20.10.2005 · Zumindest für die arabische Welt hat Saddam Hussein seine Chance genutzt: Die Welt blickte auf Bagdad und der frühere Präsident des Irak, dem die Todesstrafe droht, sprach optimistisch, ruhig und von seiner Unschuld überzeugt.
Von Rainer Hermann, ArbilSaddam Hussein hat seine Chance genutzt. Die Welt blickte am Mittwoch auf Bagdad und der gab eine Kostprobe seiner rhetorischen Fähigkeiten. Vergeblich versuchte der vorsitzende Richter, dem gestürzten Diktator eine Antwort auf die Frage nach seiner Identität zu entlocken. „Sie sind Iraker und Sie kennen mich“, entgegnete er dem Richter in scharfem Ton. „Und sehr wohl wissen Sie auch, daß ich nicht ermüde.“
Die anderen sieben Angeklagten aber wirkten müde. Gegenüber den letzten Auftritten vor ihrer Verhaftung sahen sie um viele Jahre gealtert aus. Nun saßen sie innerhalb eines weißen Zauns in drei Sitzreihen hintereinander, mit Saddam Hussein in der ersten Reihe. Kaum mehr wiederzuerkennen waren Saddams Halbbruder Barzan Ibrahim al Hassan und der frühere stellvertretende Staatspräsident Taha Yassin Ramadan. Saddam Hussein aber zeigte sich kämpferisch. Während seines Auftritts blitzten sein Charisma und seine List auf.
„Ich bin ein Araber“
Rasch wird er nicht nachgeben. Noch unmittelbar vor dem Beginn des Prozesses hatte sein Chefverteidiger Khalil Dulaimi gesagt, Saddam Hussein sei in sehr guter Stimmung und optimistisch, ruhig und von seiner Unschuld überzeugt. Als letzter der Angeklagten wurde er in den engen Gerichtssaal geführt. Einst hatte er hier, auf dem Gelände seines ehemalige Palasts, die Geschenke ausländischer Staatsgäste aufbewahren lassen.
Nun war er um zwei Uhr nachts, wohl mit einem Hubschrauber, von seinem Gefängnis nahe des Flughafens in die „Grüne Zone“ gebracht worden. Um neun Uhr habe man ihn in diese „Uniform“ gesteckt, in ein Jacket mit einem offenen weißen Hemd, wie er abfällig bemerkte. Er lächelte dem Angeklagten neben ihm, dem ehemaligen Oberrichter des Revolutionsgerichts Awwad Hamad al Saadun, für einen Augenblick gut gelaunt zu. Der ließ sich dann auch von Saddams Mut anstecken.
Als der Vorsitzende Richter diesen nach seiner Identität fragte, antwortete er: „Ich bin ein Araber, und das Gericht kennt meine Identität.“ Als Araber werde er erst antworten, wenn er seine Kopfbedeckung wieder habe, die ihm aus Sicherheitsgründen genommen worden sei. Darauf verteilten Gerichtsdiener an ihn und drei weitere Angeklagte das schwarze Band, den Aqqal aus Kamelhaar, und das Tuch der Kufiya.
Gedichte in der Gefängniszelle
In der Gefängniszelle schreibt Saddam Hussein Gedichte, und im Gerichtssaal spielt er den Unbeugsamen. „Wer sind Sie und was tun Sie hier“, raunzte er den Richter Rizgar Muhammad al Amin, der dem Kollegium der fünf Richtern vorsitzt. Der Kurde, der bis zu diesem Morgen unbekannt war, erwiderte kühl, das sei ein Sondertribunal, und vor dem sei er, Saddam Hussein, angeklagt. Dann wollte der gestürzte Diktator wissen, ob Rizgar überhaupt Richter sei. Das war er in den vergangenen Jahren in Sulaimanija in der föderalen Region Irakisch-Kurdistan.
Saddam Hussein blieb standhaft und gab seine Identität nicht preis. Aus Respekt vor dem ruhmreichen irakischen Volk und unter Inanspruchnahme seiner verfassungsmäßigen Anspruchs - damit spielte er auf seinen Anspruch an, noch immer Präsident des Irak zu sein und Immunität zu besitzen - verweigere er die Aussage. Er nahm die Richter, die erhöht vor ihm saßen, ins Visier und sagte, Haß hege er gegen keinen von ihnen. Nur erkenne er diejenigen nicht an, die sie ernannt und „unser Land angegriffen“ hätten. Damit gab er der Verteidigung die Linie vor, nicht auf die Details der Anklage einzugehen, sondern die Legitimität des Sondertribunals grundsätzlich in Frage zu stellen. Wiederholt unterbrach der Richter Saddam Hussein. Immer blieb er freundlich und ließ ihn weiterreden. Offenbar wollte er nicht den Eindruck entstehen lassen, die Angeklagten hätten in diesem Verfahren keine Chance.
Leise Anerkennung für Saddams Gerissenheit
Gelegentlich huschte ihm als Anerkennung für Saddams Gerissenheit sogar ein kleines Lächeln über die Lippen. Regungslos hörte Saddam dann der Verlesung der Anklageschrift zu, mit einem Blick tiefer Verachtung für seine Umgebung. Dann mußten die Angeklagten einzeln aufstehen. „Unschuldig“, sagte jeder von ihnen. Schließlich stimmte Rizgari dem Antrag der Verteidigung zu und vertagte das Verfahren bis zum 28. November. Diesen Antrag hatte Saddams Verteidiger Khalil Dulaimi gestellt.
Der irakische Jurist hatte erst im Juli die Verantwortung für die gesamte Verteidigung übernommen. Denn Saddams Tochter Raghda hatte die Verteidigung, die aus zwanzig Anwälten bestand, entlassen. Vor allem den ausländischen Verteidigern hatte sie vorgeworfen, das Verfahren für ihre Zwecke zu mißbrauchen. Nun solle die Verteidigung mit einer Stimme sprechen. Bis dahin hatten der Verteidigung unter anderem der frühere amerikanische Staatsanwalt Ramsey Clark und der ehemalige französische Außenminister Roland Dumas angehört. Das ist nun das erste große Verfahren für Dulaimi, der auch nach seiner Bestellung zum Chefverteidiger die Öffentlichkeit gescheut hat.
Weiter Weg zur Demokratisierung
In der arabischen Welt legt das Verfahren gegen Saddam Hussein offen, wie weit die Region auf dem Weg der Demokratisierung ist: In vielen Meinungen, die der Nachrichtensender al Dschazira am Mittwoch widergab, wurde der arabische Nationalismus weiter über die Verbrechen gestellt, für die Saddam Hussein verantwortlich gemacht wird.
Muhammad Bakri, der Chefredakteur der in Kairo erscheinenden Wochenzeitung al Usbu, pries Saddam Hussein als einen überzeugten arabischen Patrioten, der verhindert habe, daß sich die Kurden vom arabischen Irak abgespalten hätten und daß der schiitische Südirak unter den Einfluß Irans geraten sei. Bei den Stimmen, die der Sender auf der „Straße“ von Kairo gesammelt hat, überwog die Meinung, Saddam Hussein stehe nur deswegen vor Gericht, weil das der Wille der Vereinigten Staaten sei.
Für Saddam Hussein ergriff am eloquentesten Abdalbari Atwan Partei, der Chefredakteur der in London erscheinenden arabisch-nationalistischen Tageszeitung „Al Quds al arabi“. Saddam Hussein sei heute wegen Verbrechen angeklagt, die er in einer Zeit begangen habe, als er im Kampf gegen das revolutionäre Iran Verbündeter der Vereinigten Staaten gewesen sei, sagte Atwan. Im Irak hätten alle Blut an den Händen, auch die Vertreter der heute regierenden schiitischen Parteien, auch Präsident Bush.
Denn seit dem Beginn der Besatzung seien mehr als 100.000 irakische Zivilisten getötet worden. Präsident Bush müßte daher ebenso als Kriegsverbrecher ebenfalls vor Gericht gestellt werden, forderte der in der arabischen Welt angesehene streitbare Intellektuelle. Nun diene der Prozeß gegen Saddam Hussein aber lediglich als Ablenkung von den Verbrechen, wie sie in Falludscha, al Qaim und Tal Afar gegen die Aufständischen begangen würden, sagte Atwan. Nun seien doch alle Araber und Muslime überzeugt, daß sie vom Westen keine Gerechtigkeit zu erwarten hätten.
Genugtuung war diesem Mittwoch dagegen unter den kurdischen und schiitischen Opfern von Saddam Husseins Regime zu spüren. Bei den sunnitischen Arabern im Irak und außerhalb aber wird der Prozeß gegen Saddam Hussein als „Siegerjustiz“ empfunden. Damit dürfte der Graben zwischen der Arabischen Liga, deren Mitglieder Saddam Hussein fast ausnahmslos unterstützt hatten, und den Opfern des Regimes von Saddam Hussein nur noch tiefer werden. Einst hatten die meisten Araber Saddam Hussein bewundert, weil der den Vereinigten Staaten, Israel und Iran die Stirn bot. Heute könnte er auf der Anklagebank abermals zu ihrer Galionsfigur werden.
„Sie kennen mich“: Schlagabtausch im Gerichtssaal
Als Reaktion auf eine Frage des Richters erhob sich Saddam von seinem Stuhl und begann laut aus dem Koran vorzulesen, den er in den Gerichtssaal mitgebracht hatte.
Richter: Herr Saddam, wir haben Sie um Ihre Personalien, Ihren Namen, Beruf und Adresse gebeten, und dann wird es ihnen erlaubt sein, zu sprechen. Jetzt geht es um Ihre Personalien.
Saddam: Ich hatte nicht vor, viel zu sagen.
Richter: Wir brauchen Ihre Personalien, Ihren Namen, dann werden wir hören, was Sie zu sagen haben. Wir stellen jetzt Ihre Personalien fest. Wir werden Sie anhören, wenn es nötig ist, von Ihnen zu hören.
Saddam: Zu allererst: Wer sind Sie und was sind Sie?
Richter: Der irakische Strafgerichtshof.
Saddam: Sind Sie alle Richter?
Richter: Wir haben keine Zeit für Einzelheiten. Sie können angeben, was Sie wollen.
Saddam: Ich bin seit 2.30 Uhr in diesem Militärgebäude und seit 9 Uhr trage ich diesen Anzug. Sie haben mich mehrmals aufgefordert, ihn aus- und wieder anzuziehen.
Richter: Wer sind Sie? Wie lauten Ihre Personalien? Sie könnten Platz nehmen und die anderen ihre Namen angeben lassen und dann könnten wir wieder auf Sie zurückkommen.
Saddam: Sie kennen mich. Sie sind Iraker und wissen, wer ich bin. Und Sie wissen, daß ich nicht ermüde.
Richter: Es handelt sich um eine Formalität und wir müssen die Angaben von Ihnen hören.
Saddam: Man hat verhindert, daß ich einen Stift und Papier bekomme. Papier scheint in diesen Zeiten eine beängstigende Sache zu sein. Ich hege keinen Groll gegen Sie alle. Aber in Treue zu dem, was recht ist, und aus Respekt gegenüber dem großen irakischen Volk, das mich gewählt hat, werde ich diesem Gericht nicht Rede und Antwort stehen, bei allem angemessenen Respekt für diejenigen, die damit zu tun haben. Ich behalte mir meine verfassungsmäßigen Rechte als Präsident des Iraks vor. Sie kennen mich.
Richter: Es handelt sich um einen festgelegten Ablauf. Ein Richter darf sich nicht auf seine persönlichen Kenntnisse verlassen.
Saddam: Ich anerkenne nicht die Gruppe, die Sie autorisiert und ernannt hat. Gewalt ist unrechtmäßig, und was auf Unrechtmäßigkeit gebaut ist, ist ebenfalls unrechtmäßig.
(Protokoll: Reuters)
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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