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Putin und Medwedjew Männerfreunde entfremden sich

 ·  Die Zeit der Einigkeit ist vorbei: Russlands Präsident Wladimir Putin und sein Vorgänger Dmitrij Medwedjew streiten sich über den russisch-georgischen Krieg, der vor vier Jahren begann.

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© dapd Die Uhren ticken nicht mehr gleich: Wladmir Putin (links) und Dmitrij Medwedjew

Als Dmitrij Medwedjew vor einem Jahr auf die Bewerbung um eine zweite Amtszeit als russischer Präsident verzichtete und seinem politischen Mentor Wladimir Putin - damals Ministerpräsident - den Vortritt ließ, der zum dritten Mal in den Kreml strebte, enttäuschte Medwedjew den ohnehin immer kleiner werdenden Kreis seiner Anhänger. Diese hatten gehofft, dass Medwedjew seine Reformversprechen in einer zweiten Amtszeit als Präsident einlösen werde. Die Auguren sagten damals vorher, dass das Tauschgeschäft, zu dem sich Medwedjew damals verstand, vielleicht verstehen musste, nicht aufgehen werde. Medwedjew, der nach einer Abmachung mit Putin das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen sollte, werde bei der erstbesten Gelegenheit abserviert. Jetzt wird in Moskau gerätselt, ob dieser Augenblick bereits gekommen sei. Denn ehemals wichtige Generäle, darunter ein früherer Generalstabschef, äußerten sich in einem Film aus Anlass des vierten Jahrestages des russisch-georgischen Kriegs vom August 2008 in offener Abscheu gegen den damaligen Oberbefehlshaber und heutigen Ministerpräsidenten Medwedjew, und Putin bot nur Halbherziges und Mehrdeutiges auf, um seinen Zögling und „politischen Männerfreund“ in Schutz zu nehmen.

Die längere Fassung des Dokumentarfilms über den Kriegsausbruch hieß „Ein verlorener Tag“. Die Kurzfassung kursierte im Internet unter dem Titel „Die Feigheit Medwedjews kostete 1000 Menschen das Leben“. Die Quintessenz beider Versionen bestand in der Behauptung, Medwedjew habe zu lange gezögert, bevor er - am 8. August, etwa um vier Uhr morgens - den Befehl zur Intervention regulärer Truppen der Russischen Föderation in Südossetien, das zu diesem Zeitpunkt nach dem Völkerrecht noch immer Teil des georgischen Staates war, erteilte. Das war mehrere Stunden nachdem georgische Truppen die Hauptstadt der südossetischen Separatisten, Zchinwali, nach tagelangen Scharmützeln mit ossetischen Freischärlermilizen in einem Großangriff unter ihre Kontrolle zu bringen suchten.

Unentschlossenheit habe viele Opfer gekostet

Der ehemalige Generalstabschef der russischen Streitkräfte Jurij Balujewskij kritisierte im Film Medwedjew wegen dessen Unentschlossenheit, die viele Opfer gekostet habe, bevor er zum springenden Punkt kam. Nur Putins (verbale) Fußtritte in einen bestimmten Körperteil - verabreicht durch das Telefon - hätten der allerhöchsten Führung in Moskau (sprich: dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte und Präsidenten Medwedjew) Beine gemacht, meinte Balujewskij. Medwedjew befand sich damals im Urlaub außerhalb Moskaus; Putin war bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking. Jetzt zu den Vorgängen von damals befragt, meinte Putin, dass die Entscheidung zum Einsatz regulärer Truppen einerseits immer reifliche Überlegung erfordere, aber auch, dass es nicht nur um einen Tag Verzögerung gegangen sei, wie der Film behauptete, sondern um drei Tage, weil die heftigen Kämpfe in Südossetien bereits früher begonnen hätten. „Drei Tage haben sie nachgedacht“, sagte Putin. Im Grunde schloss er sich den Vorwürfen der Generäle damit an. Ob bei seinen Telefonaten mit Medwedjew und Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow am 7. und 8. August über den Einsatz der russischen Armee in Südossetien gesprochen worden sei, ließ Putin jedoch offen.

Medwedjew suchte in den vergangenen Jahren den Eindruck zu erwecken, dass er zu harten und schnellen Entschlüssen fähig sei. Die Selbstdarstellung als siegreicher Feldherr in Südossetien, der die Entscheidung über Krieg und Frieden ohne seinen Mentor Putin getroffen habe und damit allein für die Festigung der russischen Machtstellung im Kaukasus gesorgt habe, war Teil einer Strategie, die Bevölkerung und die politische Elite für sich einzunehmen. Vor einem Jahr meinte Medwedjew, er habe wegen des Kriegs erst mit Putin in Peking telefoniert, nachdem er selbst im Alleingang alle notwendigen Entscheidungen getroffen habe. Jetzt wiederholte Medwedjew diese Version. Um sich gegen die Vorwürfe des früheren Generalstabschefs Balujewskij, den er zwei Monate vor dem Krieg in den Sicherheitsrat weggelobt hatte, und die Desavouierung durch „Männerfreund“ Putin zu wehren, nahm Medwedjew nun in einer Erwiderung gegen die Vorwürfe für sich in Anspruch, er habe nicht schneller handeln können als am 8. April in der Frühe, weil erst habe überprüft werden müssen, ob die Berichte vom Abend des 7. August über das Ausmaß der Kämpfe und die Tötung von Soldaten der russischen Friedenstruppe in Südossetien der Wahrheit entsprächen. Wer anderes behaupte, verfälsche den Hergang der Ereignisse.

Kritische Fragen nach der Ernsthaftigkeit

Die Politikwissenschaftlerin und führende Eliteforscherin Russlands, Olga Kryschtanowskaja, meinte zu dem Dissens zwischen den „Männerfreunden“, dass Medwedjew, der als Putins Schutzbefohlener früher gegen Angriffe abgeschirmt worden sei, diesen Schutz wohl verloren habe. Die öffentliche Meinung werde auf einen grundlegenden Wandel im Verhältnis zu Medwedjew vorbereitet. Andere russische Beobachter vermuteten, der Film sei eine Auftragsarbeit mit dem Ziel gewesen, die Falken, vor allem die „Silowiki“ - Uniformträger oder ehemalige Angehörige von Geheimdiensten, Polizei und Militär -, zu stärken und die Gemäßigten im herrschenden Lager, an deren Spitze Medwedjew stehe, zu schwächen.

Im innerrussischen Zank erwähnte Putin, dass vom russischen Generalstab an der Wende 2006/2007 ein Plan zur Abwehr eines möglichen Angriffs aus Tiflis gegen die Separatisten ausgearbeitet worden sei, den er als Präsident bestätigt habe. Teil dieses Plans sei gewesen, südossetische Milizen von russischem Militär ausbilden zu lassen. Das habe sich am Beginn des Krieges bewährt, bis russische Truppen eingerückt seien. Aus georgischer Sicht zeigt das jedoch, dass Russland schon länger vorhatte, in einem fremden Staat einzugreifen, und zweitens, dass die südossetischen Milizen, die im Juli und Anfang August georgische Dörfer in Südossetien beschossen, die Auseinandersetzungen dadurch eskalierten und schließlich den Großangriff georgischen Militärs provozierten, an der Leine Moskaus liefen. Das wirft nicht nur kritische Fragen nach der Ernsthaftigkeit angeblicher russischer Bemühungen zur Deeskalierung unmittelbar vor dem Kriegsausbruch auf, sondern auch nach Russlands Rolle als „Friedensstifter“, der seit Jahren ein Kontingent von Friedenstruppen in Südossetien unterhielt. Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili, der fast gestürzt worden wäre, weil ihm vorgeworfen wurde, dass er vor vier Jahren mit dem Angriff gegen Zchinwali in die russische Falle getappt sei und Südossetien endgültig verspielt habe, kann aufatmen. Denn die russischen „Enthüllungen“ dürften die Aussichten seiner Partei steigern, in der Parlamentswahl im Oktober eine satte Mehrheit zu gewinnen. Das wäre die Voraussetzung, dass Saakaschwili, dann als Ministerpräsident, weiter Georgiens starker Mann bleiben kann.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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