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Putin : An der unsichtbaren Front

Putins neue Atomrakete - präsentiert vom russischen Fernsehen Bild: AP

Rechtzeitig vor der Präsidentenwahl präsentiert Putin Wundernuklearwaffen, die das Gleichgewicht des Schreckens bewahren sollen. Moskaus digitale Aufrüstung aber stellt eine neue strategische Bedrohung dar, auf die der Westen noch keine wirkungsvolle Antwort gefunden hat.

          Mächtige Atomraketen, nukleare Wundertorpedos, unaufhaltsame Marschflugkörper – Wladimir Putin fährt im sogenannten Präsidentenwahlkampf alles auf, was das von der Sehnsucht nach imperialer Größe durchströmte russische Herz höher schlagen lässt. Der Kreml stellt die nuklearstrategische Aufrüstung als Reaktion auf amerikanische Schritte dar. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Von Anfang an fürchteten die Russen, der unter Obama vorangetriebenen Aufbau eines Abwehrsystems gegen – einzelne – iranische und möglicherweise nordkoreanische Atomraketen werde ihre nukleare Zweitschlagkapazität entwerten. An der dürfen aber nach den in den sechziger Jahren von den Amerikanern formulierten und den Russen mühsam beigebrachten Regeln der nuklearen Abschreckung niemals Zweifel entstehen.

          Trumps abenteuerliche Ahnungslosigkeit („Warum nutzen wir unsere Atomwaffen nicht, wenn wir sie doch haben?“) und der Befehl, kleinere, „einsetzbare“ Sprengköpfe zu bauen, mussten Moskaus Paranoia weiter anheizen. Freilich ist auch der Kreml nicht die bedrohte Unschuld, als die er sich präsentiert. Das zeigen schon die russischen Aktivitäten bei den vertraglich verbotenen Mittelstreckenraketen.

          Noch deutlicher aber macht das der Cyberkrieg, den Moskau seit Jahren plant, probt, führt und perfektioniert. Der Abschuss digitaler Serverknacker ist auf keinem Radarschirm zu erkennen. Die Bataillone, die Putin an die unsichtbare Front schickt, für die er ausgebildet wurde, marschieren in keiner Militärparade mit. Aber sie existieren, sie wachsen und sie werden wie die nuklearen Raketeneinheiten letztlich vom Kreml befehligt.

          Auf diese neue strategische Bedrohung hat der Westen noch immer keine wirkungsvolle Antwort gefunden. Die deutsche Linke regt sich nicht über den digitalen Einmarsch in das Regierungs- und Parlamentsnetz auf, sondern darüber, dass das Kontrollgremium nicht früher informiert worden sei. Vielleicht waren es ja auch nur ein paar Kids in einem Moskauer Keller, die ihren patriotischen Gefühlen freien Lauf ließen? Also ungefähr so wie die „grünen Männchen“ auf der Krim? Dieser Illusion würden sich in Deutschland viele liebend gern hingeben. Wer aber die Cyberangriffe stoppen will, der sollte sich noch einmal mit den Theorien der Abschreckung beschäftigen. Die Überlegungen zum „Gleichgewicht des Schreckens“ lassen sich auch auf digitale Schlachtfelder übertragen.

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