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Prozess in Guantánamo Weltreisender des Dschihadismus

 ·  Am diesem Samstag wird vor einem Militärtribunal in Guantánamo die Anklageschrift gegen Chalid Scheich Mohammed verlesen. Er gilt als der Chefplaner der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten.

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© dpa „Als Märtyrer sterben“: Chalid Scheich Mohammed (oben in der Mitte) auf einer Gerichtszeichnung von 2009

Am 11. September 2001 saßen Chalid Scheich Mohammed und Ramzi Binalshib in einem Internetcafé in Karachi im Süden Pakistans. Als die Bilder vom brennenden Nordturm des „World Trade Center“ in New York über den Bildschirm flimmerten und bald darauf der Einschlag des zweiten Flugzeugs in den Südturm zu sehen war, klatschten die Besucher des Internetcafés, sprangen von ihren Stühlen, riefen „Gott ist groß!“ und weinten vor Freude. Binalshib und Chalid Scheich Mohammed freuten sich im Stillen. Sie waren von den Schreckensbildern aus Amerika nicht überrascht.

Im August hatte Binalshib, der Mittelsmann zwischen der Führung von Al Qaida am Hindukusch und den schon nach Amerika eingereisten Attentätern war, Chalid Scheich Mohammed über einen Kurier das geplante Datum der Anschläge mitteilen lassen. Kurz darauf machte sich Chalid Scheich Mohammed selbst auf den Weg: Er reiste nach Afghanistan, um Usama Bin Ladin persönlich davon zu unterrichten. Dann kehrte er nach Karachi zurück und erwartete jenen Tag, auf den er mehr als ein halbes Jahrzehnt hingearbeitet hatte.

Für Mohammed, der im Zeitalter der Globalisierung auch den Terrorismus konsequent globalisierte und zum vielleicht wichtigsten dschihadistischen Weltreisenden wurde, war die Hafenmetropole Karachi die Heimatbasis. Im Stadtteil Lyari, einem undurchdringlichen Gewirr von Straßen und Gassen, leben mehr als eine Million Belutschen; zu dieser pakistanischen Bevölkerungsgruppe gehörten seine Eltern. Beide wurden in Karachi geboren, wuchsen aber in Sarbaz im iranischen Teil Belutschistans auf. Die Familie mit seinerzeit vier Kindern war schon 1956 dem Ruf der Emire von Kuweit gefolgt, die Arbeitskräfte für die vom einsetzenden Ölboom beflügelte Wirtschaft brauchten. Weitere fünf Kinder wurden in Kuweit geboren, Chalid war das vorletzte.

Reichtum an kultureller und sprachlicher Erfahrung

Zu den prägenden Erfahrungen in seiner Kindheit und Jugend gehörte das Ausgeschlossensein: Die Gastarbeiter aus Pakistan, aus Ägypten und Palästina würden nie den Reichtum und die Privilegien der Kuweitis genießen. Sie würden nie dazugehören. Sie konnten nicht einmal wissen, wie lange man sie dulden würde. Doch Chalid Scheich Mohammed brachte die Zeit als Ausländer in Kuweit einen Reichtum an kultureller und sprachlicher Erfahrung, der ihm bei seinem Aufstieg zum wahrscheinlich effizientesten und brutalsten globalen Terroristenführer unserer Tage wichtige Dienste leisten sollte. Usama Bin Ladin, Spross einer der reichsten Familien Saudi-Arabiens, hatte das nötige Geld. Chalid Scheich Mohammed verfügte über einen schier unerschöpflichen Vorrat an Ideen und Ambitionen.

Die Familie schickte den jungen Chalid nach dessen Schulabschluss 1984 zum Studium an ein kleines College in Murfreesboro in North Carolina. Er sollte Ingenieur werden. Auch in Amerika war er ein Fremder, er gehörte zu jener Gruppe von Studenten aus dem Mittleren Osten, die mit dem „American Way of Life“ nichts anzufangen wussten.

Viele seiner muslimischen Kommilitonen waren dagegen begeistert, tranken Bier, hatten Autos und Freundinnen. Sie nannten ihre frommen Glaubensgenossen „Mullahs“. Chalid gehörte zu den „Mullahs“, war aber dennoch als umgänglicher und witziger Zeitgenosse bekannt. Nach drei Jahren Studium kehrte er enttäuscht, ja erbittert aus Amerika zurück und ging nach Peshawar im Nordwesten Pakistans. Dorthin waren seine Brüder Zahed, Aref und Abed schon gegangen, während Chalid im fernen Amerika studierte.

Ein Krieg, der eine ganze Generation prägte

Peshawar war während der sowjetischen Besatzung Afghanistans das Hinterland-Hauptquartier des Widerstands. Dort sammelten sich nicht nur die afghanischen Mudschahedin und Taliban sowie die vom pakistanischen Geheimdienst ISI ausgebildeten und ausgerüsteten islamistischen Milizen. Dorthin strömten auch muslimische Gotteskrieger aus aller Welt, um am Hindukusch den Islam gegen die kommunistischen Imperialisten zu verteidigen. In Peshawar und im Kampfeinsatz in Afghanistan kam Chalid Scheich Mohammed mit zahlreichen Islamisten aus Europa und vor allem aus Südostasien zusammen. Mit dem Indonesier Riduan Isamuddin, genannt Hambali, dem Operationschef der südostasiatischen Terrorgruppe Jemaah Islamiah, schloss Mohammed seinerzeit eine Freundschaft und Waffenbruderschaft, die bis zur Festnahme beider im Jahr 2003 dauern sollte. Heute sitzen sie im Hochsicherheitstrakt „Camp 7“ des Gefangenenlagers Guantánamo, wohin Chalid Scheich Mohammed 2006 gebracht wurde.

Überhaupt war die Zeit des Krieges in Afghanistan, bei dem Chalids älterer Bruder Abed Scheich Mohammed im Februar 1989 in einem sowjetischen Minenfeld getötet wurde, prägend für eine ganze Generation von gewalttätigen Dschihadisten. Nach dem Rückzug der geschlagenen Sowjetarmee aus Afghanistan nahm Chalid ein Leben als Weltreisender für den islamistischen Terrorismus auf. Er schuf ein beispielloses Netz von Verbindungen von Südostasien bis nach Europa, das wohl größer war als jenes von Bin Ladin, dem Chef des Terrornetzes Al Qaida.

Lange Zeit blieb das Ausmaß der Kontakte Mohammeds, der in den Fahndungsakten der amerikanischen Bundespolizei FBI und in den Dossiers der CIA (nach der englischen Umschrift) als „KSM“ geführt wurde, den amerikanischen und anderen Strafverfolgern und Diensten verborgen. Schon in den ersten Anschlag auf das World Trade Center in New York vom 26. Februar 1993 mit einem mit Sprengstoff gefüllten Lastwagen in der Tiefgarage war Chalid Scheich Mohammed verwickelt: Der Hauptattentäter Abdul Basit, der unter dem Namen Ramzi Youssef operierte, ist ein Vetter von ihm. Basit wurde 1995 in Islamabad verhaftet, an Amerika ausgeliefert und wegen des Bombenanschlags zu lebenslanger Haft verurteilt.

Erste Anklage schon 1996

Chalid Scheich Mohammed benutzte mehr als zwei Dutzend falsche Namen, reiste mal glattrasiert in Anzug und Krawatte als Geschäftsmann nach Malaysia, bald mit Vollbart und traditioneller Kleidung als Mitarbeiter von islamischen Hilfsorganisationen, hinter denen sich Geldwaschanlagen des Dschihadismus verbargen, nach Bosnien-Hercegovina. In den Fälscherwerkstätten in Pakistan waren Pässe und andere Papiere für ein paar Dollar zu haben. Die erste Anklage gegen „KSM“ in den Vereinigten Staaten wurde schon im Januar 1996 erhoben, wegen des dringenden Verdachts, er und seine Mitverschwörer wollten auf dem Flughafen von Manila Sprengstoff an Bord von Passagierflugzeugen schmuggeln, um sie mit einem Zeitzünder während des Fluges in die Luft zu sprengen.

Tatsächlich ist die Selbstbezichtigung von „KSM“ nach dessen Festnahme am 1. März 2003 im pakistanischen Rawalpindi, er habe die Anschläge vom 11. September 2001 „von A bis Z geplant“, kaum übertrieben. Die Idee, Flugzeuge nicht in die Luft zu sprengen, sondern zu entführen und als Angriffswaffe zu nutzen, hegte er mindestens seit 1996. Lange widersetzte sich Bin Ladin dem Plan, entführte Passagierflugzeuge auf amerikanischem Boden in wichtige Gebäude zu stürzen. Tatsächlich waren die Pläne von Chalid Scheich Mohammed anfangs zu ehrgeizig: Es sollten gleich zehn Flugzeuge gleichzeitig gekapert werden, Ziele sollten unter anderem Atomanlagen sein. Als Bin Ladin schließlich einem verschlankten Komplott zustimmte, oblag es „KSM“, aus seinem umfangreichen Netz von Verbindungen die Selbstmordattentäter zu rekrutieren, die in der Lage sein sollten, ein Visum für die Vereinigten Staaten zu bekommen.

Erst anderthalb Jahre nach der Tat gelang es der CIA, Chalid Scheich Mohammed in einem Versteck in Rawalpindi ausfindig zu machen und gemeinsam mit dem pakistanischen ISI festzusetzen. Ohne den Verrat eines einstigen Mitkämpfers, der heute unter einem Zeugenschutzprogramm mit neuer Identität in Amerika lebt und eine Belohnung in Höhe von 25 Millionen Dollar erhielt, wäre es nicht gelungen. Nach der Festnahme am 1. März 2003 wurde Mohammed zunächst drei Tage in Pakistan festgehalten und von Pakistanern und Amerikanern verhört. Es folgten drei Tage auf dem amerikanischen Stützpunkt Bagram bei Kabul in Afghanistan - und drei Jahre in den „Black Sites“ genannten CIA-Geheimgefängnissen in Thailand, Polen oder Rumänien.

183 Mal Waterboarding

Der „harschen Verhörmethode“ des simulierten Ertränkens (Waterboarding), die weithin als Folter bezeichnet wird, wurde „KSM“ bei den Verhören durch Vertragsmitarbeiter der CIA insgesamt 183 Mal unterzogen. Mal schwieg, mal redete er in den Verhören, mal sagte er die Wahrheit, mal log er. Er gestand etwa, dass er den amerikanischen Journalisten Daniel Pearl am 1. Februar 2002 in Karachi eigenhändig enthauptete.

Er gab mehr als drei Dutzend angebliche oder tatsächliche Anschlagspläne in der Zeit nach „9/11“ preis. Er verriet 87 Namen von angeblichen oder tatsächlichen Mitverschwörern. Über den kuweitischen Kurier von Bin Ladin, den „KSM“ kennen musste und dessen Überwachung die CIA im Mai 2011 schließlich zum Versteck des Al-Qaida-Führers in Abbottabad in Pakistan führte, schwieg er sich aus. Auch über die Anschläge von Madrid im April 2004 und von London im Juli 2005 sagte „KSM“ in den Verhören nichts, obwohl er nach Ansicht von Fachleuten an den Vorbereitungen beteiligt war.

Am Samstag wird in Guantánamo vor einem Militärtribunal die Anklageschrift gegen Chalid Scheich Mohammed und vier Mitverschwörer der Anschläge von „9/11“ verlesen. In einem ersten Verfahren vor einem Militärgericht in Guantánamo von 2008 noch unter Präsident George W. Bush, das nach der Amtsübernahme von Präsident Barack Obama abgebrochen wurde, hatte er sich schuldig bekannt und buchstäblich die Todesstrafe für sich gefordert. „Ich will schon seit langem Märtyrer werden“, hatte Chalid Scheich Mohammed seinerzeit gesagt.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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