten rund um den Taksim-Platz los ist, hat es nicht leicht. Die Straßen sind so leer wie sonst nie und nirgends in Istanbul. Statt Autolärm hört man das Dröhnen von Hubschraubern, die über das Wasser kreisen. Auch wer doch eines der wenigen Taxi ergattert, die in Richtung Zentrum fahren, kommt nicht weit. Auf der Atatürk-Brücke, die über die Bucht des Goldenen Horns in Richtung Beyoglu führt, blockieren sich Panzer und mehrere Einsatzwagen der Polizei gegenseitig. Autos kommen nicht durch. Ein überreizter Polizist, der auf die nahenden Fahrzeuge zuläuft und waffenfuchtelnd auf die Fahrer einbrüllt, sorgt dafür, dass auch wirklich niemand versucht, sich an den Panzerfahrzeugen vorbeizuschlängeln. „Wenn du auch nur einen Zentimeter weiterfährst, schieße ich,“ ruft er in die Autofenster hinein. Die wenigen Taxifahrer auf der Brücke werfen ihre Passagiere aus ihren Autos und stoppen die Motoren.

          Der türkische Präsident Erdogan am Samstag während einer Pressekonferenz in Istanbul
          Der türkische Präsident Erdogan am Samstag während einer Pressekonferenz in Istanbul : Bild: AP

          Also zu Fuß weiter. Wer umdreht, um dem aggressiven Polizisten aus dem Weg zu gehen, läuft einem schwer bewaffneten Soldaten in die Arme, einem kräftigen Mann um die 30, mit Brille und ängstlichem Blick. Er ruft den Polizisten zu, sie mögen doch bitte den Weg freimachen, er und seine Kollegen wollten einfach nur zurück in ihre Kaserne. „Klar könnt ihr zurück“, brüllt der Beamte zurück, „wir sind ja schließlich nicht im Krieg!“ Ein kleiner Demonstrationszug aus überwiegend jungen, fahnenschwenkenden Menschen läuft indes aus Richtung Zentrum in den Stadtteil Fatih hinein. Wo es hingehe, wüssten sie nicht genau, sagen zwei junge Mädchen in Shorts. Sie würden einfach den anderen Demonstranten folgen. Außerdem hätten sie gehört, dass es im nahegelegenen Viertel Vezneciler Zusammenstöße und Verletzte gegeben habe.

          Gerüchte, dass Erdogan den Putsch selbst inszeniert hat

          Auch in Richtung Taksim geht es zu Fuß unbehelligt weiter. In den Hotellobbys im ehemaligen Nobelviertel Pera und in den wenigen geöffneten Bars in der Gegend scharen sich Gäste und Mitarbeiter um die Fernseher, die live von den Zusammenstößen auf den Straßen Ankaras und Istanbuls berichten. Immer wieder hört man Menschen darüber diskutieren, dass die Bilder von den Demonstranten, die auf Panzer klettern, zu perfekt inszeniert wirken, dass Staatspräsident Erdogan, der von einem sicheren Ort aus das Volk zum Marsch auf die Straßen aufruft, zu gut vorbereitet wirkt. „Das ist doch alles geplant, und morgen ist der Putsch dann vorbei und er führt das Präsidialsystem ein“, ruft ein Kellner in einer Hotelbar und klingt dabei ganz ähnlich wie ein Künstler in einem Café nur ein paar Häuser weiter.

          Soldaten stehen am Samstag auf dem Taksim-Platz in Istanbul Wache
          Soldaten stehen am Samstag auf dem Taksim-Platz in Istanbul Wache : Bild: dpa

          Die Straßen sind fast menschenleer, sämtliche Lokale auf der sonst zu jeder Tages- und Nachtzeit belebten Istiklal-Meile haben geschlossen. Mitten in die an diesem Ort so ungewohnte Stille hinein ertönen lautstarke „Allahu-Akbar“-Rufe. Gruppen von aufgeputscht wirkenden Demonstranten schwenken Flaggen mit drei weißen Mondsicheln auf rotem Grund. Es ist die Flagge der ultranationalistischen Oppositionspartei MHP, die zu den schärfsten Gegnern von Erdogans AKP gehört. Ob sich die MHP-Anhänger über den Putschversuch freuen oder aus Sorge auf der Straße sind und religiöse Parolen skandieren, bleibt so unklar wie vieles in dieser Nacht. Eine konkrete Antwort bekommt man von ihnen nicht.

          Vielerorts nur Entsetzen über den Putschversuch

          Auf dem Taksim-Platz sind gegen drei Uhr nachts nur noch knapp hundert Demonstranten vor Ort. Die meisten unter ihnen scheinen entsetzt über den Putschversuch. „Niemand, der auch nur ein wenig Verstand hat und sich an den letzten Putsch erinnert oder davon gehört hat, kann doch ernsthaft glauben, dass das eine gute Idee ist“, sagt Gewerkschafter Vedat Kiynak, der die Auseinandersetzung zwischen den Sicherheitskräften und den Soldaten auf dem Platz schon seit Stunden aus sicherer Entfernung beobachtet. Ob man für oder Erdogan sei, spiele keine Rolle, sagt ein anderer, niemand könne wollen, dass diese Konfrontation eskaliere. Es sei zum Glück offensichtlich, dass der Putschversuch nur von einer Minderheit innerhalb des Militärs gesteuert werde. Generalstabschaf Hulusi Akar sei schließlich selbst eine Geisel der Putschisten. Alleine hier am Taksim-Platz habe sich gezeigt, dass die überwiegende Mehrzahl der Soldaten nicht hinter den Umsturzplänen stehe, deshalb seien ja nur noch so wenige hier: „Diese armen Jungs haben sich von irgendeinem Leutnant das Gehirn waschen lassen, jetzt stecken sie hier fest.“

          Auf den Straßen von Istanbul können auch am Samstagvormittag viele Menschen noch nicht fassen, was sich in den Stunden zuvor ereignet hat
          Auf den Straßen von Istanbul können auch am Samstagvormittag viele Menschen noch nicht fassen, was sich in den Stunden zuvor ereignet hat : Bild: AFP

          Tatsächlich liefern sie ein seltsames Schauspiel, die rund 30 jungen Soldaten, die das in der Mitte des Platzes stehende Denkmal des Staatsgründers Atatürk umzingelt haben, als müssten sie dieses Symbol mit aller Macht verteidigen. Viele der Demonstranten, die trotz der Warnschüsse und den Zusammenstößen in den Stunden zuvor noch immer hier sind, buhen sie aus oder versuchen mit ihnen zu diskutieren. Später machen Fotos aus verschiedenen Landesteilen den Umlauf, auf denen zu sehen ist, wie junge Soldaten von Demonstranten überwältigt und verprügelt werden.

          Was schließlich zu dem Sinneswandel der Soldaten am Taksim-Platz führt, wird nicht ersichtlich, doch auf einmal lösen sie sich von dem Denkmal, gehen mit gesenkten Waffen auf die Polizisten zu und lassen sich festnehmen.

          Eine Stadt im Chaos

          Warum die Kampfjets genau in diesem Moment so niedrig über den Platz düsen, wer dazu die Order gegeben hat und ob der nervenaufreibende Überschalllärm gewollt ist, bleibt offen. „Sie wollen Panik im Volk schüren, das ist doch klar“, sagt ein junger Mann, der gemeinsam mit ein paar anderen kurz in einer Seitengasse verschnauft und gleich darauf wieder zusammenzuckt, weil es wieder tosend knallt.

          Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan protestieren gegen den versuchten Militärputsch. (16.7.2016) Bilderstrecke
          Bilder aus der Putsch-Nacht : Soldaten, Panzer und Demonstranten auf den Straßen

          Zur selben Zeit, in der sich die Menschen rund um den Taksim-Platz in die Sicherheit ihrer Wohnungen durchzuschlagen versuchen, landet Staatspräsident Erdogan auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul und spricht zum Volk. Der Putschversuch sei gescheitert, verkündet er, die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen werden. Gleichzeitig ermahnt er seine Untertanen: Die Bürger dürften „die Straßen und Plätze des Landes“ nicht verlassen, bis sich die Lage völlig normalisiert habe.

          „Ich frage mich, wie die Syrer das aushalten“

          Die meisten Bürger wollen sich aber erst einmal von dem Chaos der vergangenen Nacht erholen. Zurück in Balat sitzen in einem der Cafés im Viertel noch um 5 Uhr früh die selben Besucher, die hier auch schon um Mitternacht die Nachrichten verfolgt haben. Der Café-Inhaber hat gerade Suppe für seine übernächtigten Gäste liefern lassen, aus der Ferne hört man noch immer den Überschallknall der Kampfjets. Ein junger Mann am Computer unterbricht sein Tippen, seine Hände zittern. „Ich frage mich, wie die Syrer das aushalten“, sagt er. „Das sind noch nicht mal echte Explosionen und ich kann jetzt schon nicht mehr.“ Sein Bekannter wendet ein, dass es ja durchaus auch echte Tote gegeben habe, er selbst sei gerade noch Verletzten begegnet.

          Tatsächlich spricht das Militär schließlich von 194 Toten, genauere Informationen fehlen aber auch hierzu. In Istanbul hört man noch gegen 7.30 Uhr Schüsse. Danach ist es auf einmal seltsam still.

          Quelle: FAZ.NET

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