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Prozess gegen Pussy Riot Sitte, Moral, Tabak und teure Uhren

 ·  Die russisch-orthodoxe Kirche verlangt Härte gegen die Punk-Band Pussy Riot. Besondere Glaubwürdigkeit kann sie dabei nicht beanspruchen.

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© REUTERS Glaube und Geschäft: Patriarch Kirill (rechts) im April vor der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau

Eingesperrt in einen Käfig wie gefährliche Gewalttäter sitzen drei junge Frauen seit dieser Woche in einem Moskauer Gerichtssaal. Die Aktivistinnen der Punk-Band Pussy Riot waren im Februar durch den Altarraum der Christus-Erlöser-Kathedrale, der Hauptkirche der russischen Orthodoxie, getanzt und hatten die Mutter Gottes grölend dazu aufgefordert, die Rückkehr Wladimir Putins ins Präsidentenamt zu verhindern. Ihr Flehen wurde bekanntlich nicht erhört. Stattdessen müssen sich Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Maria Aljochina wegen Hooliganismus und Anstiftung zu religiösem Hass verantworten.

Die Anklage lässt derzeit reihenweise entsetzte Kirchgänger als Zeugen defilieren. Bisheriger Höhepunkt war der junge Immobilienmakler Oleg Ugrik, der den Auftritt der Aktivistinnen als „Kriegserklärung“ bezeichnete. Dieses Wort hätte vom Patriarchen Kirill selbst stammen können. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche wittert hinter dem Auftritt der jungen Frauen nämlich einen Kreuzzug gegen die orthodoxe Kirche, gegen Sitte und Moral. Die Provokation in seiner Stammkirche hat der Patriarch als „Spott des Teufels“ gegeißelt und mit dieser Wortwahl wohl nicht zufällig auf die brutale Verfolgung der Kirche durch die Kommunisten nach der Oktoberrevolution von 1917 angespielt.

Kaum verschleierte Wahlempfehlung für Wladimir Putin

Im einem dramatischen Akt der Gegenwehr hatte der Synod, das Leitungsgremium aus 12 Bischöfen und dem Patriarchen, die Anhänger der russisch-orthodoxen Kirche schon im April zur Verteidigung des Glaubens aufgerufen. Aus Moskau und den Regionen reisten 65.000 Menschen mit Kreuzen und Ikonen zur Christus-Erlöser-Kathedrale, um dem Patriarchen ihre Solidarität zu bekunden.

Zum Prozessauftakt am Montag haben sich die politischen Aktivistinnen gegenüber den Gläubigen für den Auftritt in der Kathedrale entschuldigt und einen „ethischen Fehler“ eingestanden. Allerdings wiesen sie darauf hin, dass sie nicht aus Hass gegen die Religion gehandelt hätten, sondern aus Protest gegen Putin und die unverhohlene Unterstützung der Kirche für ihn. Auf diese Entschuldigung reagierte die Kirchenführung nicht. Sie zeigt sich unversöhnlich und scheint es darauf anzulegen, dass die jungen Frauen, von denen zwei Mütter kleiner Kinder sind, zur Höchststrafe von sieben Jahren verurteilt werden. Selbst Beobachter, denen die Aktion von Pussy Riot geschmacklos und verfehlt erscheint, kritisieren inzwischen die Härte der Kirche, die an den Frauen offenbar ein Exempel statuiert sehen möchte.

Die Dämonisierung der vermeintlichen Kirchenfeinde kommt dem Patriarchen auch deshalb gelegen, weil die Kirche und er selbst zuletzt in die Kritik geraten sind. Kirills Nähe zur Staatsregierung und seine kaum verschleierte Wahlempfehlung für Wladimir Putin bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen waren nicht nur von der Punk-Band angeprangert worden. Teile der Opposition hatten nach den Massendemonstrationen vom Winter auf ein Machtwort des Patriarchen als unabhängiger moralischer Instanz gehofft. Dieser war jedoch Putin beigesprungen und hatte die Protestierenden aufgefordert, den Demonstrationen für faire Wahlen fernzubleiben. Gläubige sollten lieber im Stillen beten.

Experimente im Bankensektor und in der Landwirtschaft

Bescheidenheit und Demut gehören indes nicht zu den Tugenden des Patriarchen, dem ein Hang zum Luxus nachgesagt wird. Kompromittierende Fotos und Karikaturen kreisen seit Monaten durch das russische Internet. Besonders peinlich war eine Aufnahme Kirills, auf der eine teure Armbanduhr wegretuschiert worden war, das Spiegelbild des Schmuckstücks auf der glänzenden Tischplatte bei der Bildbearbeitung aber vergessen wurde.

Spätestens dieser Fauxpas hat die Russen an die alten Gerüchte erinnert, nach denen das Patriarchat in den neunziger Jahren Tabak und Alkohol importiert haben soll. Die Kirche weist diese Vorwürfe freilich zurück. Es habe sich dabei um eine Diffamierungskampagne der Jelzin-Regierung gehandelt. Allerdings gab es Experimente im Bankensektor und in der Landwirtschaft. Diese seien jedoch beendet worden, auch weil die Bevölkerung es nicht gutgeheißen habe, dass die Kirche als Unternehmen auftrat, beteuern Kirchensprecher.

Nie mit einer liberalen, pluralistischen Gesellschaft konfrontiert

Oppositionelle Medien in Russland finden allerdings fortdauernd neue Belege für die Geschäftemacherei der Kirche. Im Untergeschoss der Christus-Erlöser-Kathedrale betreibt die Kirche ein Geschäftszentrum samt Autowaschanlage. Wenn man den schwunghaften Handel mit Souvenirs dazu zählt, dann bleibt nur ein kleiner Teil der eigentlichen Fläche für den Gottesdienst, wie die regierungskritische Zeitung „Nowaja Gaseta“ berichtete. Die Religionsgemeinschaften in Russland erhalten kein Geld durch Kirchensteuern. Die russisch-orthodoxe Kirche erhält finanzielle Unterstützung von großen Staatskonzernen wie Gasprom und Lukoil. Die Missionsabteilung beispielsweise wird fast vollständig vom Gaskonzern finanziert.

Die enge Beziehung der Kirche zum Staat hat in der russisch-orthodoxen Kirche Tradition. Jahrhundertelang war sie Staatsreligion. Mit einer liberalen, pluralistischen Gesellschaft war die Kirche im Laufe der Zeit nie konfrontiert. Mit ihrer harten Haltung gegenüber Pussy Riot auf der einen Seite und der Laxheit bei eigenem Versagen auf der anderen Seite setzt die Kirchenführung ihre Glaubwürdigkeit gerade beim liberalen Teil der russischen Gesellschaft aufs Spiel.

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Jahrgang 1981. Redakteurin in der Politik.

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