10.10.2006 · An diesem Dientag weilt Wladimir Putin für den „Petersburger Dialog“ in Dresden - für den russischen Präsidenten so etwas wie „eine Rückkehr nach Hause“. Denn fünf Jahre arbeitete Putin dort als KGB-Agent. Über „Wolodja“ gibt es wilde Spekulationen.
Von Reiner Burger, Dresden„Es ist auch eine Rückkehr nach Hause“, sagte Wladimir Putin, als er vor fast genau fünf Jahren das erste Mal als russischer Präsident wieder nach Dresden kam. An diesem Dienstag ist Putin nun abermals Gast in der sächsischen Landeshauptstadt - diesmal aus Anlaß des „Petersburger Dialogs“.
Die regelmäßigen deutsch-russischen Gipfeltreffen gehen auf eine Idee Putins und des früheren Bundeskanzlers Schröder (SPD) zurück. In diesem Jahr wollen sich die beiden Seiten unter anderem mit Themen wie Terrorismus, Energieversorgung, Denkmalschutz und den Beziehungen zwischen Rußland und der EU befassen.
Durchschnittliche KGB-Karriere
Über Putins Dresdner Zeit von Mitte 1985 bis Anfang 1990 als KGB-Mann gibt es einige wilde Spekulationen. So hieß es eine Zeitlang, Putin habe für den GRU, den Aufklärungsdienst des Generalstabs, spioniert, auch habe er das sowjetische Spionagenetz in der Bundesrepublik gesteuert, schließlich sei er womöglich Teil der Operation Lutsch gewesen, mit der der KGB die SED ausspionierte.
Ein ehemaliger KGB-Oberst hat diese Vermutungen vor zwei Jahren ins Reich der Legenden verwiesen. Wolodja, so der Kosename Putins, sei zwar ein intelligenter, überaus fleißiger Mitarbeiter des Geheimdiensts gewesen, jedoch gewiß kein „Super-Spion“. Tatsächlich vermittelt Putins KGB-Biographie eher das Bild einer durchschnittlichen Karriere.
Überwachen und Spionage betreiben
Wie allen Bezirksverwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit war auch der Dresdner Stasi-Zentrale ein KGB-Büro zugeordnet. Die sowjetischen Dienststellen hatten die Aufgabe, den Kontakt zur örtlichen Stasi aufrechtzuerhalten, die Freunde vom sozialistischen Spitzeldienst dabei in gewissem Rahmen zu überwachen und (trotz anderslautender Abmachungen) selbst Spionage zu treiben.
Besonders interessiert beobachteten die KGB-Leute angeblich das Institut des Physikers Manfred von Ardenne im Dresdner Stadtteil „Weißer Hirsch“. Eine weitere zentrale Aufgabe für Putin und seine Kollegen war es, wissenschaftliche, technische und politische Informationen aus der Bundesrepublik und der Nato zu sammeln. Zu diesem Zweck überprüften die KGB-Leute unter anderem westdeutsche Dresden-Besucher.
Lob für Kinderbetreuung zu DDR-Zeiten
Für die Putins war die Versetzung nach Dresden ein privates Glück. Endlich bekam die junge Familie eine eigene Wohnung. In Leningrad hatte Putin mit seiner Frau und seiner ersten Tochter Marija in unglaublich beengten Verhältnissen zusammen mit seinen Eltern gelebt. Die Drei-Zimmer-Wohnung am Rande der Dresdner Heide muß der Familie wie ein großes Privileg erschienen sein.
Daß Putins gute Erinnerungen an ihre Zeit in Deutschland haben, wurde erst vor wenigen Tagen deutlich, als sich Ljudmilja Putina, die Ehefrau des russischen Präsidenten, in einem Interview mit der „Komsomolskaja prawda“ lobend über die Kinderbetreuung zu DDR-Zeiten äußerte. Als die zweite Tochter Katja in Dresden geboren wurde, habe sie keine Bedenken gehabt, ihre 16 Monate alte Marija in eine Krippe zu geben. Die beiden Putin-Töchter besuchten übrigens später die deutsche Schule in Moskau.
Dresdner KGB-Sitz verteidigt
Beruflich war Dresden für Putin als erster Auslandseinsatz jedoch im besten Fall zweite Wahl. Als ehrgeiziger KGB-Mann strebte man auf das Terrain des Klassenfeinds - also nach Washington, Bonn oder Wien. Und natürlich wären in der DDR Ost-Berlin und mit einigem Abstand dann vielleicht Leipzig wegen der internationalen Messe begehrtere Einsatzorte gewesen. So aber wurde Putins Deutschlandbild im „Tal der Ahnungslosen“ geprägt, wie die Dresdner das Elbtal spöttisch nannten, weil man dort kein „Westfernsehen“ empfangen konnte.
Putin hat sich - ganz Geheimdienstmann - zu seiner Dresdner Zeit bisher nur sehr spärlich geäußert. Bei seinem Besuch vor fünf Jahren sagte er lediglich, er habe in Dresden „fünf Jahre lang gelebt und gearbeitet“. Davor hatte er in einem Interview geäußert, im Herbst 1989 habe er den Dresdner KGB-Sitz in der Angelikastraße allein gegen die wütende Menge verteidigt.
„Niemand machte einen Finger krumm, um uns zu schützen, also mußten wir unsere Geschlossenheit demonstrieren.“ Insgesamt scheinen ihn die Wende und die friedliche Revolution in der DDR nicht positiv beeindruckt zu haben. Ganz unmittelbar erlebte Putin in Dresden, wie die DDR zerfiel. Putin erinnerte sich einmal, an jenem Abend sei ihm klargeworden, daß auch die Sowjetunion krankte, und zwar an einer tödlichen, unheilbaren Krankheit, der Paralyse der Macht.
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