http://www.faz.net/-gpf-72d81
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 25.08.2012, 14:41 Uhr

„Pussy Riot“ Lady Suppenhuhn

Böser Staat contra unschuldige Mädchen: Das war das Bild, das von Pussy Riot gezeichnet wurde. Dabei erinnern die Aktionskünstler mit ihren vulgären Provokationen viel mehr an die erste RAF-Generation.

von Moritz Gathmann
© dapd Die meisten oppositionell gesinnten und gut informierten Russen wollten offenbar nicht für „Pussy Riot“ auf die Straße gehen. Massenproteste gab es nur im Ausland, wie hier Hamburg

Das Urteil ist gesprochen: Ein russisches Gericht hat drei Frauen von „Pussy Riot“ zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Wochenlang trieben ausländische Journalisten und Medien im Pussy-Riot-Rausch, malten sich und der Welt ein Bild. Es trägt den Titel: „Böser russischer Staat gegen unschuldige kleine Mädchen“. Die Wirklichkeit verzerrten die Journalisten, das Bild sollte möglichst perfekt sein. Bitte kein grau. Eine Frage wurde gar nicht mehr gestellt, sie ging unter in der Solidarisierungswelle. Eine wichtige Frage: Für wen setzen wir uns da eigentlich ein?

Die 22 Jahre alte ehemalige Philosophiestudentin Nadjeschda Tolokonnikowa, die als Ikone der Russischen Revolution, als Heldin gezeichnet wird, ist seit Jahren Mitglied der russischen Aktionskunstszene. Mit der Gruppe „Woina“ veranstalteten sie, ihr Mann Pjotr Wersilow und einige andere im Frühjahr 2008 eine Gruppensex-Orgie im Moskauer Museum für Biologie. Tolokonnikowa war damals im neunten Monat schwanger - der Gruppensex machte sie und die anderen auf einen Schlag in ganz Russland bekannt.

Pornographie als Kunst

Weitere provokative und vulgäre Aktionen folgten:

Im September 2008 erhängte die Gruppe symbolisch fünf Menschen in einem Moskauer Supermarkt: Zwei Homosexuelle ließen sich freiwillig „hängen“, drei Gastarbeiter bekamen Geld. Mit Stricken um den Hals, allerdings ohne Gefahr für ihr Leben, baumelten sie an der Decke, bis Mitarbeiter des Supermarktes sie abnahmen.

Mehr zum Thema

Am ersten Tag des Prozesses gegen den Kunstkuratoren Andrej Jerofejew im Mai 2009 packten Tolokonnikowa und andere „Woina“-Mitglieder im Gerichtssaal E-Gitarren aus und sangen das Lied „Vergiss nicht, dass alle Bullen Missgeburten sind“. Die Aktion trug den Namen „Schwanz in den Arsch“.

Im Juli 2010 entwendete eine Aktivistin von „Woina“ ein Suppenhuhn aus einem Petersburger Supermarkt. Mit einigen Männern und kleinen Kindern im Schlepptau wanderte sie im Markt umher, schließlich stopfte sie sich das Suppenhuhn so tief wie möglich in ihr Geschlechtsorgan und verließ den Laden. Die Gruppe filmte die Aktion und stellte den Clip ins Netz, alles, was sie tun, dokumentieren sie. Pornographie als Kunst. Das Video ist mittlerweile schwer zu finden, manche Plattformen haben es gelöscht, andere Versionen sind großflächig verpixelt.

Arroganter, rechthaberischer Duktus

Und was sollte das Ganze? Die Woina-Mitglieder nannten die Aktion „Bjesbljadno“. Das bedeutet „nicht anschaffend“. „Woina“- Gründer Oleg Worotnikow erklärte den Titel so: „Nicht anschaffen gehen ist das Lebensprinzip von Woina. Unsere Aktivisten sind keine Schlampen, sie verkaufen nichts und kaufen nichts. Sie leben, ohne Geld auszugeben, also ohne anschaffen zu gehen. Sie vögeln nach allen Regeln der Kunst die zuhälterische russische Wirtschaft und das Regime, das das Volk vernichtet. Alles, was Woina braucht, nimmt es sich umsonst. Lebe umsonst, stirb ohne anschaffen zu gehen. Nieder mit der Küchensklaverei, es lebe die russische Frau!“

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Russische Hooligans Wie im Krieg, so im Fußball

Kritik an der Gewalt russischer Hooligans bei der EM wird in Moskau kaum geäußert. Stattdessen gibt es Lob für die Kraft und Männlichkeit der Täter – und Spott für Paris. Mehr Von Friedrich Schmidt, Moskau

17.06.2016, 23:03 Uhr | Politik
Russland Putin will gegen Olympia-Sperre in Rio vorgehen

Russland will die sich wegen Dopingvergehen abzeichnende Sperre seiner Athleten bei den Olympischen Spielen in Rio nicht hinnehmen. Der russische Präsident Wladimir Putin sagte am Rande des Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg, er suche bereits nach einer Lösung. Mehr

19.06.2016, 17:37 Uhr | Sport
Russische Hooligans Putin sorgt mit Kommentar zu EM-Krawallen für Lacher

Nach den Ausschreitungen bei der Fußball-EM in Frankreich appelliert Russlands Präsident an Vernunft und Sportleidenschaft. Seine Bemerkung zu den blutigen Krawallen in Marseille ist dagegen weniger ernsthaft. Mehr

17.06.2016, 22:12 Uhr | Politik
Ungewöhnliche Liebesgeschichte Dem Todestrakt entronnen - die Liebe gefunden

Sunny Jacobs erhoffte sich nicht mehr viel von ihrem Leben: Wegen Polizistenmordes zum Tode verurteilt, wartete die zarte Frau in einem Gefängnis in Florida auf ihr Ende auf dem elektrischen Stuhl. Tausende Kilometer entfernt sah Peter Pringle seinem Ende am Galgen entgegen. Niemals hätten die beiden geglaubt, dass sie sich eines Tages begegnen würden - heute sind sie verheiratet und kämpfen gemeinsam gegen die Todesstrafe. Mehr

22.06.2016, 18:34 Uhr | Gesellschaft
Zwischen Doping und EM-Aus Die Lex Russland

Gruppenletzter bei der EM und am Pranger: Die Leichtathleten gelten als gedopt – es sei denn, sie können das Gegenteil beweisen. Der russische Sport liegt in Scherben. Mehr Von Evi Simeoni, Lausanne

21.06.2016, 17:56 Uhr | Sport

Die unerträgliche Leichtigkeit des politischen Seins

Von Berthold Kohler

Boris Johnson begeht Fahnenflucht, weil er weiß, dass er seine Versprechen nicht halten kann. Doch könnte auch dieser Offenbarungseid sein Gutes haben. Mehr 230